Juri Knorr war sichtlich bedient. Er hatte gerade die vor Freude hüpfenden Serben auf dem Spielfeld ertragen müssen, jetzt sollte er zu der 27:30-Niederlage im zweiten Vorrundenspiel dieser Handball-Europameisterschaft Stellung nehmen. Diesem Wunsch kam er mit angemessenem Groll nach, Knorr selbst trug wenig Schuld am miserablen Ausgang, Trainer Alfred Gislason hatte seinen eigentlich gesetzten Spielmacher in der entscheidenden Phase auf der Bank sitzen lassen. Was dieser in ungewöhnlich deutlichen Worten bemängelte: „Natürlich brodelt es in einem auf der Bank, wenn man da draußen sitzt und nicht helfen kann“. Andere hatten den Vorzug bekommen, was Knorr im ARD-Interview spitz kommentierte: „Ich stand in der zweiten Halbzeit nicht mehr viel auf der Platte. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll.“
Dabei hatte Knorr im Gegensatz zum Auftaktsieg gegen Österreich beginnen dürfen, was er mit einer starken Leistung dankte, der Spielmacher brachte viel Schwung, erzielte vier seiner fünf Tore in der ersten Halbzeit, setzte die Kollegen ein oder vollendete höchstselbst. „Wir haben die Serben in der ersten Halbzeit überrannt“, klagte er, „und dann ändern wir alles. Das verstehe ich nicht.“

Handball:Ein Spielmacher in Bestform
Dem gebürtigen Flensburger Juri Knorr wurde eine Weltkarriere praktisch in die Wiege gelegt: Sein Vater war ebenfalls erfolgreicher Nationalspieler. Für die EM in seiner neuen Wahlheimat Dänemark sieht ihn der Bundestrainer in einer Schlüsselrolle.
In der Tat, nach einer komfortabel erscheinenden 17:13-Halbzeitführung geriet das Angriffsspiel der deutschen Handballer sukzessive aus den Fugen. Mit Knorr in der Schaltzentrale hatte Deutschland das Geschehen in der Jyske Bank Boxen in Herning bestimmt, zeigte Tempospiel, agierte in Überzahl verbessert. Die Defensive um Kapitän Johannes Golla und Tom Kiesler im Innenblock funktionierte ebenfalls zuverlässig. Und hätte sich die DHB-Auswahl nicht einige Schusseleien im Angriff geleistet, die Halbzeitführung hätte höher ausfallen müssen als bloß mit vier Treffern.
Doch nach dem Wechsel nahmen leichte Fehler und Fehlwürfe aus unerfindlichen Gründen zu, Gislason rotierte den Kader kräftig durch. Der Isländer hatte mehrfach erklärt, dass er alle Akteure schnell in Turnierform bringen will, wozu Spielzeiten nötig sind. Das brachte aber den unerwünschten Nebeneffekt, dass der Rhythmus flöten ging.
Das letzte Tor der Serben könnte noch teuer werden für das deutsche Team
Zudem machte Serbiens Torhüter Dejan Milosavljev den deutschen Angreifern zu schaffen: Der 29-Jährige, der trotz seiner 1,96 Meter Körpergröße und 125 Kilogramm Kampfgewicht sehr beweglich und reaktionsschnell ist, hat schon des Öfteren im Team des deutschen Meisters Füchse Berlin bewiesen, dass er Spiele entscheidend beeinflussen kann. Mit den Paraden steigerte sich auch seine Abwehr vor ihm, das deutsche Team verlor analog an Durchschlagskraft und agierte in der Schlussphase ängstlich und ideenlos. Eine fatale Entwicklung, der Vorsprung war beim 21:21 aufgebraucht, zwölf Minuten vor dem Ende lag Serbien erstmals vorn.
