Handball: Füchse Berlin:Berliner Wunder

Auch im Handball führt ein krasser Außenseiter die Tabelle an: Die Füchse Berlin überraschen die Liga mit 12:0 Punkten. Ihr Trainer Dagur Sigurdsson erinnert an den Mainzer Thomas Tuchel.

Carsten Eberts

Der große Sieg wird in den Köpfen bleiben, auch wenn in ein paar Wochen wieder Normalität eingekehrt ist. Die Handballer der Füchse Berlin lagen sich fassungslos in den Armen, von den Rängen rumpelte Lärm, wie ihn selten eine Handballmannschaft in der Hauptstadt zu hören bekam. "Dieses Spiel war der Durchbruch für den Handball in Berlin", jubelte Kapitän Torsten Laen nach dem 26:23 gegen den Rekordmeister THW Kiel, mit dem die Füchse vor zwei Wochen überraschend ihre Tabellenführung verteidigten. "Wir haben die Leute auf unsere Seite geholt", sagte sein Trainer Dagur Sigurdsson, 37. Die Euphorie ist groß dieser Tage in Berlin.

Handball: Füchse Berlin: Verwunderung überall, auch bei Nationaltorhüter Silvio Heinevetter: Die Füchse Berlin sind Tabellenführer in der Handball-Bundesliga.

Verwunderung überall, auch bei Nationaltorhüter Silvio Heinevetter: Die Füchse Berlin sind Tabellenführer in der Handball-Bundesliga.

(Foto: imago sportfotodienst)

Zwei Wochen später sind die Füchse immer noch ungeschlagener Tabellenführer der Handball-Bundesliga - und die Parallelen zu den Fußballern des 1. FSV Mainz 05 drängen sich geradezu auf: Ein Außenseiter mit einem jungen Trainer, ein Traumstart mit sechs Siegen in Serie, ein Sieg gegen den großen Favoriten (Mainz gewann überraschend beim FC Bayern). "Wir sind der FSV Mainz 05 der Handball-Bundesliga", sagt da selbst Bob Hanning, Geschäftsführer der Füchse und Architekt des Berliner Handballaufschwungs.

Sigurdsson, der Tuchel-Typ

Vergleichbar sind zu allererst die Übungsleiter. Füchse-Trainer Dagur Sigurdsson ähnelt nicht nur dem Mainzer Thomas Tuchel, weil beide 37 Jahre alt sind und gerne Dreitagebart tragen. Sigurdsson ist auch emotional ein Tuchel-Typ, der mit der Euphorie umzugehen weiß - der sie befeuert, wenn es sein muss, am allerliebsten jedoch bremst: "Die Situation ist ähnlich", sagt Sigurdsson zu sueddeutsche.de: "Auch ich bin jung und habe zum Glück eine Mannschaft, die derzeit alle überrascht."

Nach dem 26:25-Sieg bei der SG Flensburg-Handewitt gab der Isländer seiner Mannschaft vier Tage frei, zum Abschalten, Kopf frei kriegen. Sigurdsson sagt: "Wir haben uns in den letzten Wochen ein paar Türen geöffnet. Die Stimmung ist sehr gut, die wollen wir uns bewahren." Seit dem Erfolg gegen Kiel verkaufen die Berliner T-Shirts, auf denen steht: "Champions-League-Sieger-Besieger". Am Wochenende kommt der TV Großwallstadt, ein direkter Konkurrent, wenn es am Saisonende um die Qualifikation für den Europacup geht. "Ich habe gesehen, dass Mainz am Wochenende wieder einen vorgelegt hat", sagt Sigurdsson und lacht: "Da müssen wir natürlich nachziehen."

Wie Mainz 05 wird auch Berlin nicht ewig an der Tabellenspitze bleiben. Natürlich werden die großen Teams aus Kiel und Hamburg vorbeiziehen, die Füchse sich dahinter einreihen. Im Handball sind die Kräfteverhältnisse noch deutlicher verteilt als im Fußball: Der Etat des THW Kiel liegt bei 9,5 Millionen Euro, der des HSV Handball knapp darunter, in Berlin wirtschaften sie mit vier Millionen Euro. Manager Hanning sagt: "Platz sieben oder acht und damit der Europacup, das ist das Ziel. Es ist unglaublich eng, da geht es um Kleinigkeiten."

"Nicht am Ende des Projekts"

Derzeit passen in Berlin viele dieser Kleinigkeiten zusammen, das weiß auch Sigurdsson. Es war natürlich erwartbar, dass Nationaltorhüter Silvio Heinevetter eine starke Saison gelingt. Nicht klar war, dass die Abwehr vor ihm plötzlich die wenigsten Gegentore der Liga zulässt. Die drei Zugänge Sven-Sören Christophersen (aus Wetzlar), Alexander Petersson (Flensburg) und Denis Spoljaric (Zagreb) waren von Beginn an Verstärkungen, viele junge Spieler sind "einfach ein Jahr älter", wie Sigurdsson zufrieden feststellt. Auch wenn noch keiner wie Lewis Holtby unter ihnen ist.

Auch ohne einen wie Holtby sind die Füchse Berlin das derzeit spannendste Projekt der Bundesliga. Nach dem Abstieg der Reinickendorfer Füchse Mitte der achtziger Jahre verschwand der Berliner Handball von der Landkarte; erst als die Handballabteilung 2005 aus dem Gesamtverein gelöst wurde, gelang die Rückkehr in die Bundesliga. Seitdem steht Bob Hanning, früherer Trainer in Hamburg und Assistent von Bundestrainer Heiner Brand, dem Klub als Manager vor. Er holte mit Sigurdsson einen jungen, hungrigen Trainer. Beide führten Berlin ins Tabellenmittelfeld - nun schafften sie den überraschenden Sprung an die Tabellenspitze.

Sigurdsson sagt deshalb: "Ich bin noch nicht fertig mit meinem Anteil am Projekt, auch wenn es zurzeit auf Platz eins sehr schön ist" - und hat seinen Vertrag am Dienstag vorzeitig um zwei Jahre verlängert. Schon wieder eine Parallele zu seinem Fußball-Pendant: Auch Thomas Tuchels Vertrag in Mainz läuft bis Sommer 2013.

© sueddeutsche.de/ebc
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