Dass sich Dika Mem ausgerechnet dem deutschen Handball zuwenden würde, war im Sommer 2024 kaum abzusehen. Damals bei Olympia, beim Wunder von Lille, war dem Franzosen Mem im Viertelfinalspiel gegen die Deutschen ein fataler, ein wirklich fürchterlicher Fehlpass unterlaufen. Die Franzosen führten mit einem Treffer, nur sechs Sekunden waren noch zu spielen. Mem hatte den Ball, er hätte ihn auf die Tribüne schleudern können, die Franzosen hätten bei ihrem Heimturnier das Halbfinale erreicht. Doch Mem versuchte einen Pass nach vorn, den Julian Köster abfing: Renars Uscins erzielte mit der Schlusssirene den Ausgleich, die Franzosen scheiterten in der Verlängerung.
Mem war damals untröstlich, er entschuldigte sich öffentlich beim Team und bei der Nation. Doch abgeschreckt haben ihn die Geschehnisse offensichtlich nicht. Denn Mem, 28, wird nach Deutschland kommen, nach Ablauf seines Vertrags beim FC Barcelona wechselt er zu den Füchsen Berlin, voraussichtlich im Sommer 2027 (wenn sich die Vereine nicht noch auf einen früheren Zeitpunkt einigen). Mem unterschrieb am Freitag einen Vierjahresvertrag bis 2031, ohne Ausstiegsklausel.
Dika Mem in der Bundesliga – das ist zweifellos ein großes Ding. Ein Weltstar kommt, da ist die Begrifflichkeit ausnahmsweise angemessen. Dieser Transfer schafft es locker unter die Top fünf der spektakulärsten, jemals getätigten Wechsel in der deutschen Handballliga.
Dabei stachen die Füchse hochkarätige Mitbewerber aus. Mem hätte in Barcelona verlängern können: Der Klub, für den er seit 2016 spielt, bot ihm ein neues Arbeitspapier an. Auch Paris Saint-Germain, der mit Abstand größte französische Verein, machte ihm ein lukratives Vertragsangebot. Doch Mem entschied sich für Berlin, wo ein neuer Ausrüstervertrag (Adidas statt Puma) dem Verein die entsprechenden finanziellen Spielräume eröffnet. Auch die Abschiede von Trainer Jaron Siewert, Sportvorstand Stefan Kretzschmar und Rückraumspieler Lasse Anderson taten dem Geldbeutel gut.
„Wir haben uns maximal um ihn bemüht“, sagte Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning, der die Verhandlungen führte: „Je mehr wir ihn kennengelernt haben, desto begeisterter waren wir.“ Auch Trainer Nicolej Krickau war an den Gesprächen mit Mem und dessen Familie beteiligt. „Dika ist enorm hungrig zu zeigen, was er in der härtesten Liga der Welt zu bieten hat“, sagte Krickau: „Das ist ein großer Tag für die Füchse.“
Sind Mem und Gidsel Konkurrenten im rechten Rückraum? Eher nicht
Tatsächlich ist Mem einer dieser kompletten Handballer, die es nur selten gibt auf der Welt. Ein wurfgewaltiger Linkshänder von 1,94 Metern Körpergröße, der knallharte Distanzwürfe aufs Tor jagt, der aber auch über schnelle Beine verfügt, mit denen er sich an den Sechs-Meter-Kreis durchtankt. In der Defensive hat Mem seine Stärken vorwiegend in offensiven Abwehrformationen. Mit den Franzosen war er bereits Olympiasieger (2021), Weltmeister (2017) und Europameister (2024). Dreimal gewann er mit Barcelona die Champions League, neunmal die spanische Meisterschaft, viermal den Super Globe. Mit 28 Jahren sucht er jetzt eine neue, vielleicht finale Herausforderung. Die Füchse hätten sich „unglaublich um mich bemüht“, erklärte Mem am Freitag: „Ich war lange in Spanien, und jetzt fühlt es sich richtig an, den Schritt in die Bundesliga zu wagen.“
In Berlin wird Mem in einem Rückraum agieren, der weltweit seinesgleichen sucht, und der den die Konkurrenten aus Magdeburg, Kiel oder Flensburg schon jetzt einige Sorgen bereiten dürfte. Mathias Gidsel, der Welthandballer, spielt seit 2022 in Berlin. Im Sommer 2027, vielleicht auch etwas früher, kommt Gidsels dänischer Kumpel Simon Pytlick, mit dem er in der Nationalmannschaft ein beeindruckendes Duo bildet, von der SG Flensburg-Handewitt dazu. Nils Lichtlein, das größte deutsche Talent auf der Mittelposition, hat ebenfalls seinen Vertrag verlängert. Und eben Mem, der wie Gidsel Linkshänder ist, auf dem Papier mit dem Dänen also um die Position im rechten Rückraum konkurriert.
Im Weg stehen werden sich die beiden Weltklassekräfte mutmaßlich nicht. Im dänischen Fernsehen sagte Gidsel über Mem: „Jeder kennt seine Qualitäten, ich schätze sie sehr.“ Mit dem Franzosen werde der Berliner Handball „noch flexibler, ich betrachte das als Synergie“. In der dänischen Nationalmannschaft ist Gidsel zuletzt häufiger auf die Mittelposition ausgewichen, wo es etwas strategischer und weniger kraftmeierisch zugeht als auf den Halbpositionen. Eine Zukunft als Mittelmann ist für den körperlich beanspruchten Dänen eine realistische Option. Gidsel erklärte, er könne „problemlos etwas nach links“ rücken. So wäre auf Halbrechts die Bahn frei für Mem.
Auch Torhüter Andreas Palicka kommt zu den Füchsen
Fertiggestellt ist die Berliner Weltauswahl damit nicht. In Andreas Palicka kommt zeitnah ein prominenter Torhüter dazu, der in der Bundesliga bereits für den THW Kiel und die Rhein-Neckar Löwen aufgelaufen ist. Zuletzt spielte er für den norwegischen Klub Kolstad. Der Schwede ist schon 39 Jahre alt, aber trotzdem einer der weltweit besten Torsteher. Palicka hat seine Zusage für einen Einjahresvertrag gegeben. In seinem Schatten soll sich Lasse Ludwig, dem eine große Zukunft als Torhüter vorhergesagt wird, weiterentwickeln. Ebenfalls gesucht wird ein weiterer Rechtshänder für den Rückraum, für den Fall, dass Pytlick tatsächlich erst 2027 nach Berlin kommt. Wie Bob Hanning erzählte, sei man auch hier gut unterwegs.
An Argumenten, um weitere Spieler für das Berliner Weltklasse-Projekt zu begeistern, dürfte es künftig nicht mangeln. Einmal zusammen mit Gidsel, Mem, Pytlick und Palicka aufzulaufen, diese Gelegenheit bietet sich einem Handballprofi nicht so oft. Es dürfte eine Freude werden, dieses Team auf der Handballplatte zu sehen, wenn es mal vollzählig ist. Man muss Dika Mem ja nicht unbedingt in den letzten sechs Sekunden den Ball in die Hand drücken.