In dieser Phase fehlte ein Antreiber, der Verantwortung übernimmt und das Spiel an sich reißt: Tugenden, die Knorr des Öfteren bewiesen hat. So aber wirkte die Taktik des Bundestrainers wenig durchdacht, und schließlich leistete sich Gislason noch die Pointe der Partie: Als Knorr doch noch einen Kurzeinsatz in der nervenaufreibenden Schlussphase bekam, gelang ihm prompt in Zeitnot und Unterzahl der Treffer zum 26:26, es hätte der Gamechanger sein können. Aber Gislason hatte zeitgleich den Buzzer neben der Bank gedrückt, um seine Spieler zur Auszeit zu rufen. Dann leuchtet im Torgestänge ein rotes Licht auf, um den Zeitpunkt zu markieren. War das Tor noch rechtzeitig gefallen? Nach Ansicht der Videobilder kassierten die Schiedsrichter aus Ungarn den Treffer wieder ein, Gislason hatte den Ausknopf tatsächlich einen Sekundenbruchteil zu früh gedrückt.
„Ich habe den Punkt gekostet mit dem Timeout. Juri war schneller, als ich dachte“, sagte Gislason am Sonntag zerknirscht, nachdem er sich das Video vom Spiel in der Nacht noch einmal angesehen hatte. Immerhin, er übernahm die Verantwortung für die Niederlage: „Das war ein Schock für die Mannschaft. Der Fehler hat mindestens einen Punkt gekostet.“ Dieser Aussetzer war in der Tat der Anfang vom Ende, nur zwei Treffer brachte die deutsche Mannschaft noch zustande.
Auch die offene Manndeckung in den Schlusssekunden, als die Serben das Spiel bereits gewonnen hatten und in Ballbesitz waren, reihte sich in die seltsamen Entscheidungen des Isländers ein. Die Zeit hätte für einen Punktgewinn ohnehin nie gereicht, so aber kam Serbien noch zu einem leichten Treffer zum 30:27-Endstand. Ein Tor, das noch teuer werden kann.
Sollte Deutschland in der Vorrunde ausscheiden, ginge es vermutlich auch im Gislasons Job
Unbedingt muss das letzte Gruppenspiel gegen Spanien gewonnen werden, um überhaupt die Chance aufrechtzuerhalten, die Hauptrunde zu erreichen. Auf Schützenhilfe von Österreich sollte man sich beim deutschen Handballbund (DHB) nicht verlassen. Die nächste Pointe: Ausgerechnet das benachbarte Alpenland, dem Torhüter Andreas Wolff zuvor „Anti-Handball“ attestiert hatte, könnte die Deutschen mit einem Sieg gegen die Serben zwar retten. Aber Österreich hat nur noch theoretische Chancen und ein Sieg der Deutschen im finalen Gruppenspiel gegen die bisher sehr souverän auftretenden Iberer ist ohnehin nicht verhandelbar.
Und der sollte tunlichst klar ausfallen. Denn würde es im Fall, dass Deutschland, Spanien und Serbien am Ende mit je vier Punkten dasteht, zu einem Dreiervergleich kommen, dann entscheidet das Torverhältnis. Wegen des letzten Treffers stehen die Serben nach der 27:29-Niederlage gegen Spanien und dem 30:27-Sieg gegen Deutschland bei plus einem Tor. Deutschland müsste mit mindestens drei Treffern Abstand gegen Spanien gewinnen, um die Iberer nach deren Zwei-Tore-Sieg gegen Serbien zu überflügeln.
Die vor dem Turnierbeginn als sehr wichtig erachteten zwei Punkte, die der Gruppensieger aus dem direkten Vergleich in die Hauptrunde mitnimmt, bekäme das deutsche Team nur bei einer Niederlage der Serben – kein allzu wahrscheinlicher Ausgang. Sollte Deutschland weiterkommen, warten ohnehin Gegner wie Titelverteidiger Frankreich oder Norwegen, die bereits souverän die Hauptrunde gebucht haben. Auch Weltmeister und Olympiasieger Dänemark wird die Hauptrundengruppe erreichen.
So ist das Ziel Halbfinale nach Stand der Dinge bereits jetzt in schwer erreichbare Ferne gerückt. Vielmehr droht das frühzeitige Aus nach der Vorrunde, dies würde dann eine Debatte befeuern, die DHB-Präsident Andreas Michelmann vor dem Turnier scheinbar unnötig eröffnet hatte: Mit Blick auf die Heim-WM im kommenden Jahr hatte Michelmann bei einem frühen Scheitern angeregt, den Trainer zu hinterfragen. Diese Worte hätten schlagartig ein ganz neues Gewicht.

