Handball:Neues von der Omikron-EM

Lesezeit: 4 min

Handball-EM: Deutsche Spieler mit Mundschutz auf dem Spielfeld

Schon auf dem Spielfeld setzen die deutschen Handballer ihre Masken wieder auf, dann geht es ungeduscht ins Hotel: Das ist der Alltag für Torhüter Johannes Bitter (Mitte) und die anderen Spieler bei dieser EM.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Kuriose Ergebnisse, mehr als 100 Infizierte, vorzeitige Rückreise der Spieler per Krankentransport: Die Handball-Europameisterschaft verkommt zu einem unwürdigen Ereignis.

Von Carsten Scheele und Ralf Tögel

Nach allem, was man in zwei Jahren Corona-Pandemie gelernt hat, ist die Handball-Europameisterschaft in Ungarn und der Slowakei ein Superspreader-Event, das diesen Namen redlich verdient. 70 infizierte Profis hat die Europäische Handballförderation (EHF) bisher vermeldet, wohl gemerkt ein Zwischenstand, die EM läuft noch bis kommenden Sonntag, täglich kommen neue Meldungen hinzu. Schon vor Turnierbeginn gab es 30 Fälle, als die teilnehmenden Nationen in Testspielen am Feinschliff arbeiteten. In Summe also 100 positive Handballer, Tendenz steigend.

Das deutsche Team hat am Wochenende mit dem Rücktransport der ersten infizierten Spieler begonnen. Da war noch nicht einmal klar, dass das Halbfinale verpasst war. Keine andere Mannschaft hat es härter erwischt bei dieser Omikron-EM: 15 Profis plus Co-Trainer und zwei weitere Delegationsmitglieder. Sechs Spieler sind bereits zu Hause angekommen, per Krankentransport mit medizinisch geschultem Fachpersonal. Andere Infizierte bleiben noch in Quarantäne, wie Patrick Wiencek und Simon Ernst, die am Montag einen positiven Testbefund bekamen.

Der Rest der Mannschaft fliegt nach dem letzten Spiel am Dienstag gegen Russland (18 Uhr, ZDF) per Chartermaschine zurück, die Frage wird sein, welche Delegation die größere ist: die der Infizierten oder die der Gesunden. "Mir tut es leid für jeden, der bei diesem Turnier mit dabei ist", sagte Sportvorstand Axel Kromer in einem ersten Resümee.

Wird am Ende das Team Europameister, das die wenigsten Corona-Fälle hat? Wahrscheinlich ja

Die unlösbare Frage bleibt indes, wie das Virus überhaupt in die Mannschaft gekommen ist. Schon bei den Testspielen vor der EM? Im Hotel in Bratislava, wo weitere Mannschaften untergebracht waren, unter anderem die Polen, die vor Turnierstart zahlreiche Fälle zu beklagen hatten? In der Halle? Obwohl das gesamte deutsche Team durchgeimpft und geboostert angereist ist und teils selbstauferlegte strikte Hygienemaßnahmen eingehalten wurden, sind Stand jetzt nur vier Spieler aus dem ursprünglichen 17er-Kader verschont geblieben: Kapitän Johannes Golla, Mittelmann Philipp Weber, Rückraumspieler Julian Köster und Rechtsaußen Lukas Zerbe. Vier von 17 - was für eine Bilanz.

Sportlich hatte sich diese EM für das deutsche Team früh erledigt. Die Vorrunde wurde mit Bravour überstanden, obwohl die Mannschaft nicht eingespielt war und jeden Tag neue Nachrücker ankamen. In der Hauptrunde aber folgten drei klare Niederlagen, zuletzt gegen den WM-Zweiten Schweden, 21:25. Gegen Russland geht es um einen versöhnlichen Abschluss, mehr nicht. Und dann nichts wie ab nach Hause!

Handball: Wurde bei den Kroaten schmerzlich vermisst: Der frühere Welthandballer Domagoj Duvnjak verpasste coronainfiziert die EM.

Wurde bei den Kroaten schmerzlich vermisst: Der frühere Welthandballer Domagoj Duvnjak verpasste coronainfiziert die EM.

(Foto: Jerko Grubisic/imago)

Der sportliche Wert dieser Titelkämpfe ist ohnehin schon jetzt nachhaltig beschädigt, fast alle Teilnehmer sind betroffen. Die hoch eingeschätzten Kroaten etwa, deren Spielmacher Domagoi Duvnjak und Luka Cindric kurz vor Turnierbeginn positiv getestet wurden, sind Gruppenletzter. Die Franzosen, erst blendend gestartet, doch dann infizierten sich Trainer Bertrand Gille und Schlüsselspieler Kentin Mahé. Gegen Island, obwohl auch betroffen, setzte es sogleich eine historische 21:29-Pleite für den Olympiasieger. Auch die Spanier hat es nun erwischt: Wichtige Spieler infiziert, erste Niederlage, das Weiterkommen steht plötzlich infrage. Die Niederlande, bislang die positive (ausnahmsweise im Sinne von erfreulich) Überraschung der EM, haben die zweitmeisten Corona-Fälle. Nur die Dänen und Norweger kommen weitgehend ohne Schaden durchs Turnier.

