Corona bei der Handball-EM:Wenn die Gäste im Hotel nicht einmal Maske tragen

Lesezeit: 3 min

Corona bei der Handball-EM: Am Sieg gegen Belarus maßgeblich beteiligt und nun im Quarantäne-Hotel in Bratislava: Deutschlands Rückraum-Shooter Julius Kühn.

Am Sieg gegen Belarus maßgeblich beteiligt und nun im Quarantäne-Hotel in Bratislava: Deutschlands Rückraum-Shooter Julius Kühn.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Die Corona-Infektion von Julius Kühn in Bratislava schwächt die deutsche Mannschaft - und lässt angesichts der Zustände im zweiten Veranstaltungsland Ungarn Schlimmes befürchten.

Von Ralf Tögel

Eigentlich war es für die deutsche Handball-Nationalmannschaft nach Plan gelaufen - vom etwas rumpeligen Start im ersten Turnierspiel gegen Belarus mal abgesehen. Doch der zwischenzeitliche Fünf-Tore-Rückstand war schnell korrigiert, der vermeintlich schwerste Gruppengegner letztlich mit 33:29 Toren geschlagen und die Aussichten auf die kommenden Spiele der Vorrunde gegen Österreich und Polen ziemlich prächtig. Was angesichts des "krassen Umbruchs", wie Bundestrainer Alfred Gislason den Neuaufbau der Mannschaft im Vorfeld bezeichnet hatte, nicht unbedingt zu erwarten war.

Alles gut also? Nicht so ganz. Am Abend vor der Österreich-Partie am Sonntag (18 Uhr, Liveticker auf SZ.de) ploppte die Meldung von der Corona-Infektion des deutschen Rückraumspielers Julius Kühn auf. Ausgerechnet Kühn, einer der Erfahrenen im stark verjüngten Kader, der zu den auffälligsten Akteuren beim Sieg gegen Belarus zählte. Der 28-Jährige hatte viel Verantwortung übernommen, Torgefahr ausgestrahlt und sechs Treffer erzielt.

Nun fiel der vom Ausrichter obligatorisch abgenommene PCR-Test positiv aus, Kühn verabschiedete sich sofort in die Isolation. Wie sämtliche Teamkollegen auch, die sich umgehend auf ihre Zimmer begaben und sich am Sonntagvormittag auf Initiative des Deutschen Handballbunds (DHB) eines zusätzlichen PCR-Tests unterzogen. Alle Schnelltests waren vorher negativ ausgefallen.

Die deutsche Delegation hat sich akribisch an alle Hygienemaßnahmen gehalten und zusätzliche Tests durchgeführt

Überhaupt habe die deutsche Delegation alles Menschenmögliche getan, um Infektionen zu vermeiden, hieß es am Sonntag. Seit Beginn der Vorbereitung zu Jahresbeginn hatte sich der deutsche Tross strikt an ein selbst verordnetes Hygienekonzept mit weitreichenden Maßnahmen gehalten - und war mit großer Konsequenz und dem nötigen Glück, so ist aus dem deutschen Lager zu hören, von Ungemach verschont geblieben.

Im Teamhotel in Bratislava hat der DHB eigene Etagen geblockt, einen eigenen Koch mitgenommen und peinlich genau die Vorgaben der veranstaltenden Europäischen Handballföderation (EHF) umgesetzt. "Wir kommen weder bei den Mahlzeiten, bei Besprechungen noch beim Wohnen mit irgendjemand in Kontakt", bestätigte Sportvorstand Axel Kromer. Darüber hinaus verzichten Spieler wie Offizielle auf jegliche Freizeitaktivität. Den Kontakt zu anderen Mannschaften freilich könne man bei einer EM halt nicht ausschließen.

Corona bei der Handball-EM: So wird's gemacht: Hendrik Wagner, der hier beim Testspiel gegen Portugal von Bundestrainer Alfred Gislason instruiert wird, ist bereits bei der Mannschaft in Bratislava.

So wird's gemacht: Hendrik Wagner, der hier beim Testspiel gegen Portugal von Bundestrainer Alfred Gislason instruiert wird, ist bereits bei der Mannschaft in Bratislava.

(Foto: Anke Waelischmiller/Sven Simon/Imago)

Trainer Gislason hatte sich positiv über die Situation am Spielortgeäußert, er verglich die Situation sogar mit den peniblen Hygieneblasen bei der WM 2021 in Ägypten und beim Olympiaturnier in Tokio. Gleichwohl ist eine solche Abschottung nicht vorgesehen, die aktuelle EM ist laut EHF-Hygieneprotokoll eine 2G-Veranstaltung, für geimpfte oder genesene Teilnehmer.

Vor allem die Situation am zweiten Veranstaltungsort Ungarn sorgt indes für Unbehagen, dort ist in den drei Spielarenen volle Zuschauerauslastung erlaubt. Frankreichs Routinier Nikola Karabatic hatte sich bitterlich über die Situation im Teamhotel beklagt, wo sich die Spieler unter normalen Gästen, die nicht einmal Masken tragen würden, bewegen müssten. Serbiens spanischer Trainer Antoni Gerona kritisierte auf Twitter eine "chaotische Organisation", Islands Nationalcoach Gudmundur Gudmundsson monierte ein viel zu laxes Sicherheitskonzept. Die von der EHF zugesicherten abgeschirmten Bereiche bei Mahlzeiten und Besprechungen seien schlichtweg nicht vorhanden.

Bundestrainer Gislason hat Hendrik Wagner vom Zweitligisten Eulen Ludwigshafen nachnominiert

Dies immerhin funktioniert in Bratislava, sagt Kromer, in den Hallen sind überdies nur 25 Prozent Auslastung erlaubt. Vor den Deutschen waren andere Teams bereits von Corona-Fällen durchgeschüttelt worden, Gruppengegner Polen, der im selben Hotel logiert, musste ohne fünf infizierte Stammspieler ins Turnier starten - gewann gegen Österreich dennoch 36:31. Die Kroaten hingegen verloren ohne ihre beiden Spielmacher und Topakteure Luka Cindric und Domagoj Duvnjak ihren Auftakt gegen Frankreich. Und es ist davon auszugehen, dass es weitere Infektionen geben wird. Angesichts dieser Gefahr hatte die EHF schon vor Turnierbeginn die Quarantänezeit für infizierte Spieler von 14 auf fünf Tage verkürzt, so könnte sich auch Julius Kühn, der bereits geboostert und symptomfrei ist und sich mittlerweile in einem Quarantäne-Hotel befindet, mit zwei negativen PCR-Befunden freitesten.

Er könnte allerdings frühestens zur Hauptrunde ins Turnier zurückkehren, bis dahin hat Trainer Alfred Gislason Hendrik Wagner vom Zweitligisten Eulen Ludwigshafen nachnominiert. Der 24-Jährige hat die gesamte Vorbereitung absolviert und befindet sich bereits bei der Mannschaft, wurde aber für die Partie gegen Österreich noch nicht nominiert.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusHandball-Bundestrainer Gislason
:"Mein Ego steht nie im Vordergrund"

Kurz vor dem Start der EM spricht Handball-Bundestrainer Alfred Gislason über schwer belastete Nationalspieler, schmerzliche Absagen am Handy - und erklärt, auf wen er im verjüngten Nationalteam künftig besonders setzt.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB