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Handball:Endlich erwachsen

Oesterreich - Deutschland, EHF Euro 2020 Philipp Weber (Deutschland 20), Fabian Posch (Oesterreich 15),, Wien Wien Oest

Flink im Kopf und auf den Beinen: Philipp Weber (links) findet auch im größten Getümmel noch eine Anspielstation.

(Foto: Juergen Kessler/imago)

Beim EM-Auftakt spielte Philipp Weber nur vier Minuten - vor dem Turnierende gilt er als Lösung aller Probleme auf der Spielmacher-Position im DHB-Team.

Es hat bei dieser Handball-Europameisterschaft bemerkenswerte Entwicklungen gegeben in der Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB). Die Rückkehr des Weltmeister-Torwarts Johannes Bitter, der sich mit 37 Jahren noch mal als großer Rückhalt erwies. Die Entdeckung des Rechtsaußens Timo Kastening, 24, der bei seinem ersten internationalen Einsatz auf die Kandidatenliste für das All-Star-Team des Turniers vorpreschte. Aber keiner hat einen so rasanten und gleichzeitig langsamen Aufstieg hingelegt wie Philipp Weber, der vor dem abschließenden EM-Spiel um Platz fünf gegen Portugal am Samstag (16 Uhr/ARD One) als mögliche Lösung aller Probleme auf der Spielmacher-Position gilt.

Rasant ist der Aufstieg des 27-Jährigen deshalb, weil er beim Auftaktspiel gegen die Niederlande (34:23) noch die geringste Einsatzzeit aller 16 deutschen Spieler hatte, nur vier Minuten. Doch Weber hat sich in dieses Turnier hineingesteigert, irgendwann rückte er in die Startformation, halblinks im Rückraum, neben den als Spielgestalter vorgesehenen Paul Drux. Am Ende der Hauptrunde hatte Weber den Kollegen aus der Angriffszentrale verdrängt und die Regie übernommen.

Langsam war Webers Aufstieg deshalb, weil er bereits vor zwei Jahren für diese Rolle auserkoren war, bei der Europameisterschaft 2018. Der damals neue Bundestrainer Christian Prokop hatte auf Weber vertraut, weil dieser seine Spielidee kannte: Die beiden hatten dem SC DHfK Leipzig einst zum Bundesliga-Aufstieg verholfen. Dass ihre Zusammenarbeit nicht immer reibungslos war, offenbarte sich dann in einer wegweisenden Partie gegen Mazedonien. Prokop sagte in der letzten Auszeit einen Spielzug an, Weber hatte eine andere Idee, die ging dann schief, damit war der nötige Sieg verspielt. Weber werde die deutsche Mannschaft dennoch irgendwann mal anführen, versicherte der DHB-Vizepräsident Bob Hanning nach dem verkorksten Turnier trotzig.

Bei der Heim-WM im vorigen Jahr war Philipp Weber freilich erst mal kein Thema mehr, da lenkten Martin Strobel, Fabian Wiede und Tim Suton den Angriff. Dem Umstand, dass diese Drei zu dem halben Dutzend verletzter Rückraumspieler vor dieser EM gehörten, hat es Weber wohl zu verdanken, dass er wieder dabei ist. "Wenn alle fit gewesen wären, wäre es für mich schwer geworden", hat er vor dem Turnier gesagt: "Die vielen Absagen haben mir sicher geholfen."

Nun hat Weber dem DHB-Team geholfen, etwas zuversichtlicher auf die Olympia-Qualifikation im April in Berlin zu schauen. "Philipp spielt eine sehr interessante EM. Er beschäftigt sich intensiver als früher mit der Spielführung, und er ist auch selber torgefährlich", lobte jedenfalls Bundestrainer Prokop. DHB-Vize Hanning bilanzierte: "Philipp ist einer, der vor zwei Jahren noch nicht so weit war, aber jetzt so weit ist. Er spielt eine sehr erwachsene EM."

In der deutschen EM-Auswahl kommt Weber einem Prototyp des Rückraumspielers am nächsten, über den Prokops Assistent Erik Wudtke sagt: "Man muss sich von dem Bild verabschieden, dass man Riesen auf den Halbpositionen hat und in der Mitte kleine, quirlige Männer." Heutzutage käme es aufs Tempo an, "schnell die richtige Entscheidung zu treffen unter hohem Handlungsdruck", erklärt Wudtke, der als Jugendtrainer in Dormagen einst Frankreichs Regisseur Kentin Mahé sowie den derzeit verletzten Europameister Simon Ernst ausbildete.

Philipp Weber bringt jedenfalls alle Voraussetzungen des modernen Rückraumspielers mit. Er trägt nicht viel Masse mit sich herum, 89 Kilo verteilt auf 194 Zentimeter, im deutschen Team sind nur die Flügelspieler leichter. Dadurch ist er flink auf den Beinen, im Kopf ist er es auch; handlungs- und gedankenschnell nennen das die Trainer. Weber trifft aus dem Rückraum, er schlängelt sich durch Abwehrlücken, er findet auch im größten Getümmel noch eine Anspielstation. Nicht nur Bundestrainer Christian Prokop findet: "Das macht Lust auf mehr, was er da anbietet."

© SZ vom 25.01.2020
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