Süddeutsche Zeitung

Deutschland bei der Handball-EM:"Ich habe mehrmals signalisiert, dass ich länger bleiben will"

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Alfred Gislason hat bei der Heim-EM gezeigt, dass er die Nationalmannschaft weiterentwickelt hat. Im März steht die Olympia-Qualifikation an, danach endet sein Vertrag - und dann?

Von Ralf Tögel, Köln

Die letzte Antwort von Bundestrainer Alfred Gislason bei dieser Handball-Europameisterschaft in Deutschland hatte es in sich: "Ich habe einen steinigen Weg hinter mir, die Mannschaft so umzubauen. Aber jetzt sieht es richtig gut aus." Er war danach gefragt worden, ob es denn schon eine Rückmeldung seines Arbeitgebers zu einer Verlängerung seines Vertrages gegeben hätte, der bekanntermaßen im Sommer ausläuft. Mit ihm habe noch niemand gesprochen, sagte Gislason, "ich habe noch einen Vertrag bis nach der Olympia-Qualifikation".

Gislason hat nicht nur den vierten EM-Platz geholt, er hat die Auswahl des Deutschen Handballbunds (DHB) auch durch die fürchterliche Corona-Zeit mit zwei Großturnieren geführt, er hat Krisen moderiert, er war in schwierigen Zeiten das Gesicht des deutschen Handballs.

Nun wurde unter seiner Führung das erklärte Ziel bei dieser Heim-EM erreicht, der 64-Jährige hat das deutsche Team ins Halbfinale geführt. Wer einigermaßen bei Handball-Verstand ist, durfte zwar von einer Medaille träumen, aber nicht mehr mit einer rechnen. Die drei Topnationen Frankreich, Dänemark und Schweden haben gezeigt, dass sie der DHB-Auswahl noch einen Schritt voraus sind. Der Abstand auf sie ist nach Platz fünf bei der Weltmeisterschaft in Polen und Schweden vor einem Jahr jedoch weiter verkürzt worden. In der Vorbereitung auf die EM hatte es gegen Schweden und Dänemark noch empfindliche Niederlagen mit zweistelligem Abstand gesetzt, nun war Deutschland jeweils nur drei Treffer schlechter.

"Es ist wichtig für uns zu wissen, dass wir phasenweise mit den ganz Großen mithalten können", sagte Kapitän Johannes Golla, der mit seinen 26 Jahren bereits zu den routinierten Kräften im Kader zu zählen ist. Kai Häfner konstatierte, dass es schon seine Gründe habe, "dass immer diese drei Nationen im Halbfinale der großen Turniere stehen".

Kein anderes Team habe "sechs 2000er-Jahrgänge und jünger im Kader", erinnert der Bundestrainer

Diese Auswahlen haben mehr Qualität, vor allem in der Breite. Noch mache seine Mannschaft zu viele technische Fehler, agiere in der Verwertung von Großchancen unkonzentriert und scheue das Risiko im Tempospiel, analysierte Gislason. All das sei natürlich erkannt und werde sich in Zukunft sukzessive verbessern, zumal die junge Mannschaft ein großes Entwicklungspotenzial berge. Kein Mitbewerber habe "sechs 2000er-Jahrgänge und jünger im Kader", erklärte der Bundestrainer. Und genau diese Herausforderungen seien unerlässlich, um aus den Fehlern gegen die Spitzenteams zu lernen: "Ich glaube, dieses Turnier hat die Mannschaft wieder weitergebracht. Ich bin stolz auf die Jungs."

Zeit, um Kräfte zu sammeln, wird es hingegen kaum geben, schon am kommenden Donnerstag geht es in der Bundesliga weiter. Und der Nationalmannschaft steht Mitte März die nächste Aufgabe ins Haus: die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Paris. Sechs Mannschaften sind bereits qualifiziert, darunter Gastgeber Frankreich und Weltmeister Dänemark - deshalb hätte bei der EM der dritte Platz für ein Ticket nach Paris gereicht, das haben die Schweden gelöst.

Sechs Plätze sind noch zu vergeben, die in drei Turnieren mit jeweils vier Teilnehmern ausgespielt werden. Der DHB hat sich als WM-Fünfter das Recht für die Bewerbung als Ausrichter vorbehalten, die Aussichten sind gut, gespielt würde dann in Hannover. Gegner werden zwei gute Bekannte sein: Kroatien und Österreich, sowie Algerien - die beiden Ersten jeder Gruppe nehmen an Olympia teil.

Eine machbare Aufgabe, findet Gislason, wenngleich es gegen die Kroaten im letzten Hautrundenspiel eine 24:30-Pleite setzte und die DHB-Auswahl über ein schmeichelhaftes 22:22-Remis gegen den Nachbarn aus dem Alpenland nicht hinauskam. Gegen Österreich habe man einen rabenschwarzen Tag erwischt, erklärt der Bundestrainer, gegen Kroatien hatte er die Stammkräfte ob des bereits feststehenden Halbfinaleinzugs geschont. Beides werde nicht mehr passieren.

Nach derzeitigem Stand ist es im Übrigen das letzte Turnier in seiner Verantwortung, danach endet sein Vertrag. "Ich habe mehrmals signalisiert, dass ich länger bleiben will", sagte Alfred Gislason noch vor der Abreise aus Köln, bisher ohne Reaktion des Verbandes. Und nun? Werde er weiter arbeiten, analysieren, sichten, vorbereiten: "Ich sehe das sehr locker."

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