Handball-Champions-League:So viel Unglück in einem Wurf

Lesezeit: 2 min

Champions League 2022: Torwart Andreas Wolff nach dem verlorenen Finale

Völlig konsterniert: Kielces Torwart Andreas Wolff nach dem verlorenen Champions-League-Finale im Siebenmeterwerfen.

(Foto: Martin Rose/Getty Images)

Der deutsche Nationaltorhüter Andreas Wolff verliert mit Vive Kielce das dramatische Siebenmeterwerfen um den Champions-League-Titel. Besonders ein Ball dürfte ihm lange nachhängen.

Von Carsten Scheele

Es gibt einen treffenden Spruch über Menschen, die sich in ein Handball-Tor stellen. "Man muss nicht bekloppt sein, um Handball-Torwart zu sein, aber es hilft", lautet dieser, und der deutsche Nationaltorwart Andreas Wolff hat am Sonntagabend auf nachvollziehbare Weise an seiner Berufswahl gezweifelt. Während um ihn herum die Spieler des FC Barcelona tanzten, schlug der Torwart des polnischen Spitzenklubs Vive Kielce die Hände vors Gesicht und saß bedröppelt am Torpfosten in der Kölner Arena. Handball-Torwart, so ein Mist!

Wolff hatte sich im Champions-League-Finale so vielen knallharten Bällen entgegengestellt, dabei stark pariert und sein Team im Spiel gehalten - um dann bei der Lotterie von der Strafwurflinie so viel Ungemach zu erfahren. Beim Stand von 32:32 ging es in den Shootout, beim ersten Siebenmeter von Barcelonas Aleix Gomez bekam er den Fuß an den Ball, dieser flog trotzdem ins Tor. Beim zweiten von Dika Mem, einem angedrehten Wurf durch die Beine von Wolff, kam der Torwart hinter dem Rücken noch an den Ball - er haute sich das Spielgerät mit dem Unterarm an den eigenen Innenpfosten, das zweite Tor. Der vierte Ball von Melvyn Richardson flog ihm erneut durch die Beine.

Weil für Kielce Alex Dujshebaev an Torwart Perez de Vargas scheiterte, gewann Barcelona 37:35, Wolff sank am Torpfosten zu Boden. "Es tut unglaublich weh", sagte der deutsche Nationaltorsteher. Eine normale Niederlage hätte Wolff vermutlich besser verkraftet als so eine fiese Nummer von der Siebenmeterlinie. Es sei "wirklich herzzerreißend, das Finale so zu verlieren". Dies müsse er erstmal verarbeiten.

Für Barcelona ist es bereits der siebte Titel in dieser Saison

Insbesondere der Versuch von Dika Mem dürfte Wolff nachhängen. Es sei "katastrophal, wie viel Unglück in dem Wurf gesteckt hat", resümierte Wolff: "Wenn der rausfällt, dann gewinnen wir das Ding." Auch der Umstand, dass er das Finalturnier in Köln als bester Deutscher abgeschlossen hatte (der THW Kiel gewann lediglich das Spiel um Platz drei, 37:35 n.S. gegen Veszprem), tröstete ihn nicht. Häufig wurde der Torwart als "böser Wolff" tituliert, weil er so grimmig gucken kann (und seine Laune manchmal nicht die beste ist). Jetzt war er bloß ein tieftrauriger Wolff.

Handball-Champions-League: Während Wolff trauerte, feierte der FC Barcelona den bereits zehnten Champions-League-Titel der Vereinsgeschichte.

Während Wolff trauerte, feierte der FC Barcelona den bereits zehnten Champions-League-Titel der Vereinsgeschichte.

(Foto: Marius Becker/dpa)

Während Wolff seinen ersten Titel in der Königsklasse so knapp verpasste, bewies Barcelona, dass der Klub das Nonplusultra im Vereinshandball ist. Der Triumph vom Wochenende ist der zehnte Champions-League-Titel der Vereinsgeschichte, hinzu kommt ein Erfolg im Pokal der Landesmeister. Stolze sieben Pokale hat Barça allein in dieser Saison gewonnen und ist zudem der erste Klub seit Ciudad Real 2009, der den Champions-League-Titel direkt verteidigen konnte. "Wir haben Geschichte geschrieben", sagte Rückraumspieler Thiagus Petrus. Der Franzose Dika Mem sprach gar vom "härtesten Spiel in meinem Leben", und das nicht nur wegen seines Siebenmeters durch die Beine von Wolff.

Auch für Trainer Carlos Ortega war es ein besonderer Moment. Erst im vergangenen Jahr war er vom deutschen Bundesligisten Hannover-Burgdorf nach Barcelona gewechselt - um nun gleich den wichtigsten Titel im Vereinshandball einzuheimsen. Bereits als Spieler hatte er sein halbes Handballerleben bei Barça verbracht, in seinen elf Jahren als Spieler konnte er sechsmal die Champions League gewinnen, nun der erste Titel als Coach. Seinen Status als Vereinslegende hat Ortega damit zementiert, wobei der stets bescheidene Übungsleiter davon nichts wissen wollte. "Dieser Titel ist für den Verein, nicht für mich", sagte Ortega. Überhaupt, dieses Finale sei so knapp gewesen: "Nur Kleinigkeiten haben für uns entschieden."

Wolff sah das genauso - nur eben aus Sicht des Verlierers. Er will mit Kielce wiederkommen zum Finalturnier nach Köln, das hat er am Sonntagabend trotzig angekündigt: "Wir müssen diesen Weg noch mindestens einmal gehen."

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