Süddeutsche Zeitung

Handball:"Die deutsche Mannschaft kann alles erreichen"

Bundestrainer Christian Prokop über seinen Anderthalb-Jahres-Plan bis zu den Olympischen Spielen in Tokio.

Interview von Joachim Mölter

Für die deutschen Handballer wird es wieder ernst: In der nächsten Woche können sie in zwei Spielen gegen Polen (am Mittwoch in Gliwice, dem früheren Gleiwitz, und am Samstag in Halle/Westfalen) die Teilnahme an der EM 2020 in Norwegen, Schweden und Österreich vorzeitig sichern. Ein Gespräch mit Bundestrainer Christian Prokop, 40, wie es mit der Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) weitergehen soll, zweieinhalb Monate nach dem vielversprechenden vierten Platz bei der Heim-WM.

SZ: Herr Prokop, wie geht es dem Spielmacher Martin Strobel nach seinem Kreuzbandriss bei der WM im Januar?

Christian Prokop: Er ist im Moment sehr zufrieden mit dem Heilungsverlauf, befindet sich aktuell in einer stationären Reha. Wir haben uns für ein Treffen nach den EM-Qualifikationsspielen verabredet.

Das heißt, Sie planen mittelfristig noch mit ihm, obwohl er im Sommer 33 wird?

Mein Wunsch ist es, dass Martin gesund zurückkommt und wieder zum alten Leistungsvermögen findet. Wir haben seine Bedeutung während der WM gesehen. Ich würde mich sehr freuen, wenn er für die Nationalmannschaft weiterspielen könnte. Aber diese Entscheidung muss reifen, da müssen wir ihm Zeit geben.

Wer kann sonst die Position in der Rückraum-Mitte übernehmen? Im Vergleich mit den WM-Medaillengewinnern Dänemark, Norwegen, Frankreich ist das die Schwachstelle Ihrer Mannschaft.

Es ist tatsächlich so, dass wir auf der Rückraum-Mitte nach wie vor die Spielerpersönlichkeit entwickeln wollen, die einen guten Mix hat aus Spielsteuerung, Torgefahr und dem Einsetzen unserer Hauptstärke - nämlich der Kreisläufer. Wir haben in Tim Suton einen vielversprechenden jungen Mann, der bei dieser WM die erste internationale Erfahrung auf Top-Level sammeln konnte. Wir haben in Fabian Wiede einen richtig kreativen und spielstarken Linkshänder, der aber auch die rechte Rückraum-Position besetzen soll. Und wir haben mit Paul Drux, der im Verein auch zwischen Rückraum-Mitte und Rückraum links wechselt, einen weiteren Mann, der dort in Zukunft stehen wird. Nichtsdestotrotz ist das Thema Rückraum-Mitte groß auf der Agenda, gerade, was die Ausbildung des Nachwuchses angeht. Diese Art Spielmaus mit Pass- und Laufschnelligkeit und Kreativität ist in den letzten Jahren nicht mehr so hervorgebracht worden.

Woran liegt das? Bekommen die Talente keine Chance in ihren Vereinen?

Da gibt's mehrere Gründe, es ist schwierig, eine Pauschal-Antwort zu geben. Es ist zum Beispiel in Mode gekommen, dass ein Rückraum-Mitte-Spieler über sehr viel Physis, sehr viel Durchschlagskraft aus neun Metern verfügt. Wenn man an den Franzosen Nikola Karabatic denkt oder den Norweger Sander Sagosen, ging der Trend zuletzt dahin, die wurfstarken Rückraum-Linken zu Rückraum-Mitte-Spielern umzufunktionieren. Was aber nicht auf der Strecke bleiben darf, ist das mannschaftliche Denken, in Stresssituationen die richtige Taktik zu wählen und über eine hohe Passgeschwindigkeit das Spiel anzukurbeln.

