Der Erfolgsdruck für die deutsche Nationalmannschaft der Männer steigt und steigt, auch im eigenen Haus. Dass die Jugend- und Juniorenteams ständig golddekoriert von Welt- und Europameisterschaften heimkehren, daran hat man sich gewöhnt. Jetzt sind auch noch die Frauen auf den Geschmack gekommen: Silber bei der Heim-WM. Sollte das bekannteste Handballteam des Landes, die Männer-Nationalmannschaft, das einzige sein, das bei großen Turnieren ohne Medai...?
Zuletzt, bei der WM, war im Viertelfinale Schluss. Die vergangene EM endete auf Rang vier. Silber bei Olympia in Paris war das einzige Edelmetall, das es in den vergangenen Jahren zu bejubeln gab. Bundestrainer Alfred Gislason würde aber nicht so weit gehen, aus dieser Gemengelage eine feste Medaillenverpflichtung fürs eigene Team bei der anstehenden Europameisterschaft in Dänemark, Schweden und Norwegen (ab dem 15. Januar) abzuleiten. Das Ziel lautet traditionell Halbfinale, aber Gislason hat eine Ahnung, wie schwer das wird.
Da ist die Sache mit der Auslosung. Die Leistungsdichte ist bei einer EM ohnehin höher als bei einer WM, doch schwerer hätte es das deutsche Team kaum erwischen können. Die Vorrunde mag noch funktionieren mit Gegnern wie Österreich, Serbien und Spanien. In die Hauptrundengruppe in Herning/Dänemark kommen dann jedoch voraussichtlich Gegner wie Dänemark, Frankreich, Norwegen oder Portugal hinzu. Nur zwei dieser Teams qualifizieren sich fürs Halbfinale, drei oder vier Schwergewichte des europäischen Handballs müssten die Deutschen hinter sich lassen. „Die Gruppe ist voll mit Medaillenanwärtern“, erklärte DHB-Sportvorstand Ingo Meckes die schwierige Lage. Auch Gislason glaubt: „Jeder Punktverlust kann das Halbfinal-Aus bedeuten.“
Um dieser Vorgabe gerecht zu werden, hat Gislason am Mittwoch einen jungen Kader nominiert, der an einigen Stellen aber mit viel Erfahrung versehen ist. So sind in Torhüter Andreas Wolff, Linksaußen Rune Dahmke (beide THW Kiel) und Kreisläufer Jannik Kohlbacher noch drei Spieler dabei, die 2016 den bislang letzten EM-Titel feiern konnten. Vier Spieler gehen als Novizen in ihr erstes großes Turnier, das sind die Gummersbacher Tom Kiesler, Miro Schluroff und Mathis Häsler sowie der Berliner Matthes Langhoff. Insgesamt sechs Spieler sind dabei, die 2023 den WM-Titel bei den Junioren gewannen. „Die Mannschaft ist sehr jung, aber trotzdem gewachsen“, sagte Gislason.
Hanning kritisiert Gislason: „Hier ist alles außer Kraft gesetzt worden, was Fairness und Inhalt angeht.“
Der schärfste Wettkampf fand auf den Außenpositionen statt. Auf Links setzten sich diesmal Lukas Mertens (SC Magdeburg) und Dahmke durch, rechts sind Lukas Zerbe (THW Kiel) und Häseler dabei. Somit fehlen prominente Namen wie Tim Freihöfer (vom Meister Füchse Berlin) und Timo Kastening (MT Melsungen), und die erste Kritik ließ nicht lange auf sich warten. Aus Berlin meldete sich Füchse-Chef Bob Hanning mit einer kleinen Brandrede. Für Hanning hätte Freihöfer ohne jeden Zweifel in den 18er-Kader gehört. Er gehe auf dieser Position „überhaupt nicht mit“, sagte Hanning dem Kicker: „Wirklich nicht, weil ich Füchse Berlin bin, und wirklich nicht, weil ich Rune Dahmke oder Lukas Mertens nicht im Ansatz schätze. Aber hier ist alles außer Kraft gesetzt worden, was Fairness und Inhalt angeht.“
Auch im linken Rückraum geht der Befund in Richtung Überangebot, dort entschied sich Gislason für Grgic, Schluroff und Julian Köster. Kein Platz fand sich für den Mannheimer Sebastian Heymann oder den Hannoveraner Lukas Stutzke. Auf der Kreisposition (Johannes Golla, Justus Fischer, Jannik Kohlbacher) und im Tor (Andreas Wolff, David Späth) ist das Team ohnehin mit internationaler Spitzenklasse besetzt. In Tom Kiesler und Matthes Langhoff gönnt sich Gislason den Luxus zweier echter Abwehrspezialisten; es ist eine Lehre aus der WM 2025, bei der die Abwehrmitte anfälliger wirkte als in den Jahren zuvor.
Bleibt die Problemposition im rechten Rückraum, wo Renars Uscins ziemlich einsam unterwegs ist. Das Problem auf Halbrechts ist eines von struktureller Natur: Jahrelang wurden Linkshänder mit deutschem Pass wenig gesucht und gefördert, auch im Jugendbereich des DHB. Diejenigen, die jetzt da sind, erhalten in ihren Vereinen oft nicht genug Spielzeit, um die nächsten Schritte in Richtung Spitzenniveau zu gehen. Uscins agierte in den vergangenen zwei Jahren so herausragend gut, dass er die Probleme allein kaschierte, den Franzosen im Olympia-Viertelfinale mal eben 14 Dinger reinhaute. Doch aktuell ist er ein gutes Stück von seiner Bestform entfernt.
„Wir haben extrem viel Wert auf die Abwehr und Flexibilität gelegt“, sagt Gislason
Als zweiter Mann fährt der Leipziger Franz Semper mit, der allerdings als generell verletzungsanfällig gilt. Bei der WM vor einem Jahr hatte Semper einen einzigen starken Auftritt, er warf fünf Tore in einer Halbzeit gegen Italien, ehe er sich abermals verletzte und prompt nach Hause reiste. Im Vergleich zu den Spitzennationen ist das eine ziemlich dünne Besetzung.
Also muss Gislason mit Notfallplänen agieren. Finden Uscins und Semper nicht ins Spiel, könnte ein Rechtshänder für Aufgaben auf der artfremden Rückraumposition abgestellt werden. Der Flensburger Marko Grgic und der Gummersbacher Schluroff haben das in ihren Vereinen schon gespielt; eine weitere Möglichkeit wäre, den Berliner Nils Lichtlein, einen Linkshänder, auf Halbrechts zu ziehen. Dieser ist eigentlich als zweiter Mittelmann hinter Juri Knorr eingeplant, sein Vereinstrainer Nicolej Krickau machte zuletzt aber bereits ordentlich Werbung für Lichtlein.
„Wir haben extrem viel Wert auf die Abwehr und Flexibilität gelegt“, sagte Gislason am Mittwoch über seinen Kader. Von so ein bisschen Kritik aus Berlin lässt sich der schwer erfahrene Isländer ohnehin nicht schocken. Für Gislason ist Dahmke, den er schon aus Tagen als Vereinstrainer beim THW Kiel kennt, „der beste Abwehrspieler“ von allen Außenspielern. Wenn in der Hauptrunde die Dänen oder Franzosen anstürmen, kann das noch wichtig werden.


