Handball Ein WM-Aus, so schmerzhaft wie wertvoll

Das verlorene Achtelfinale der deutschen Handballer gegen Katar ist der größtmögliche Schock. Doch der Zeitpunkt ist für dieses junge Team gar nicht so schlecht.

Kommentar von Saskia Aleythe

Andreas Wolff hatte mit 25 Jahren noch einmal einen Wachstumsschub. Als die deutschen Handballer im vergangenen Jahr einen Erfolg nach dem anderen einheimsten, schwoll der 1,98 Meter große Sportler an vor Stolz und Selbstbewusstsein. Der bärtige Hüne wurde zum Twitter-Phänomen und Stargast in Fernsehshows - ein rasanter Aufstieg für einen Handballtorwart. Am Sonntagabend zeigte sich in Paris ein anderes Bild: Wolff fiel in sich zusammen wie ein angepiekster Luftballon.

Der größtmögliche Schock überkam die deutschen Handballer wie ein Auffahrunfall: 20:21 gegen Katar, WM-Aus im Achtelfinale als amtierender Europameister. Bleich schritt Bundestrainer Dagur Sigurdsson nach dem verlorenen Spiel vom Parkett, später sprach er von einer "Riesenenttäuschung". Dieses plötzliche Turnier-Aus tut den deutschen Handballern sichtlich weh. Aber es ist keine Katastrophe und bringt eine Erfahrung mit sich, die überfällig war.

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Ein Jahr lang ist die junge deutsche Mannschaft durch ihren Sport marschiert, als müsste man die Gesetzmäßigkeiten im Handball neu schreiben. Mit dem jüngsten Kader der gesamten EM, mit 14 Debütanten holten die Deutschen den Titel. Und danach noch Olympia-Bronze, als gäbe es keine gestiegenen Erwartungen. Unbekümmert entschied die Sigurdsson-Truppe selbst einige enge Partien gegen starke Dänen oder Schweden für sich. 2016 war ein fabelhaftes Jahr für das DHB-Team - aber es muss als Ausnahme betrachtet werden, nicht als Regel. Aus ihm folgt nicht die Logik, dass die Wolffs, Kohlbachers und Lemkes schon unerschütterlich an der Weltspitze thronen und eine Pleite gegen die leistungsmäßig abgespeckten Kataris eine Blamage wäre.

26,1 Jahre beträgt der Altersdurchschnitt der Deutschen, für die meisten war diese WM das dritte große Turnier ihrer Karriere und die erste WM - was deutlich unter den Erfahrungswerten anderer Nationen liegt. Das gerät schnell in Vergessenheit, wenn man Triumph um Triumph sammelt. Diese junge deutsche Mannschaft, gespickt mit vielversprechenden Talenten, darf noch gegen Katar verlieren.

43 Prozent aller Bälle hat Katars Torhüter Danijel Saric abgewehrt in diesem Achtelfinale, Andreas Wolff sogar 48. "Mit so einem Weltklassemann muss man sich vorher auch mal beschäftigen", schickte Wolff nach der Partie frustriert Richtung Angriff. Es gab einige Faktoren, die zur Niederlage führten: Schlechte Würfe, zu viele Fehlpässe, eine fatale Entscheidung der Schiedsrichter kurz vor Ende, ein schlecht gedeckter Rafael Capote - allein er machte neun der 21 Tore und war vorher kein Unbekannter. Doch der Spielstand verrät es: Deutschland hätte diese Partie auch gewinnen können, einen systematischen Fehler zu suchen, wäre ungerecht.

"Das ist kein Rückschlag für den deutschen Handball", sagte DHB-Vizepräsident Bob Hanning nach der Partie und führte aus: "Natürlich kann man das zu keiner Zeit gebrauchen - aber für die Gesamtgeschichte ist es vielleicht gerade jetzt nicht so verkehrt." Nur wer Fehler macht und dafür bestraft wird, spürt die Notwendigkeit, sich weiterzuentwickeln. "Wir haben dieses Spiel vielleicht zu leicht genommen", befand Andreas Wolff. Auch Bundestrainer Sigurdsson sagte: "Ich glaube schon, dass man den Kopf ein bisschen Richtung Ende hatte." Für eine ähnliche Situation in der Zukunft hat sich dieses Erlebnis nun in den Köpfen festgesetzt. Aus Erfahrungen zu lernen, macht aus einer erfolgsverwöhnten eine charakterstarke Mannschaft.

Dagur Sigurdsson wird in der Zukunft Japan trainieren - dass sein Engagement in Deutschland so enden muss, schmerzt ihn mit Sicherheit. Das WM-Aus kann für die Emanzipierung des deutschen Handballs von ihrem großen Isländer aber einen sanften Abschied bedeuten. Sein Nachfolger muss nun immerhin keinen EM- und WM-Titeltrainer ersetzen.

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