Abgesehen von der zentralen Position ist Ihre Auswahl sehr groß. Theoretisch stehen 30, 40 Spieler zur Verfügung. Der Kader für die EM-Qualifikation entspricht aber - bis auf den jungen Marian Michalczik, der für den kranken Finn Lemke einspringt - exakt dem WM-Team.

... ohne Martin natürlich. Ich baue auf eine eingespielte Mannschaft, die durch die Art und Weise, wie sie bei der WM aufgetreten ist, viele Fans gewonnen hat.

An diesem Wochenende sind noch zehn Nationalspieler beim deutschen Pokal-Final-Four in Hamburg im Einsatz, an zwei Tagen nacheinander. Angesichts der in dieser Woche aufgeflammten Debatte um Überlastung der Spieler: Machen Sie sich Sorgen um Ihre Kandidaten?

Ich hoffe, dass am Montag alle fit in Berlin anreisen. Das wird auch deshalb eine Herausforderung, weil ja eine Mannschaft gewinnen wird und entsprechend das Recht hat zu feiern. Aber wir wollen bereits am Mittwoch in Polen erfolgreich sein. Darauf müssen wir uns mental gut vorbereiten.

Haben Sie einen Tipp für den Pokal?

Ich glaube, dass der SC Magdeburg und der THW Kiel in der Favoritenstellung sind aufgrund der bisher gezeigten Leistungen in dieser Saison. Beide befinden sich außerdem in ansprechender Form und haben große Erfahrung im Final Four.

Die Polen befinden sich im Neuaufbau - da dürften sie Ihrer eingespielten Mannschaft im Grunde keine großen Probleme bereiten, oder?

Unser Anspruch muss sein, dass wir diese Spiele gewinnen. Jedoch wissen wir um die Heimstärke der polnischen Mannschaft, gerade dieses Spiel wird von uns eine Top-Leistung verlangen, um unser nächstes Ziel zu erreichen, die Europameisterschaft 2020. Die Polen haben auch auf der Trainer-Position einen Umbruch, das macht's nicht einfach, weil man nur beschränkte Informationen über die neue Taktik bekommt. Umso mehr wollen wir auf uns schauen, auf das, was uns während der WM stark gemacht hat.

Sie haben Ihre Ideen nach der mit Platz neun eher missglückten EM 2018 angepasst, das Spielsystem vereinfacht. Bei der WM sah es so aus, als laufe alles wieder stabil - werden Sie demnächst wieder neue Varianten einbauen?

Ich muss schauen, welchen Zeitraum ich zur Verfügung habe. Es bleibt die grundsätzliche Frage, ob ich mit zu vielen neuen Dingen nicht eher überfordere und damit die Leistung verschlechtere. Dagegen steht natürlich die Überlegung, nicht auf der Stelle zu treten, sondern weiterzukommen. Es gab eine sehr intensive WM-Auswertung, bei der viel Positives herausgekommen ist, aber natürlich auch Dinge, die wir verbessern müssen. Taktisch sind das vor allem Tempoaktionen in Stressmomenten. Da haben wir etwas verhalten gespielt, wenn es knapp war. Die Rückraum-Mitte ist ein weiterer Punkt, den wir stärken müssen. Und dann geht es um eine individuelle Betreuung, um einen regelmäßigen Austausch mit den Spielern, um jeden in seiner Entwicklung zu unterstützen, um noch ein paar Prozentpunkte rauszuholen für die nächsten anderthalb Jahre, für unsere Großziele EM und Olympia in Tokio.

Für Tokio hat der DHB das Ziel Olympiasieg ausgegeben - wie realistisch ist das?

Ich finde, dass Ziele aus der Mannschaft heraus kommen müssen, sie muss sich damit zu hundert Prozent identifizieren. Dementsprechend wird eine konkrete Zielvereinbarung erst vor dem Turnier öffentlich gemacht. Den Verband verstehe ich, dass er die höchsten Ziele setzt; wir stellen uns ihnen auch, aber sie müssen realistisch bleiben. Und es ist sicher ein großer Erfolg, bei den nächsten Turnieren das Erreichen des Halbfinales zu wiederholen.