Aber was ist das für eine EM, wenn am Ende derjenige Europameister wird, der die wenigsten Ausfälle und damit das meiste Glück hat?

Entsprechend fällt die Kritik am Corona-Konzept der ausrichtenden EHF aus, das als gescheitert anzusehen ist. Auf eine hermetisch abgeriegelte Blase, wie bei der WM 2021 in Ägypten erfolgreich praktiziert, wurde bewusst verzichtet. Die Mannschaften konnten sich zwar in ihren Hotels separieren, mindestens zu Beginn aber waren dort auch normale Gäste untergebracht, was von den Franzosen, Serben oder Isländern bitter beklagt wurde.

Die Spieler begegneten Hotelgästen, die nicht einmal eine Maske trugen. Und in Ungarn spielten die Teams vor voll besetzten Tribünen, euphorische Fans in der ersten Reihe, direkt am Spielfeldrand. Da reicht schon ein Spieler, der einen Ball aus dem Publikum klaubt. "Ein Bubblesystem hätte zur Folge gehabt, dass wir in die Zeiten von 2020 zurückgehen", sagte EHF-Generalsekretär Martin Hausleitner der "Sportschau". Aber wäre das so falsch gewesen? Die Hoffnung, dass es schon reichen würde, da alle Spieler geimpft sind, hat sich als blauäugig erwiesen.

Die EHF reagiert nur in eine Richtung: Sie lockert die Corona-Bestimmungen

Die EHF teilte nun mit, sie habe die Dynamik der Omikron-Welle nicht antizipieren können. Doch anstatt die Bestimmungen zu verschärfen, um den Schaden zu begrenzen, reagierte sie nur in eine Richtung: Jede Nation durfte unbegrenzt Spieler nachnominieren, die Quarantänezeit wurde von 14 auf fünf Tage verkürzt, danach können sich infizierte Spieler freitesten. Die EM wurde durchgedrückt, um jeden Preis. Als die deutsche Delegation einen vorzeitigen Rückzug diskutierte, erinnerte die EHF an bestehende Verträge und drohende Regresszahlungen sowie den möglichen Ausschluss von zukünftigen Veranstaltungen.

Handball: Bilder von voll besetzten Tribünen in Budapest sind schwer zu vermitteln, wenn der ganze Kontinent gegen das Coronavirus kämpft.

Bilder von voll besetzten Tribünen in Budapest sind schwer zu vermitteln, wenn der ganze Kontinent gegen das Coronavirus kämpft.

(Foto: Bernadett Szabo/Reuters)

Der DHB hat mittlerweile entschieden, keine weiteren Spieler nachzuholen. Und auf Akteure zu verzichten, die im Turnierverlauf eine Infektion durchgemacht haben. Die richtige Entscheidung, wie der Kurzeinsatz von Hendrik Wagner gegen Schweden zeigte: Wagner, 24, ist einer der Nachnominierten, der Rückraumspieler vom Zweitligisten Ludwigshafen wurde bei seiner Ankunft positiv getestet und musste sofort in Quarantäne. Gegen Schweden lief er nun auf, freigetestet nach zwei negativen PCR-Befunden sowie mit einer Unbedenklichkeitserklärung der Ärzte.

Drei Angriffe hielt er durch, dann klagte er über Atemprobleme. Nachwirkungen des Virus? Er fühle sich gut, sagte Wagner, aber sieben Tage ohne Bewegung auf dem Einzelzimmer würden jedem Hobbyjogger bei plötzlicher Belastung den Atem rauben. Es folgen eingehende Untersuchungen.

Am Sonntag wird das EM-Finale gespielt, mit hoffentlich einigermaßen vollständigen Kontrahenten. Das Ergebnis aber ist jetzt schon zur Nebensache geworden, der Titel wird auf ewig mit dem Omikron-Makel behaftet bleiben. Weitere Nachwirkungen werden sich bald zeigen: Auch bei bereits abgereisten Mannschaften häufen sich die Infektionen. Die Österreicher zum Beispiel hatten kaum Fälle während des Turniers, aktuell ist die halbe Mannschaft betroffen, das Gros der Nationalspieler verdient sein Geld in der Bundesliga, die am 5. Februar mit dem Pokalviertelfinale in die zweite Saisonhälfte startet.

Geht die aktuelle Entwicklung des Infektionsgeschehens ungebremst weiter, tragen die Spieler die Problematik in den heimischen Spielbetrieb. Dann drohen weitere Titel, die vom Omikron-Makel entwertet sind.

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