Handball Ein Weltmeister im Abstiegskampf

Um in der zweiten Bundesliga zu bleiben, setzt der TV Großwallstadt nun seine Torwartlegende Manfred Hofmann, 71, wieder auf die Bank.

Von Sebastian Leisgang

Schon bald dürften sich diese Szenen wieder abspielen. Vielleicht tuscheln die Leute dann wieder auf der Tribüne der Untermainhalle in Elsenfeld, wenn sich die Spieler des TV Großwallstadt in einem Kreis aufstellen. Wenn sie sich dann, das Adrenalin im Blut, den Schweiß auf der Stirn, in einer Auszeit an- und aufgeregt austauschen, mit welcher Deckungsformation sie dem Gegner jetzt entgegentreten sollen - und Manfred Hofmann, ihr Trainer, bloß neben dem Kreis steht und mehr oder weniger interessiert zuhört.

Es ist schon ein kleines Experiment, zu dem sie sich beim TVG da durchgerungen haben. Wobei: Was soll's?

Es sind nur noch vier Spiele zu spielen, der Aufsteiger steht drei Punkte hinter einem Nichtabstiegsplatz, und die Mannschaft wurschtelt sich im Grunde seit den ersten Wochen durch die Saison. Mal gewinnt sie gegen Dormagen und bei den Rhein Vikings, verliert dann aber gegen Hüttenberg und in Lübbecke. Mal gewinnt sie gegen Emsdetten, verliert dann aber in Wilhelmshaven, gegen Coburg und in Aue. Als sie vor knapp zwei Wochen den VfL Eintracht Hagen besiegte, hätte das die Wende im Abstiegskampf sein können - ehe sie am Freitag in Essen wieder verlor.

Großwallstadts Saison ist ein einziges Auf und Ab, doch Kurt Schlieper sagt: "Wir rechnen noch mit dem Verbleib, sonst hätten wir das nicht gemacht." Der Pressesprecher des TVG meint: Die Verantwortlichen haben die Hoffnung noch nicht zu den Akten gelegt, auch in der nächsten Saison in der zweiten Bundesliga zu spielen - sonst hätten sie Trainer Florian Bauer nicht beurlaubt und in Maik Pullach und Manfred Hofmann ein Duo damit beauftragt, den Abstieg noch zu verhindern.

Der TV Großwallstadt ist schon alleine durch seine bewegte Historie ein Klub, der irgendwie im Gestern verankert ist. Platz vier der ewigen Bundesligatabelle, zwischen 1978 und 1990 sechs Mal deutscher Meister, zweimal Europapokalsieger der Landesmeister (1979, 1980): Es sind große Erfolge, die da auf dem Briefkopf des TVG stehen. Doch auf die guten Zeiten folgten schlechte. Was also liegt näher, als in Erinnerungen an die Vergangenheit zu schwelgen, wenn die Gegenwart doch eher trist ist? Was liegt näher, als den Mann mit dem Schnauzer zurückzuholen, der damals, zu guten Zeiten, schon da war? Der hat's doch auch in der vergangenen Saison gerichtet, der wird's bestimmt noch mal schaffen.

Ob Hofmann tatsächlich noch mal den Erfolg zurückbringt, wird in Großwallstadt kontrovers diskutiert. Nicht wenige befürchten, Bauers Entlassung komme zu spät. Vergangene Saison, als Hofmann schon mal im laufenden Betrieb einsprang, hatte er Zeit, die Mannschaft auf den rechten Weg und in die zweite Liga zu führen. Jetzt aber bleiben ihm nur vier Partien, um, gemeinsam mit Pallach, die Rückkehr in die dritte Liga abzuwenden.

Hofmann, 71, ist ein sehr geschätzter Mann in Großwallstadt. Mit seinem Comeback wollen die Mainfranken einen Impuls aus ihrer eigenen Historie ziehen. Hofmann war einst der beste Torwart der Nation, eine Säule der WM-Mannschaft von 1978. Er strahlt die Souveränität von einst aus, mit seinem großväterlichen Wesen sei Hofmann "ein ruhender Pol", wie Schlieper sagt - und ein solcher ist jetzt besonders gefragt auf der Trainerbank: "Er kann sehr gut mit Menschen umgehen. Die Spieler haben sich schon etwas aufgegeben, aber er hat noch Ideen, wie er sie motivieren kann." Schlieper selbst sprüht regelrecht vor Optimismus. "Wenn wir die nächsten Spiele gewinnen", sagt er, als sei das beinahe nur Formsache, "dann haben wir es geschafft." Dann, so hofft er, spielt Großwallstadt auch kommende Saison in der zweiten Bundesliga gegen attraktive Gegner wie den TuSEM Essen, HSV Hamburg - und womöglich den HSC Coburg. Die Oberfranken haben nur zwei der jüngsten fünf Spiele gewonnen und sind hinter Balingen und Nordhorn auf Rang drei gestürzt. "Wir haben so lange auf einem Aufstiegsplatz gestanden", sagt Vorstandsmitglied Stefan Apfel, "und jetzt haben wir es nicht mehr in der Hand. Das müssen wir erst mal verdauen." War der HSC vor Jahreswechsel noch von Sieg zu Sieg geeilt, "war zuletzt die Leichtigkeit weg". Gleichwohl betont Apfel: "Der Coburger neigt dazu, überkritisch zu sein. Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht alles schlechtreden lassen. Wir haben uns noch nicht mit Platz drei abgefunden."