Wie fest gehört Deutschland schon wieder zu den vier besten Mannschaften der Welt? Wenn man sich das WM-Halbfinale anschaut, da hat Spanien gefehlt, der Europameister, Schweden, der EM-Zweite...

Wir zählen aktuell zu den vier besten Mannschaften der Welt. Es hätte mit Kleinigkeiten zum ganz großen Wurf gereicht, das muss man nach der WM-Analyse sagen: Wir haben wirklich ein Top-Turnier gespielt, mit einigen kleinen Schwächephasen zu viel in den letzten beiden Spielen, die uns dann die Medaille kosten. Aber der Kandidatenkreis für ein Halbfinale umfasst mindestens sieben, acht Mannschaften. Man darf nicht glauben, dass wir jetzt Kroatien oder Spanien überholt haben und nur drei, vier, fünf Prozent aufholen müssen zu den Finalisten Dänemark und Norwegen. Das ist falsch! Es wird immer einen Kampf zwischen sieben, acht Nationen geben. Das Schöne ist, dass die deutsche Nationalmannschaft alles erreichen kann.

Was soll die Mannschaft denn in Zukunft charakterisieren?

Das Entscheidende ist, dass die Art und Weise stimmen muss, wie wir auftreten. Wir werden Spiele nicht durch Individualisten gewinnen, wir werden durch Teamgeist gewinnen, hohe Kampfbereitschaft, ein sympathisches Auftreten, mit dem wir unsere Fans hinter uns bringen. Und das muss immer wieder neu bewiesen werden.

Und spielerisch?

Flexibilität, Dynamik, Schnelligkeit. Wir haben eine der flexibelsten Abwehrreihen aller 24 WM-Mannschaften gestellt, ein 6-0-System, das hervorragend funktioniert hat, offensiv und kompakt, mit Block oder mit Attacke. Wir haben ein 3-2-1-System gespielt, das den Gegner immer wieder vor neue Aufgaben gestellt hat, technische Fehler erzwungen hat, durch die wir ins Tempospiel gekommen sind. Und wir haben im Angriff eine sehr variable Spielanlage. Wir hatten bis auf Uwe Gensheimer keinen in den Top 50 der Torjägerliste. Das liegt daran, dass wir über mehrere Positionen kommen, dass wir über unsere Wechselstrategie das Niveau hochhalten. Als Mannschaft sind es Tempospiel und Entscheidungsfähigkeit in Sondersituationen wie Über- oder Unterzahl, die es zu verbessern gilt. Das waren die Punkte, die bei der WM im Spiel um Platz drei zu schwach waren, beim 25:26 gegen Frankreich.

Sie haben die Wechselstrategie angesprochen - legen Sie tatsächlich einen Plan zurecht, wer wann für wen ins Spiel kommen soll? Machen Sie das nicht intuitiv?

Ich mache beides. Es gibt vorher einen Matchplan, wie wir die Spielzeit optimal verteilen könnten. Aber der geht so gut wie nie auf, weil es einfach unterschiedliche Tagesformen gibt, weil es Zwei-Minuten-Strafen gibt, veränderte Spielsituationen. Von daher ist auch viel Intuition gefordert.

Ihr Fokus reicht bis zum Sommer 2020, bis zu Olympia. Die Spiele sind häufig ein Einschnitt, gerade ältere Sportler nehmen sie als Anlass zurückzutreten. In Ihrem Kader gibt es einige Ü30-Akteure, Torhüter Heinevetter, den Rückraumspieler Weinhold, Linksaußen Gensheimer - deutet sich da schon ein Umbruch an?

