Deutsches Team bei der Handball-EM:Gislasons große Aufgabe

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Deutsches Team bei der Handball-EM: Was tun? Bundestrainer Alfred Gislason.

Was tun? Bundestrainer Alfred Gislason.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Nach der EM muss der Bundestrainer einen Weg finden, dass die vielen jungen Spieler nicht doch wieder den alten Haudegen weichen müssen. Denn das wäre das falsche Signal.

Kommentar von Ralf Tögel

Die Handball-Nationalmannschaft hat das Halbfinale verpasst. So lautet das nüchterne EM-Resümee aus deutscher Sicht. Ob nach dem letzten Spiel gegen Russland am Dienstag der siebte oder zwölfte Platz im Endklassement bleibt, ist fast schon egal. Wichtig ist einzig der letzte Eindruck, erinnert Paul Drux, einer der verbliebenen erfahrenen Akteure im Kader. Drux weiß, wie eine Pleite beim abschließenden Auftritt nachwirken kann.

Doch diese Gefahr besteht kaum, denn trotz der drei Hauptrunden-Niederlagen gegen Spanien, Norwegen und Schweden waren Einsatz, Kampfgeist und Leidenschaft dieser Mannschaft tadellos. Wenn man überhaupt von "dieser Mannschaft" sprechen kann. Schließlich musste Trainer Alfred Gislason seine Auswahl ständig umbauen. Ein Schlüsselspieler nach dem anderen infizierte sich, vor dem letzten Vorrundenspiel gegen die hoch eingeschätzten Polen war die erste Sechs fast komplett in Quarantäne.

Fortan wurden Teamsitzungen virtuell abgehalten, trainiert wurde erst gar nicht mehr, dann freiwillig, die Spieler trafen sich kurz vor der Abfahrt zur Halle, bestiegen ungeduscht den Bus zurück ins Hotel und begaben sich umgehend wieder auf die Einzelzimmer in Isolation.

Dass Debütanten wie Daniel Rebmann oder Lukas Zerbe erzählen, sie hätten ein paar der isolierten Teamkollegen noch überhaupt nicht kennengelernt, ist die Pointe einer Handball-EM, die keiner mehr ernst nehmen kann. Man muss sich schon fragen, ob die deutsche Mannschaft angesichts ihres Pechs mit 15 infizierten Spielern mehr zu bedauern ist als der spätere Europameister. Ein derart fragwürdiger Titel wurde bislang noch nie vergeben.

Auch im Umgang mit dem ungeimpften Juri Knorr muss Gislason einen Weg finden

Dass weder Spieler noch Trainer die niederschmetternden Umstände als Ausrede anführten, spricht für den Kader. Es war schon fast rührend, wie die Debütanten Julian Köster oder Hendrik Wagner, die bei Zweitligaklubs ihr Geld verdienen, nach eigenen Fehlern suchten anstatt das Fehlen von Absprachen und Automatismen mangels Training anzuführen. So gab es zwar unzulängliche Ergebnisse, aber auch den positiven Eindruck, dass sich da eine Gruppe junger, talentierter Profis gefunden hat, die Lust auf mehr hat - und macht.

Deutsches Team bei der Handball-EM: Einer für alle: In Bratislava entwickelte sich trotz - oder vielleicht gerade wegen - aller Schwierigkeiten ein ungeahnter Zusammenhalt und Teamgeist.

Einer für alle: In Bratislava entwickelte sich trotz - oder vielleicht gerade wegen - aller Schwierigkeiten ein ungeahnter Zusammenhalt und Teamgeist.

(Foto: Tilo Wiedensohler/camera4+/imago)

Darin liegt die große Hoffnung und die große Aufgabe für den Trainer. Gislason muss fortan darauf achten, dass die vielen Talente und Debütanten wie Köster, Steinert, Wagner, Stutzke, Zerbe, Witzke, Mertens und wie sie alle heißen nicht wieder den alten Haudegen weichen müssen, sollten diese doch wieder Lust aufs Nationalteam verspüren. Vor dem Turnier hatte der Isländer angedeutet, dass er sehr genau überlegen werde, ob er etwa den ungeimpften Juri Knorr, eines der größten Talente im deutschen Handball, so einfach wieder ins Team einbauen kann, sollten sich andere bei der EM in den Vordergrund spielen.

Nun muss Gislason mit Blick auf die Heimturniere 2024 (EM) und 2027 (WM) Taten folgen lassen, den aus der Not geborenen und notwendigen Umbruch konsequent fortsetzen und die passende Auswahl finden aus nach vorne drängenden Talenten und arrivierten Kräften. Die Rückkehr zu alten Mustern und einer Ansammlung überstrapazierter Bundesliga-Schlachtrösser wäre der falsche Weg. Und ein fatales Signal.

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