Süddeutsche Zeitung

Handball-WM der Frauen:Plötzlich auf der Welle

Nach einer makellosen Vorrunde ist die Zuversicht der deutschen Handballerinnen für den weiteren WM-Verlauf riesig. 30 Jahre nach dem bislang letzten Triumph lässt sich auch die Rückkehr von Kreisläuferin Julia Behnke als gutes Omen deuten.

Von Ulrich Hartmann

Die Kreisläuferin Julia Behnke trägt bei der Handball-Weltmeisterschaft auf ihrem Rücken die Trikotnummer 93. Das ist keine Reminiszenz an den bislang letzten deutschen Frauen-Weltmeistertitel vom 5. Dezember 1993, sondern an ihr Geburtsjahr. Acht Monate und acht Tage, nachdem Behnke am 28. März 1993 in Mannheim geboren worden war, wurden deutsche Handballerinnen unter der Leitung des Bundestrainers Lothar Doering in Oslo Weltmeisterinnen. Nach einem in der Verlängerung erwirkten 22:21-Finalsieg gegen Dänemark sagte der Leipziger Doering damals: "Manchmal habe ich bei diesem Turnier schon geglaubt, dass der liebe Gott Mitglied im Deutschen Handball-Bund ist."

Um Weltmeister zu werden, braucht man auch Glück. Die aktuellen deutschen Handballerinnen hatten es, als ihre Rückraumspielerin Xenia Smits im WM-Auftaktspiel vergangene Woche gegen Japan in der vorletzten Sekunde den Treffer zum 31:30-Sieg erzielte. Beim anschließenden 45:22 gegen Iran und am Montagabend beim 33:17 gegen Polen benötigten sie kein Glück. Der hohe Sieg gegen Polen zum Abschluss der Vorrunde gestaltete sich von Anfang bis Ende derart souverän, dass der Deutsche Handball-Bund (DHB) hinterher auf seiner Internetseite schrieb: "Drei Jahrzehnte nach dem historischen WM-Triumph von 1993 ist der Grundstein für eine neue WM-Sternstunde gelegt."

Dass die deutschen Handballerinnen bei der WM in Skandinavien sogar Weltmeisterinnen werden wollen, war bislang eher nicht bekannt. Das Ziel lautete vielmehr im kollektiven Tenor: "Viertelfinale", weil dies bedeuten würde, dass sie im April an einem Olympia-Qualifikationsturnier teilnehmen dürfen. Ob die Leistung gegen Polen schon titelwürdig war, wird die Hauptrunde zeigen, in der Deutschland von Donnerstag an auf Rumänien, Serbien und Dänemark trifft. Nur wenn sie in der Sechsergruppe mit diesen drei Nationen und den bereits besiegten Polinnen und Japanerinnen unter die ersten Zwei kommen, erreichen sie das Viertelfinale.

Der Optimismus war schon vor dem WM-Start groß, seit dem Sieg am Montag ist er noch größer. Wenn es optimal läuft, ist vielleicht sogar das Halbfinale möglich. Im Halbfinale eines großen Turniers waren deutsche Handballerinnen zuletzt bei der EM 2008. In jenem Jahr spielten sie auch letztmals bei Olympia mit.

30 Jahre, 92 Länderspiele, zwei Meistertitel in Russland und Ungarn: "Ich will vorangehen", sagt Behnke

Die Aussicht auf eine gute WM, die Chance auf Olympia 2024 in Paris und die Perspektive mit der Heim-WM 2025 in Deutschland haben Julia Behnke zu einem Comeback in der Nationalmannschaft bewogen. Anfang 2021 war sie gemeinsam mit der damaligen Kapitänin Kim Naidzinavicius aus dem Nationalteam zurückgetreten, weil ihnen die Ausrichtung des damaligen Bundestrainers Henk Groener nicht mehr gefiel. "Ich konnte mich mit seinem Spielsystem nicht mehr identifizieren", sagt Behnke heute und betont: "Mein Rücktritt hatte rein sportliche Gründe."

Als der Trainer Groener im April 2022 absprang und durch Markus Gaugisch ersetzt wurde, konnte Behnke allerdings nicht sofort ins Nationalteam zurückkehren. Sie hatte im Januar 2022 wegen eines Knorpelschadens im Knie operiert werden müssen. "Damals wusste ich nicht, ob ich überhaupt je wieder Handball spielen kann", sagt sie. Es dauerte bis zum Frühjahr 2023, ehe sie nach Monaten der Ungewissheit sicher sein konnte, dass es auf hohem Niveau weitergeht. Nach einer Saison in Rostow am Don und zwei Jahren bei Ferencvaros Budapest war sie im Sommer 2022 zur TuS Metzingen in die Bundesliga zurückgekehrt. Dass sie jetzt sogar wieder das Nationaltrikot trägt, ist ein ganz besonderes Glück: "Dieses Trikot wieder zu tragen, fühlt sich wirklich gut an."

Mit ihren 30 Jahren, mit einem russischen und einem ungarischen Meistertitel und mit mittlerweile 92 Länderspielen ist Behnke ein wichtiger Faktor für die Nationalmannschaft. Sie bekommt bei der WM mehr Spielzeit am Kreis als Lisa Antl und Meike Schmelzer. Sechs Treffer hat Behnke in den bisherigen drei Spielen beigesteuert und leistet auch wichtige Abwehrarbeit. "Ich will dem Team mit meiner Erfahrung helfen", sagt sie, "ich will vorangehen." Und genau das tut sie gemeinsam mit den Kapitäninnen Alina Grijseels und Emily Bölk.

Dem Team traut Behnke bei der WM noch einiges zu. "Die Mannschaft ist hungrig und im Kern über viele Jahre eingespielt." Dass es für diese Generation bislang nie für ein Halbfinale gereicht hat, macht Behnke auch am mitunter fehlenden Glück fest. Die deutschen Handballerinnen hatten bei ihren Turnieren in den vergangenen Jahren nicht allzu oft das Gefühl, dass der liebe Gott Mitglied im Deutschen Handball-Bund ist. Insofern dient Behnkes Rückennummer 93 vielleicht doch auch der Beschwörung einer erfolgreichen Vergangenheit. 30 Jahre nach dem letzten WM-Titel wollen die Handballerinnen jetzt mal sehen, wie weit ihre Welle sie noch trägt.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.6314369
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/sjo/ebc
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.