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Handball-EM:Wiener Gefühl

HANDBALL - EHF EURO 2020 VIENNA,AUSTRIA,22.JAN.20 - HANDBALL - EHF European Men s Handball Championship 2020, main roun

Hammer aus dem Rückraum: Julius Kühn guckt meistens gar nicht hin, wenn er seine Wurfgeschosse auf den Weg bringt.

(Foto: David Bitzen/imago images/GEPA pictures)

In ihrem letzten Spiel am Samstag gegen Portugal will sich die deutsche Mannschaft auch auf das olympische Qualifikationsturnier einstimmen.

"Haken dahinter", fand Kai Häfner, "Strich drunter", empfahl Julius Kühn - man hätte glauben können, die Europameisterschaft sei schon vorbei für die deutschen Handballer, wenn man den beiden Rückraumspielern am Mittwochabend so zuhörte. Zumal nach dem 26:22-Erfolg (13:10) über Tschechien im letzten Hauptrundenspiel auch der Bundestrainer Christian Prokop anfing, von einem "versöhnlichen Abschluss" zu sprechen, wobei er seiner Mannschaft Folgendes bescheinigte: "Sie nimmt eine tolle Entwicklung."

Nach einer mäßigen Vorrunde in Trondheim/Norwegen hatte sich die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) in den folgenden vier Partien in Wien deutlich gesteigert, wie alle fanden. Das angestrebte Halbfinale am Freitag in Stockholm hat die Mannschaft trotzdem verpasst. Dennoch ist das Turnier noch nicht zu Ende für die Mannschaft, ihre Entwicklung soll es auch nicht sein. Am Samstag (16 Uhr/ARD One) trifft sie im Spiel um Platz fünf in Stockholm auf Portugal.

Dabei geht es nur nachrangig um das numerische Ergebnis dieser EM; darum, dass sich Fünfter halt besser anhört als Sechster. Viel wichtiger ist allen Beteiligten, dieses "Wiener Gefühl" zu konservieren, von dem Torwart Johannes Bitter sprach, der gegen Tschechien wie zuvor beim 34:22 über Österreich als bester Spieler der Partie ausgezeichnet worden war. Kai Häfner, viermaliger Torschütze gegen Tschechien, erklärte: "Es ist schöner, wenn man das letzte Spiel gewinnt und mit einem Sieg nach Hause fährt. Das gibt ein gutes Gefühl, wenn man das Turnier mit nur zwei Niederlagen beendet, von denen eine zudem ganz, ganz bitter war." Er meinte das 24:25 gegen Kroatien, welches am vorigen Samstag die Halbfinal-Hoffnung der deutschen Handballer zunichte gemacht hatte; zuvor hatten sie in Trondheim gegen Titelverteidiger Spanien 26:33 verloren. Beide Bezwinger der Deutschen haben im Übrigen unbesiegt das Halbfinale erreicht.

Ein gutes Gefühl von dieser EM mitzunehmen, ist auch insofern bedeutsam für die DHB-Auswahl, weil schon bald die letzte Qualifikationsmöglichkeit für Olympia ansteht, das große, übergeordnete Ziel in diesem Jahr: Vom 17. bis 19. April werden bei drei Turnieren noch sechs Plätze für die Sommerspiele in Tokio vergeben, eins dieser Turniere findet in Berlin statt, in der Max-Schmeling-Halle. "Das ist für uns alle wichtig. Wir haben nach der EM nicht mehr viel Zeit", sagte der neue Spielmacher Philipp Weber, bester Torschütze gegen Tschechien mit fünf Treffern.

Eine Chance bleibt, sich für die Sommerspiele zu qualifizieren. Ein möglicher Gegner: Portugal

Außer den als WM-Vierte von 2019 teilnahmeberechtigten Deutschen werden eine afrikanische Auswahl sowie zwei Teams aus Europa bei der Olympia-Qualifikation in Berlin mitmachen. Welche Länder das sein werden, hängt noch davon ab, wer am Sonntag in Stockholm Europameister wird - die Portugiesen gehören zu den möglichen Gegnern. "Deshalb ist es wichtig, schon mal Erfahrung gegen sie zu sammeln", findet Bundestrainer Prokop. Der gegen Tschechien viermal erfolgreiche Rechtsaußen Tobias Reichmann fügt hinzu: "Es wäre gut, wenn wir uns schon den nötigen Respekt erarbeiten."

Nun haben sich die Portugiesen ihrerseits bei der EM eine Menge Respekt verschafft, weil sie den Rekord-Weltmeister Frankreich in der Vorrunde aus dem Rennen geworfen haben. "In der Hauptrunde haben sie etwas nachgelassen", findet Kühn, "trotzdem ist das eine gute Qualität, die da steht." Im Grunde handelt es sich bei Portugal um eine als Nationalteam verkleidete Klubmannschaft: Trainer Paulo Pereira hat neun Spieler vom Champions-League-Teilnehmer FC Porto in seinem 16-Mann-Kader. "Die Mannschaft ist eingespielt, hat sehr viele taktische Varianten drauf", weiß Bundestrainer Prokop. Kapitän Uwe Gensheimer outete sich gar als Fan des portugiesischen Stils, mit "sehr viel Leidenschaft in der Deckung und viel Tempo nach vorne". Im Angriff nutzen die Portugiesen zudem die Möglichkeit des Überzahlspiels so häufig wie kaum ein anderes Team und nehmen den Torhüter zugunsten eines weiteren Feldspielers vom Feld. Dieses Risiko zahlt sich meistens aus. "Ihr Verhalten im Sieben gegen Sechs ist richtig stark", findet Gensheimer. Auch Rechtsaußen Timo Kastening glaubt: "Die Portugiesen sind unangenehm zu spielen."

Den routinierten Franzosen ist jedenfalls wenig eingefallen, was man gegen sie und ihr Überzahlspiel tun könnte. Prokop warnt deshalb: "Bei dieser Mannschaft besteht die Gefahr, dass man sich zu sehr hinten reindrücken lässt, dass man immer wieder nur ins Reagieren kommt und nicht mehr ins Agieren." Tobias Reichmann rät deshalb, "in der Abwehr die gleiche Leidenschaft an den Tag zu legen wie gegen Kroatien". Da ging den deutschen Handballern am Ende freilich die Kraft aus.

Bob Hanning, der für den Leistungssport zuständige Vizepräsident im DHB, glaubt jedenfalls, "dass das extrem schwer wird" gegen Portugal. Aber er hofft, dass der Auswahl von Prokop dieses wohlige Wiener Gefühl, das sie sich in der österreichischen Hauptstadt erspielt hat, nicht gleich wieder verloren geht: "Ich wünsche mir für die Mannschaft, dass dieser letzte Eindruck nochmal ein Highlight wird."

© SZ vom 24.01.2020
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