Handball-EM:Pandemie? Wo denn?

Lesezeit: 2 min

Handball-EM in Ungarn: Fans in Budapest

Sie stehen dicht an dicht, viele tragen keine Masken: ungarische Fans in Budapest.

(Foto: Bernadett Szabo/Reuters)

Wer in die prall gefüllten Hallen in Ungarn blickt, der sieht: Es läuft etwas schief bei der Handball-EM. Und nun hat es auch das deutsche Team voll erwischt.

Kommentar von Carsten Scheele

Das eindrücklichste Bild, das darauf hindeutet, dass bei der Handball-EM etwas schiefläuft, lieferte der Montenegriner Marko Lasica. Am Samstag, nach dem hitzigen Spiel gegen Nordmazedonien in Debrecen, fühlte sich der Außenspieler von den gegnerischen Fans provoziert. Also stiefelte er Richtung Anhängerschaft, stoppte kurz vor der Absperrung, dann spuckte er: direkt ins Publikum. Mal von der Widerlichkeit der Geste abgesehen flogen natürlich Tröpfchen und Aerosole nur so umher. Lasica machte kehrt, die Mitspieler nahmen ihn schützend in die Mitte.

Ein Spieler, der in einer Pandemie ins Publikum spuckt, da hat die Europäische Handballföderation (EHF) natürlich reagiert. Geht ja nicht, ein solch verantwortungsloses Verhalten. Heraus kam aber ein Sträfchen, 5000 Euro muss Lasica zahlen, einen Anteil von 2000 Euro auf Bewährung. Sache erledigt.

Die Handball-EM findet in zwei Ländern statt, und aus pandemischer Sicht ist es tatsächlich ein zweigeteiltes Turnier. Auf der einen Seite, in der Slowakei, wird versucht, ein verantwortungsvolles Corona-Management an den Tag zu legen. Die Hallen in Bratislava und Kosice sind zu maximal 25 Prozent ausgelastet, hinein dürfen geimpfte oder genesene Fans, die FFP2-Masken tragen. Nach allem, was man hört, sind die Kontrollen streng. Auch an den Plätzen in der Halle herrscht FFP2-Pflicht, nicht alle halten sich daran, aber die meisten.

In Ungarn dürfen die Hallen voll ausgelastet werden, so hat es die Regierung von Viktor Orbán verfügt

Nebenan, in Ungarn, scheinen alle Regeln außer Kraft gesetzt zu sein. Die Fans stehen dicht an dicht. Sie jubeln, singen, hüpfen; Maske trägt auf vielen Bildern nur eine Minderheit. Die Hallen dürfen voll ausgelastet werden, so hat es die Regierung von Viktor Orbán drei Monate vor den Parlamentswahlen verfügt: 20 000 Zuschauer in Budapest, 8100 in Szeged, 6500 in Debrecen, obwohl die Inzidenz in Ungarn offiziell bei mehr als 450 liegt. Eine Pandemie? Wo denn?

Handball-EM: In der Slowakei, wo die deutsche Mannschaft ihre Spiele austrägt, sind die Tribünen weit weniger gefüllt.

In der Slowakei, wo die deutsche Mannschaft ihre Spiele austrägt, sind die Tribünen weit weniger gefüllt.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Es ist eine spannende Frage, wer bei diesem Turnier das Halbfinale erreichen wird - und welches Team dann mit wie vielen Spielern antreten kann. In der deutschen Mannschaft gibt es mittlerweile sieben Fälle; alle betroffenen Spieler mussten sich vom Team isolieren. Auch andere Mannschaften hat es erwischt: fünf Fälle bei den Polen, vier bei den Kroaten; betroffen sind übrigens vier kroatische Spieler, die in der Vorrunde gegen Frankreich auf dem Feld standen. Die EHF verzichtet bei dieser EM ausdrücklich auf eine Turnier-Bubble, wie sie bei der WM in Ägypten vor einem Jahr errichtet wurde - und vertraut auf einen zweitägigen PCR-Test-Rhythmus für alle Spieler. Das führt dazu, dass diese in manchen Hotels auf Gäste treffen, die nicht mal eine Maske tragen.

Ob wirklich jemand glaubt, dass das gutgehen kann? Nach allem, was über die Ansteckungswege insbesondere der neuen Virusvariante bekannt ist, dürften die Zahlen bald explodieren. Auch für die ungarischen Hallen hat die EHF nun, verspätet, eine Maskenpflicht erlassen, aber wie viele werden sich daran halten? Es könnte so kommen, wie der Handballfunktionär Bob Hanning gesagt hat: Europameister wird diesmal, wer die wenigsten Corona-Fälle hat.

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