Deutschland bei der Handball-EM:Sie werden immer weniger

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Deutschland bei der Handball-EM: Im letzten Moment eingeflogen und trotzdem ein starker Rückhalt gegen Polen: Torwart Johannes Bitter.

Im letzten Moment eingeflogen und trotzdem ein starker Rückhalt gegen Polen: Torwart Johannes Bitter.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Die Freude der deutschen Handballer über den Sieg gegen Polen hält nur kurz an: Am Mittwoch werden drei weitere Corona-Fälle bekannt - die Zahl der Infizierten im Team steigt auf zwölf. Sogar der Rückzug aus dem Turnier droht.

Von Carsten Scheele

Da waren der grimmige Blick von Torwart Johannes Bitter und das Lächeln von Julian Köster. Während der Keeper bei jeder Parade und jedem Ball, der nicht in seinem Tor landete, die Faust ballte und seinen Willen demonstrierte, lächelte Köster irgendwann nur noch vor sich hin. Es sah so leicht aus, was der 21-Jährige da fabrizierte: Ein Hüpfer in die Luft, vorbei am Gegenspieler, dann ließ er den Ball ins Kreuzeck zischen. So warf er drei Tore, vier Tore, schließlich Nummer fünf und sechs. Derjenige, der all dies am wenigsten glauben konnte, war Köster selbst.

Der alte Bitter (ja, das darf man sagen) und der junge Köster waren die entscheidenden Pole beim furiosen 30:23-Sieg der deutschen Handballer gegen Polen. Nach all den schlechten Nachrichten der vergangenen Tage, als die Zahl der Corona-Fälle im Team von zwei auf neun geschnellt war, hätte eine klare Niederlage im letzten Vorrundenspiel gegen Polen niemanden verwundert - doch es kam so völlig anders.

Handball-EM 2022: Julian Köster im Spiel gegen Polen

Was, der spielt sonst in der zweiten Liga? Julian Köster bei seinem sehr starken Auftritt gegen Polen.

(Foto: Radovan Stoklasa/Reuters)

Auf der Platte stand ein Team, das nie zusammen trainiert hat - und bei dem nie vorgesehen war, dass es so zusammenspielt. Mit neun Akteuren, die seit Turnierbeginn dabei sind, darunter Köster, ein Riesentalent aus der zweiten Liga, auf das Bundestrainer Alfred Gislason sehr große Stücke hält, das bei der EM aber eigentlich bloß reinschnuppern sollte in die große Handballwelt. Und mit fünf Nachrückern, die eilig aus Deutschland eingeflogen wurden, darunter Bitter, 39, der seine Karriere im DHB-Team nach 170 Länderspielen für beendet erklärt hatte - und jetzt, in der Not, über 60 Minuten im Tor stand.

Als Bitter im Januar 2002 sein erstes Länderspiel absolvierte, war Köster, Jahrgang 2001, ein Jahr alt. Jetzt ackerten sie zusammen, in einer der kompliziertesten Situationen für den deutschen Handball. Köster traf, Bitter hielt.

Der größte Gegner dieser Tage ist nicht Spanien am Donnerstag, sondern das Coronavirus

Wobei sich nun die Frage stellt, was diese unerwartet starke Leistung gegen Polen und der Gruppensieg in der Vorrunde wert sein werden. Denn der größte Gegner dieser Tage ist das Coronavirus, und das schafft ganz andere Realitäten.

Nominell steht das deutsche Team zwar in der Hauptrunde, nimmt zwei wertvolle Punkte mit, trifft nun auf Spanien, Norwegen, Schweden und Russland. Mit welchen Spielern die deutsche Mannschaft am Donnerstag gegen die Spanier aber tatsächlich antreten wird, lässt sich noch nicht sagen. Eine freiwillige PCR-Testreihe am Mittwoch ergab abermals neue Corona-Fälle im Team: Die drei Rückraumspieler Christoph Steinert, Sebastian Heymann und Djibril M'Bengue wurden positiv getestet, dazu ist ein Mitglied des Funktionsteams betroffen. Damit erhöht sich die Anzahl der infizierten Spieler auf zwölf - bei aktuell 13 gesunden und einsatzfähigen Spielern.

Und nun? Setzten sich weitere Nachrücker in den Flieger, um den Spielbetrieb des deutschen Teams in Bratislava aufrecht zu erhalten: Die Rückraumspieler Lukas Stutzke und David Schmidt (beide Bergischer HC) stoßen genauso zur Mannschaft wie Rechtsaußen Tobias Reichmann (MT Melsungen).

