Beim Bundesliga-Auftakt der Füchse Berlin gegen den Bergischen HC saßen Bob Hanning und Stefan Kretzschmar auf der Tribüne. Schon nebeneinander, Hanning im grellen Sakko, Kretzschmar im schwarzen Shirt. Doch zwischen ihnen blieb zeitweise ein Stuhl frei. Muss nichts bedeuten, es ist manchmal eng in einer Handballhalle. Da kann ein Meter Freiheit nach links oder rechts angenehm sein.
Aber vielsagend war es dann doch.
Am Dienstag verriet Kretzschmar, 52, der Öffentlichkeit gewissermaßen, weshalb er keine Lust hatte, dichter an seinen Vereinsboss heranzurücken. Kretzschmar, früher selbst 218 Mal für die deutsche Nationalmannschaft im Einsatz, verkündete, dass er sein Amt als Sportvorstand der Füchse im Sommer 2026 abgeben werde. Das tat er via Instagram; in seinem langen Beitrag über 24 Zeilen erwähnte er Hanning namentlich nicht. Und doch war allen klar, wer aus Kretzschmars Sicht offenkundig Schuld an dieser Entwicklung trug.
Hanning, 57, bekannt für revolutionäre Ideen und bunte Oberbekleidungsstücke, ist die prominenteste Figur im deutschen Handball, noch vor Bundestrainer Alfred Gislason, vor Juri Knorr und Renars Uscins, den deutschen Popstars der Sportart. Und Hanning wäre nicht so weit gekommen, hätte er an Punkten in seiner Karriere nicht alles hinterfragt und die Dinge auf andere Art gestaltet, als es alle von ihm erwarteten. Letztlich hat er das Handballprojekt der Füchse Berlin aus der zweiten Liga mit 17 Dauerkarten (O-Ton Hanning: „15 an den Fanklub und zwei an meine Eltern“) binnen 20 Jahren zum deutschen Meister geformt.
Es ging bei den Füchsen Berlin um die Ausrichtung des Vereins, um persönliche Präferenzen, um auslaufende Arbeitspapiere
Die Füchse schienen auch zuletzt bestens gerüstet zu sein für die Zukunft. Mit Hanning und Kretzschmar, zwei prominenten Machern, dem einen als Geschäftsführer, dem anderen als Sportvorstand. Mit einem jungen Team mit einem sehr jungen Coach, Jaron Siewert, 31, der gerade zum „Trainer des Jahres“ gewählt wurde. 9000 Menschen kommen zu Heimspielen in die Max-Schmeling-Halle, der Welthandballer spielt hier, der Däne Mathias Gidsel. Viel besser geht es nicht.
Just auf dem vorläufigen Höhepunkt ihres Schaffens traten die Differenzen zwischen Hanning und Kretzschmar immer offener zutage. Es ging um die Ausrichtung des Vereins, um persönliche Präferenzen, um auslaufende Arbeitspapiere. Kretzschmar hätte es etwa gerne gesehen, wären sein eigener Vertrag und jener von Trainer Siewert (beide bis Juni 2026) vorzeitig verlängert worden. Außerdem hätte er – mit dem Meisterbonus – gerne noch mehr in die Qualität des Kaders investiert und weitere Spitzenhandballer nach Berlin geholt.
Hanning aber bremste. Er will bei den Füchsen weiterhin einen Fokus auf die Nachwuchsarbeit legen und punktuell Spitzenspieler wie Gidsel dazuholen, nicht andersherum. Auch, weil es zuletzt finanziell schwierige Jahre waren in Berlin, als dem Klub auf einen Schlag mehrere wichtige Sponsoren abhandenkamen. In der Meistersaison wurde vieles, wenn nicht alles dem Erfolg untergeordnet. Jetzt gehe es ans Aufarbeiten. Hanning wollte sich deshalb nicht drängen lassen, er wollte die Vertragsfragen mit Kretzschmar und Siewert (die als Meister sicher nicht für weniger Geld arbeiten wollen) erst im Herbst klären.
Wer ersetzt Kretzschmar in Berlin? Und kommt auch gleich ein neuer Trainer?
Sein Missfallen deutete Kretzschmar mehr als einmal an. Er beklagte einen „Zustand, wo man natürlich gerade in der Luft hängt“. So werde der Verein unnötiger Unruhe ausgesetzt, sagte Kretzschmar, der zusätzlich beim Sender Dyn als Experte arbeitet. Auch könne er seinen Job als Kaderplaner nicht richtig ausführen, wenn sein Vertrag nicht verlängert werde. Hanning antwortete in der FAZ, nannte Kretzschmars Aussagen „grenzwertig“. Das Ende: Hanning bleibt der Boss, Kretzschmar wird den Klub verlassen, offiziell, um den „medialen Druck“ vom Verein zu nehmen.
Man hätte gefahrlos einen mittleren Geldbetrag auf ein solches Szenario setzen können. Letztlich sind Hanning und Kretzschmar zwei Alphatiere. Die, wie es manchmal so ist in einer gemeinsamen Firma oder einem Sportverein, eine gewisse Zeit lang koexistieren können. Bis es knallt und ein Alphatier zurückbleibt.
Interessanterweise kommt hinzu, dass sich Hanning längst Gedanken um sein Erbe bei den Füchsen gemacht hat. Zwei Jahre noch will er weiterwirken, dann seinen Job an Paul Drux abgeben, seinen früheren Spieler, der bis dahin in die Rolle des Geschäftsführers hineinwachsen soll. Kretzschmar spielte in diesen Überlegungen eine untergeordnete Rolle, jetzt kann der Klub ganz ohne ihn planen.
Wie wild wabern nun die Spekulationen durch Berlin. Die einen sehen Siewert ebenfalls gehen und den Dänen Nicolej Krickau (früher Flensburg) als neuen Coach in der Hauptstadt. Andere vermuten, dass Lemgos Trainer Florian Kehrmann, ein früherer Nationalspieler und Weltmeister, im Sommer 2026 nach Berlin kommen wird. Auch der Name des früheren Bundestrainers Dagur Sigurdsson fällt, er hat schon einmal die Füchse trainiert, von 2009 bis 2015, würde aber nicht als Coach kommen, sondern als Nachfolger Kretzschmars.
Doch Hanning beliebt es, die Leute zu überraschen. Laut Bild hat er Siewert einen neuen Vertrag bis 2027 angeboten.



