Deutsche HandballerDie Achse der Zukunft

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War bester deutscher Werfer gegen Spanien: Renars Uscins.
War bester deutscher Werfer gegen Spanien: Renars Uscins. (Foto: Sina Schuldt/dpa)
  • Die deutsche Handball-Nationalmannschaft gewinnt 34:32 gegen Spanien und verhindert damit das erstmalige Vorrunden-Aus bei einer EM.
  • Junge Spieler wie Knorr, Köster, Uscins und Fischer bilden die neue Achse des Teams und steuerten 24 Treffer bei.
  • Bundestrainer Gislason korrigierte seine Fehler beim Personalmanagement und nutzt nun die Kaderbreite gewinnbringender als in den ersten EM-Partien.
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Knorr, Köster, Uscins: Die jungen Handballer tragen das deutsche Team zum wichtigen Sieg gegen Spanien. Die Frage ist: Schaffen sie das auch gegen die wirklich harten Gegner?

Von Ralf Tögel, Herning

Juri Knorr sprach ruhig und überlegt, wie immer in druckreifen Sätzen, als er das EM-Spiel gegen die Spanier analysierte. Dabei hätte der Handball-Nationalspieler eigentlich vor Freude und Stolz bersten müssen, schließlich war er der Architekt dieses großen 34:32-Erfolgs gegen die Iberer, wohlgemerkt mit dem Turnier-Aus vor Augen. Nie zuvor war eine deutsche Nationalmannschaft in der Vorrunde einer Europameisterschaft gescheitert, die Spanier waren bis dahin sehr souverän durch die Vorrunde marschiert, das war die Ausgangslage.

Knorr selbst hatte nach der ernüchternden 27:30-Niederlage gegen die Serben gezündelt, indem er seinen Chef in ungewöhnlicher Deutlichkeit kritisiert hatte. Und damit umgehend eine Trainerdebatte entfacht. Alles vergessen, in diesem Moment.

„Das Beste ist das Gefühl, wenn man am nächsten Tag mit seinem Trainer spricht und dem das völlig egal ist“, beschrieb Knorr das Verhältnis zu Bundestrainer Alfred Gislason. Das sei keinesfalls selbstverständlich, „dass ein Trainer heutzutage kein Ego hat und das nicht persönlich nimmt. Er vertraut uns und weiß, dass wir auch Ahnung von Handball haben. Dann haben wir auch mal Sachen ausgesprochen.“ Alles ausgeräumt also, für Gislason sei die Sache „ein Null-Thema“ gewesen. „Das gibt mir in dem Fall, aber generell unseren Spielern auch ein gutes Gefühl“, sagte Knorr.

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Gislason zeigte ebenfalls Größe, indem er seine Fehler eingestand und korrigierte. Es war gegen den zweimaligen Europameister allerdings auch dringend angezeigt, das Personalmanagement effektiver zu gestalten, Spanien war nicht zu Unrecht deutlich stärker einzuschätzen als die Serben.

Die Spanier befinden sich in einem ähnlichen Prozess wie die Deutschen, die alten Helden um Joan Cañellas oder Raúl Entrerríos sind altersbedingt gewichen, nun gilt es für Trainer Jordi Ribera, einen ähnlich erfahrenen Fachmann wie Gislason, den Umbruch zu gestalten. Der Isländer ist augenscheinlich einen Schritt weiter. Während die spanischen Hochtalentierten wie der 18-jährige Marcos Fis kaum internationale Erfahrung haben, sind die Akteure im Kader des Deutschen Handballbunds (DHB) vergleichsweise alte Hasen. Knorr und Julian Köster sind 25 Jahre alt, Köster spielt sein sechstes großes Turnier, Renars Uscins ist gerade mal 23. Das ist die Achse der Zukunft, das hat Gislason spätestens am Montagabend in der Jyske Bank Boxen vor 9625 meist deutschen Zuschauern, die die Partie zum nächsten deutschen Heimspiel in Dänemark machten, deutlich gesehen. In den ersten EM-Partien hatte er dieses Gefüge durcheinander gebracht, mit Marko Grgic und Miro Schluroff experimentiert, ein nachvollziehbarer Ansatz, der aber ohne den gewünschten Erfolg blieb.

Der Bundestrainer hatte zudem erkannt, dass es ohne Knorr nicht funktionieren wird. Der Flensburger, der seinen Reifeprozess mittlerweile beim dänischen Serienmeister Aalborg fortsetzt, hat sich sehr zielgerichtet zum sportlichen Anführer der Mannschaft entwickelt: Jugendakademie beim FC Barcelona, erste Gehversuche in der Bundesliga bei GWD Minden, 2021 der Wechsel zum Spitzenteam Rhein-Neckar Löwen, Pokalsieg inklusive. Und nun der Konkurrenzkampf beim dänischen Champions-League-Vertreter.

