Handball:Die Farce von Bratislava

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Handball: In Erlangen ist Sebastian Firnhaber (links) Schlüsselspieler, für Deutschland kam er in Bratislava nicht zum Einsatz.

In Erlangen ist Sebastian Firnhaber (links) Schlüsselspieler, für Deutschland kam er in Bratislava nicht zum Einsatz.

(Foto: Marco Wolf/imago)

Die beiden Erlanger Schlüsselspieler Christoph Steinert und Sebastian Firnhaber kehren vorzeitig und mit Corona infiziert von der Handball-EM zurück. Nun hofft der Klub, dass sie für das Pokal-Viertelfinale rechtzeitig fit werden.

Von Ralf Tögel

Die Handballer des HC Erlangen haben ihr erstes Testspiel im Rahmen der Vorbereitung auf die zweite Saisonhälfte in der Bundesliga beim Liga-Konkurrenten Frisch Auf Göppingen 31:30 gewonnen. Eine gute Nachricht, im Dezember hatte es an selber Stelle noch eine deprimierende 25:34-Pleite gesetzt, die in der Rückschau nicht unerheblich zur Entlassung von Cheftrainer Michael Haaß beigetragen hatte. Zu Beginn der EM-Pause hat sich der Verein vom Coach getrennt, seither führt Sportdirektor Raul Alonso in Doppelfunktion die sportlichen Geschäfte. Es scheint also ein bisschen Ruhe eingekehrt zu sein beim Tabellendreizehnten, wären da nicht die unschönen Neuigkeiten aus der fernen Slowakei, in der neben Ungarn derzeit die Handball-Europameisterschaft stattfindet.

Vor dem Start in die Bundesligasaison steht für die Erlanger am 5. Februar (18 Uhr) das Pokalviertelfinale beim VfL Gummersbach an, dem einzigen Zweitligisten unter den verbliebenen acht Mannschaften, unter denen die Schwergewichte Kiel, Tabellenführer Magdeburg, Pokalsieger Lemgo oder die MT Melsungen sind. Gute Voraussetzungen für die Mittelfranken also, erstmals in ihrer Vereinsgeschichte das Pokal-Final-Four zu erreichen und damit mit realistischen Chancen um einen Titel zu spielen. Doch nicht nur die Leistungen von Julian Köster, der in Gummersbach spielt und gerade bei der EM in der deutschen Auswahl mit einer Topleistung nach der anderen überzeugt, dürften Neu-Trainer Alonso ein paar Sorgenfalten auf die Stirn treiben. Die Corona-Infektionen seiner Stammkräfte Sebastian Firnhaber und Christoph Steinert dürften ihm noch weniger gefallen.

Die EM-Bilanz von Sebastian Firnhaber: Ein Training, kein Spiel, Isolation und Corona-Infektion

Vor allem die Farce um den rechten Rückraumspieler Steinert hat Aufsehen erregt. Rückblick: Der Nationalmannschaftsdebütant hatte mit starken Leistungen gegen Weißrussland und Österreich überzeugt und war beim starken Auftritt der Deutschen gegen Polen, bei dem er auch noch seinen 32. Geburtstag feierte, im letzten Vorrundenspiel mit neun Treffern Matchwinner und bester Akteur. Doch die Freude währte nur kurz: Nach der Galavorstellung gegen Polen flatterte ein positiver Testbefund vom europäischen Verband EHF ins deutsche Haus, Steinert wurde sofort isoliert.

Da war es auch wenig tröstlich, dass ihm der deutsche Mannschaftskoch, den die Delegation eigens zur Vermeidung unnötiger Kontakte mitgenommen hatte, einen Geburtstagskuchen vors Einzelzimmer stellte. Freude kam erst wieder auf, als Steinert von der EHF die Nachricht erhielt, sein Testergebnis sei falsch gewesen, er dürfe nun doch wieder mitmischen. Dummerweise kam diese so knapp vor dem Spiel, dass der 32-Jährige eilig seine Sachen packen, die Tasche schultern und zu Fuß in die Halle rennen musste. Sein Einsatz in der zweiten Halbzeit konnte die Niederlage gegen Spanien im ersten Hauptrundenspiel aber nicht mehr verhindern. Zu allem Überfluss gab es nach dem Norwegen-Spiel erneut einen positiven Testbefund. Das Turnier ist für ihn gelaufen.

Noch übler erwischte es den Teamkollegen Firnhaber. Der Kreisläufer war von Bundestrainer Alfred Gislason nachnominiert worden und am vergangenen Dienstag nach Bratislava nachgereist, in den Spielen gegen Polen und Spanien kam der 27-Jährige aber nicht zum Einsatz und sollte gegen Norwegen ins Turnier einsteigen. Aber kurz vor Spielbeginn wurde er aus dem Kader gestrichen, weil ja ausgerechnet Vereinskollege Steinert gerade noch rechtzeitig in die Halle trabte. Somit liest sich Firnhabers EM-Bilanz so: Nach seiner Nachnominierung hat er einmal mit der Mannschaft, besser gesagt den Nichtinfizierten, trainiert, ansonsten saß er wie alle anderen Kollegen auf seinem Einzelzimmer. Team-Besprechungen wurden online durchgeführt, ein paar Kollegen hat er bis heute noch gar nicht getroffen. Und zu allem Überfluss bekam nun auch Firnhaber ein positives Testergebnis.

Firnhaber und Steinert werden in Erlangen sehnlich erwartet - auch von den Ärzten

Für den HC Erlangen, der wie erwähnt in zwei Wochen die wichtigste Partie der Vereinsgeschichte spielt, stellt sich die Situation noch niederschmetternder dar. Firnhaber ist ein Schlüsselspieler, er wurde also aus der Vorbereitung gerissen, sitzt seither mit zwei Kurzunterbrechungen anlässlich der jeweiligen Spiele in Bratislava in seinem Einzelzimmer im Teamhotel und kehrt mit einer Corona-Infektion heim. Ähnlich sieht es bei Steinert aus. Der allerdings hat dank seiner Leistungen immerhin viel Selbstvertrauen getankt. Unbehagen dürfte HCE-Trainer Alonso auch bereiten, dass in Petter Overby sein zweiter Kreisläufer und Abwehrchef mit Norwegen weiter in Bratislava spielt. Der hatte sich im Übrigen nach dem Spiel gegen Deutschland mit den Vereinskollegen ausgetauscht.

Immerhin hat der Deutsche Handballbund am Sonntagnachmittag mitgeteilt, dass die in Quarantäne befindlichen Spieler mit einem medizinischen Transport mit Fachpersonal umgehend nach Hause geflogen würden. Firnhaber und Steinert werden in Erlangen schon erwartet, wo sie zunächst von Spezialisten eingehend untersucht werden.

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