Ich habe keine Anzeichen dafür, im Gegenteil: Ich erlebe alle sehr motiviert, noch mal mit Energie aufgeladen aus der WM heraus. Aber natürlich ist das jetzt erst mal ein Anderthalb-Jahres-Plan, im Sport sollte man nicht zu weit nach vorn schauen.

Fürchten Sie, in eine Situation zu geraten wie unlängst der Fußball-Bundestrainer Joachim Löw: verdienten, namhaften Spielern erklären zu müssen, dass Sie künftig auf sie verzichten wollen im Zuge eines Umbruchs?

Nein, ich freue mich auf meine aktuelle Mannschaft, weil das eine tolle Zeit war, die wir bis jetzt verbracht haben. Nicht nur bei der WM, sondern auch in den Monaten davor, bei der Aufarbeitung der EM 2018.

Nach jener EM haben Sie viel mit den Spielern gesprochen, behalten Sie das bei?

Ja, eines der Ergebnisse der EM war, dass die Spieler zu wenig miteinbezogen wurden. Weil grundsätzlich wenig Zeit zur Verfügung steht, hatte ich den Ansatz, sehr viel vorzugeben. Aber man kann sich vorstellen, dass Eigenmotivation die stärkste Motivation ist, und wenn man alles vorgegeben kriegt, erreicht man halt irgendwann nicht mehr das Maximum. Insofern ist mir wichtig, die Spieler abzuholen, mit ihnen die Leistungsentwicklung zu beurteilen, taktische Dinge zu besprechen, auch private. Einfach in Kontakt zu bleiben.

Wie oft machen Sie das?

Die Feedback-Gespräche gibt es etwa in einem Acht-Wochen-Rhythmus.

Und da fahren Sie zu den Spielern hin?

Richtig. Ich besuche sie meistens während der Trainingswoche, weil man sie da einfacher zum Vier-Augen-Gespräch treffen kann. Wir kommunizieren aber auch über E-Mail oder verschicken Videos über We-Transfer, schreiben auch mal 'ne WhatsApp oder telefonieren.

Geben Sie da nicht nur Feedback an die Spieler, sondern holen sich auch welches?

Nicht bei jedem Treffen, aber das ist ein wichtiger Punkt, dass die Spieler ihre Meinung loswerden sollen. Dafür ist vor allem die Lehrgangswoche geeignet.

Wer gibt denn da das meiste Feedback, wer kommt mit den meisten Ideen an?

Da ist vor allem der Mannschaftsrat in der Verantwortung. Sie sind sehr angesehen innerhalb des Teams, bringen viel Erfahrung mit und geben ein realistisches Feedback.

Wie viele Leute sind denn da drin?

Vier.

Und wer ist das?

Patrick Wiencek, Silvio Heinevetter, Steffen Weinhold und Uwe Gensheimer.

Uwe Gensheimer, der Kapitän, war bei der WM das Gesicht der deutschen Mannschaft, des deutschen Handballs. Gibt's noch andere Kandidaten, die künftig für diese Rolle in Frage kommen?

Unser Hauptcredo bleibt der Teamgeist. Warum haben wir trotz der verpassten Medaille so begeistert und sind Wochen nach dem Turnier immer noch in vieler Munde? Das ist das Ergebnis eines hervorragenden mannschaftlichen Auftretens. Für die WM steht die ganze Mannschaft als Gesicht, da hat jeder einen Riesen-Anteil.

Aber wenn man doch mal auf einzelne Spieler schauen mag...

... zum Beispiel Patrick Wiencek, der als "emotional leader" immer wieder die Arenen abgeholt hat, der es geschafft hat, immer wieder Feuer unters Hallendach zu bringen. Wir haben mit Andreas Wolff, Silvio Heinevetter oder Hendrik Pekeler weitere Typen. Aber das Entscheidende wird die Mannschaft bleiben. Wir werden die Spiele normalerweise nicht gewinnen, wenn wir uns auf Individualität verlassen.

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Quelle:
SZ vom 06.04.2019
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