Entsprechend selbstbewusst erfüllte Knorr die Hauptrolle gegen die Spanier, die er höchstselbst eingefordert hatte. Gegen die Serben hatte ihn Trainer Gislason in der entscheidenden Phase auf der Bank sitzen lassen. Nun gestaltete der Regisseur den Rhythmus im Spiel über die gesamte Spielzeit, hielt das Tempo hoch, setzte die Nebenleute ein oder traf selbst. In einem Satz: Er übernahm die Verantwortung des Anführers.

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Knorr hat zwei Kollegen, die ihm die Aufgabe erleichtern. Uscins ist der Vollstrecker, der im optimalen Moment seine Olympiaform wiedergefunden hat. In Paris 2024 war ihm im Viertelfinale gegen Gastgeber Frankreich mit einer Weltklasseleistung der Durchbruch gelungen, Uscins trug die Mannschaft durch das Turnier, fiel aber danach in ein Leistungsloch, musste den Wirbel um seine Person erst verarbeiten. Mit Erfolg, wie er nun wissen ließ: „Wir sind noch eine junge Mannschaft, standen noch nie vor so einer Situation, dass ein Debakel droht“, sagte Uscins am Dienstag. Aber man habe es gemanagt: „Jeder war sich dessen bewusst, die Energie war wieder da, das Gefühl wird auch immer besser“. Auch dank der Aufbauarbeit von Gislason, erklärte Uscins, „der uns Selbstvertrauen gegeben hat“.

Bleibt Julian Köster, Führungsspieler beim VfL Gummersbach, der von der kommenden Saison an beim THW Kiel den finalen Schritt zum Weltklassespieler gehen will. Köster bringt Wurfgewalt aus dem Rückraum, sucht aber in kniffligen Situationen mit Wucht den Weg ins Eins-gegen-eins. Und er ist ein erstklassiger Abwehrspieler, der die neuralgische Position im Innenblock bekleidet. Zusammen steuerte dieses Trio 19 Treffer zum Sieg bei, erfüllte zudem wichtige Abwehraufgaben.

Im Fall von Köster war dies jedoch oft die Achillesferse, Gislason erachtete seine Fähigkeiten als Abwehrchef als unersetzbar, doch weil Köster defensiv meist die gesamte Spielzeit durchackerte, fehlte ihm im Angriff zum Schluss einer Partie bisweilen die Kraft. Auch in dieser Hinsicht hat der Bundestrainer dazugelernt. Er hat in Tom Kiesler (VfL Gummersbach) und Matthes Langhoff (Füchse Berlin) zwei Abwehrspezialisten nominiert, die den bis dahin gesetzten Köster und Johannes Golla nicht nur notwendige Pausen ermöglichen, sondern die wichtige Schaltzentrale in der Defensive verbessert haben.

Golla war der strapazierte Vielspieler im Team, der seinen Premium-Ersatzmann nun praktischerweise selbst einarbeiten kann: Justus Fischer, der wie Uscins in der Bundesliga für die TSV Hannover-Burgdorf aufläuft. „Justus steht Golla in nichts nach“, sagte Abwehrkollege Kiesler, „er kann genauso gut Innenblock spielen.“ Was auch für die Position vorn am Kreis gilt, Fischer war kaum zu halten, traf gegen Spanien fünfmal.

Die Verteilung der Ressourcen ist der Schlüssel zum Erfolg – auch offensiv. In Schluroff, Grgic und Nils Lichtlein hat das DHB-Team auch dort wertvolle Alternativen. Gerade Lichtlein, der gegen Spanien nach einer Blessur seinen Turniereinstand gab, bringt mit seiner Schnelligkeit und Ballsicherheit Schwung und Ideen in den Angriff. Schluroff hat enorme Sprungkraft und einen extrem harten Wurf, sucht aber auch erfolgreich die Nahdistanz. So ist diese deutsche Mannschaft für jeden Gegner schwer auszurechnen.

Gleichwohl bleibt der Montagabend eine schöne Momentaufnahme. Die wirklich starken Gegner kommen erst in der Hauptrunde, Weltmeister und Olympiasieger Dänemark etwa, dazu Portugal (nach einem höchst überraschenden 31:29 gegen die Dänen am Dienstagabend), Norwegen und Frankreich. Dann muss der Beweis erbracht werden, ob die hochgesteckten Ziele tatsächlich zu erreichen sind.

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