Handball-EM 2022: Christoph Steinert im Spiel gegen Polen

Mit neun Treffern war Christoph Steinert bester Schütze des deutschen Teams gegen Polen - jetzt ist auch er infiziert.

(Foto: Radovan Stoklasa/Reuters)

Schon bei den bisherigen Nachnominierungen hatten sich die Bundesligaklubs kooperativ gezeigt. Fast alle Anfragen, die Gislason in der Not aus der Ferne stellte, wurden von den Vereinen bislang genehmigt. So reisten sogar die beiden Berliner Handballer Paul Drux und Fabian Wiede an, obwohl beide vorab bewusst auf die EM verzichtet hatten. Die kritischen Stimmen waren am Dienstag und Mittwoch aber lauter geworden; bei einer noch höheren Anzahl positiver Tests müsse man den Rückzug des deutschen Teams offen diskutieren, hieß es. "Alle Varianten müssen auf den Tisch", hatte Liga-Geschäftsführer Frank Bohmann gefordert.

Doch in einer Videokonferenz entschieden Liga- und DHB-Vertreter, die deutsche Auswahl im Turnier zu lassen. "Wir haben intensiv diskutiert und sind zu dem Schluss gekommen, dass wir es verantworten können, im Turnier zu bleiben", sagte DHB-Vorstandschef Mark Schober. Bis dahin erschien zumindest möglich, dass die Bundesligaklubs vor dem Start der Hauptrunde eine Deadline setzen - und nicht noch weitere Spieler in dieses coronagetränkte Turnier entsenden wollen.

Handball-EM 2022: Rückraumspieler Julius Kühn

Auch der bei der EM positiv getestete Rückraumspieler Julius Kühn könnte bald wieder eine Option sein.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Eine generelle Absage der Europameisterschaft steht noch nicht zur Debatte, obwohl sich auch in anderen Teams die Corona-Fälle häufen. Die Europäische Handballföderation (EHF) will ihr Turnier durchziehen, notfalls mit einer Rekordzahl an Nachnominierungsrunden. Nach der bislang letzten sind am Mittwoch zwei weitere, frische Spieler beim deutschen Team angekommen: Patrick Zieker vom TVB Stuttgart als zweiter Linksaußen und Daniel Rebmann (Frisch Auf Göppingen) als zweiter Torhüter. "Es ergibt natürlich keinen Sinn, jeden Tag drei bis fünf Spieler aus der Bundesliga nachzunominieren, wenn neue Fälle auftreten", sagte Schwenker jedoch.

Julius Kühn könnte schon gegen Spanien oder Norwegen wieder zum Kader gehören

Um den Kader zu füllen, kann Bundestrainer Gislason immerhin bald auf die ersten Spieler zurückgreifen, die sich in den ersten Tagen des Turniers infiziert haben. Laut der Regularien der EHF müssen nach einem positiven Test fünf Tage Quarantäne eingehalten werden. Danach dürfen sich die Spieler mit zwei negativen PCR-Tests freitesten. Julius Kühn (Positivtest am Samstag) könnte demnach unter Umständen schon gegen Spanien oder am Freitag gegen Norwegen wieder im Kader stehen, vorausgesetzt er zeigt keine Symptome und ist körperlich fit.

Einige der anderen prominenten Fälle, etwa Torwart Andreas Wolff oder Rückraumspieler Kai Häfner (beide Positivtests am Montag), kämen für das dritte Hauptrundenspiel am Sonntag gegen Vizeweltmeister Schweden wieder infrage.

Jogi Bitter, der Torwart, hat noch erzählt, wie er die 24 Stunden seit seiner Notnominierung erlebt hat, es war, nun ja, durchaus turbulent: Montagabend, Abendessen mit der Familie, ein Blick aufs Handy, verpasster Anruf vom Bundestrainer. Dann der Wecker um 4.30 Uhr, ab zum Flughafen, Ankunft in Bratislava, Corona-Test. Als dieser negativ war, direkt in den Bus zur Mannschaft. "Aus dem Urlaub in den Flieger zu steigen und 60 Minuten bei der Europameisterschaft zu spielen, das ist ziemlich das Verrückteste, was man als Handballer machen kann", sagte Bitter, der vor wenigen Tagen zum vierten Mal Vater geworden ist.

Die weiteren Nachrücker müssen Bitters Geschichte erst einmal toppen.

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