Handball Die Kerze auf der Torte

Hört, hört! Das Magdeburger Eigengewächs Matthias Musche hat mit seinen bislang 55 Toren großen Anteil am gelungenen Saisonstart des Klubs.

(Foto: imago/Christian Schroedter)

Nach sechs Spieltagen findet sich der SC Magdeburg überraschend auf Platz eins der Bundesliga-Tabelle wieder. Das weckt Erinnerungen an den Titelgewinn des Klubs im Jahre 2001.

Von Saskia Aleythe, Magdeburg/München

Matthias Musche ist kein Isländer, das muss erwähnt werden, weil in Magdeburg schon ein paar blonde Kerle mit üppiger Gesichtsbehaarung große Erfolge gefeiert haben. Nein: Matthias Musche ist Magdeburger. Einer, der nicht unbedingt zu der glattgebügelten Sorte Mensch gehört, was für den Zuhörer in durchautorisierten Zeiten durchaus einen Mehrwert bringen kann. Vor ein paar Monaten etwa war Musche kein gutes Spiel geglückt im Viertelfinale des DHB-Pokals, die Magdeburger hatten trotzdemknapp gegen die Füchse Berlin gewonnen, und dann sagte der 26-Jährige am Fernsehmikrofon nach der Partie: "Ich habe heute nach allen Regeln der Kunst verkackt und bin froh, dass meine Mannschaft mir den Arsch gerettet hat." Kategorie: unübliche Selbstkritik. Und eine Art, die bei Geschäftsführer Marc-Henrik Schmedt so gut ankommt, dass er sagt: "Ich glaube, dass Musche nach Stefan Kretzschmar die zweite Marke im Handball werden kann."

"Diese Welle des Erfolges tut gerade sehr gut", sagt der Trainer Bennet Wiegert

Nun geht es natürlich nicht nur ums Reden, sondern auch um sehr viele Tore, die der Linksaußen in der noch kurzen Saison geworfen hat und um diesen Tabellenplatz der Magdeburger: Rang eins, nach sechs Spieltagen. Wer ein gutes Erinnerungsvermögen besitzt, dem fällt mit Blick auf die Tabellenspitze nur eine Jahreszahl ein: 2001. Als im SCM erstmals eine ostdeutsche Team die gesamtdeutsche Meisterschaft im Handball gewann. Und danach keine mehr. "Wir sollten diese Welle des Erfolges versuchen weiterzuschwimmen, die tut gerade sehr gut", sagte Trainer Bennet Wiegert nach dem Spiel gegen den THW Kiel; den großen Titelfavoriten haben die Magdeburger kürzlich 35:30 besiegt. Man weiß ja nie, wann die Welle wieder abebbt. Allerdings macht Magdeburg derzeit sehr viel richtig. Und das hat auch mit Matthias Musche zu tun.

Die Statistiken in der noch jungen Saison sprechen für die Magdeburger, Torhüter Jannick Green führt die Liste der parierten Bälle an, und mit 55 Toren in sechs Spielen kommt Musche auf einen Wert, der in der Liga unübertroffen ist. 32 Feldtore sind darunter, vornehmlich durch Tempogegenstöße zustande gekommen, die aus einer kompakten Abwehr resultieren. "Wir hatten im Sommer nur einen Personalwechsel, dadurch ist der Innenblock perfekt eingespielt", sagt Geschäftsführer Schmedt, der darin die Erklärung für den formidablen Start sieht. Und natürlich in Musche, der sich noch mehr in den Vordergrund gespielt hat als in den vergangenen Jahren und gerade erst seinen Vertrag verlängert hat - bis 2024. Mit acht Jahren kam der gebürtige Magdeburger 2000 in den Verein, Schmedt - der 1991 aus dem Rheinland nach Magdeburg zog - begann damals ein Ehrenamt beim SCM, er kennt den Spieler seit seinem Start in der Jugendmannschaft. "Die Verbundenheit ist natürlich da", sagt Schmedt, "das mit Musche ist eine tolle Geschichte." Und es braucht nicht mal eine Grübelpause, bevor er folgenden Satz anschließt: "Er ist der beste Linksaußen der Bundesliga." Nationalspieler Uwe Gensheimer verdient sein Geld bei Paris Saint-Germain, er ist gesetzt als Nummer eins in der Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB), was die Nationalmannschaftskarriere von Matthias Musche bisher erschwert hat. 2015 war er unter Dagur Sigurdsson bei der WM dabei, unter Christian Prokop ist er erst nach der vermaledeiten EM wieder in den Kader gerückt; er darf auf die WM hoffen im Januar in Dänemark und Deutschland.

An diesem Donnerstag spielen die Magdeburger gegen GWD Minden, in eigener Halle könnten sie mit dem siebten Sieg einen neuen Klub-Startrekord aufstellen, und auch wenn viele der Magdeburger Verantwortlichen beste Erinnerungen an das Jahr 2001 haben, meiden sie das Thema Meisterschaft beharrlich. Die vergangene Saison war auch schon eine tolle für den SCM, am Ende stand Rang vier. Aber es gab eben auch zwei Endrunden-Teilnahmen im DHB- und im EHF-Pokal, die beide ohne Titel endeten. "Die wären die Kerze auf der Torte gewesen", sagt Schmedt. Und: "Für mich bleiben der THW Kiel, die Rhein-Neckar Löwen und Flensburg die Top-Meisterschaftsfavoriten, wir müssen gucken, wie lange wir im Konzert mitmachen können." Flensburg ist bisher ebenfalls unbesiegt, hat allerdings eine Partie weniger absolviert, der THW Kiel hat bereits gegen Magdeburg und Flensburg verloren, die Rhein-Neckar Löwen gaben überraschend gegen den SC DHfK Leipzig einen Punkt ab. Das gehört auch zur Geschichte dieser Tabellenführung der Magdeburger dazu. Was sie wert ist, wird man vor allem dann sehen, wenn die Partie gegen Flensburg ansteht: Am 1. November trifft der SCM auf den deutschen Meister, der von Maik Machulla trainiert wird. Machulla war 2001 noch als Spieler mit Magdeburg Meister geworden. Bennet Wiegert, der heutige SCM-Trainer, hatte in der damaligen Saison seine ersten Bundesliga-Partien im Verein absolviert. Man kommt an diesem Meisterjahr einfach nicht vorbei.

Dass es mit dem SC Magdeburg in den vergangenen 17 Jahren auch ganz anders hätte kommen können, dass es unter dem ehemaligen Manager Bernd-Uwe Hildebrandt mal sehr schlecht um die Finanzen stand, merkt man dem Klub heute nicht mehr an. Auch wegen Schmedt, der stolz ist auf die 400 Geldgeber, die den Verein mittlerweile unterstützen. Dass mit dem 1. FC Magdeburg nun ein Fußball-Zweitligist das Sportinteresse in der Stadt verstärkt auf sich zieht, sieht Schmedt nicht negativ, "es ist definitiv Platz für beide Vereine da". Die Zuschauerzahl beim Handball ist mit 6200 im Durchschnitt momentan höher als im Vorjahr.