bedeckt München
vgwortpixel

Handball:Manöver mit fataler Außenwirkung

Österreich - Deutschland

Hat "entsetzt" auf seinen Rauswurf reagiert: Christian Prokop.

(Foto: dpa)
  • Der Deutsche Handballbund (DHB) trennt sich von Bundestrainer Prokop und räumt ein, dass der Verband öffentlich mehr als unglücklich dastehe.
  • Noch während der EM hatte Sportvorstand Kromer Prokop eine Jobgarantie gegeben, die der Verband nun zurücknahm.
  • Der neue Bundestrainer Alfred Gislason muss über seine neue Rolle schmunzeln.

Erst am Montag ist Alfred Gislason am Flughafen in Berlin gelandet. Er war im Ausland, zu Gesprächen mit einem Handballverband, der ihn als Nationaltrainer verpflichten wollte. Um welches Land es sich handelte, will Gislason jetzt nicht mehr verraten, die Gespräche seien weit fortgeschritten gewesen. Sein Plan sah vor, die Angelegenheit zunächst zu Hause in Magdeburg mit seiner Frau zu besprechen. Hätte sie zugestimmt, hätte Gislason am Dienstag seine Zusage gegeben.

Am Montagabend rief ihn aber Uwe Schwenker an, der Präsident der Handball-Bundesliga (HBL) und Präsidiumsmitglied im Deutschen Handballbund (DHB). Beide kennen sich aus gemeinsamer Zeit in Kiel. "Wir müssen reden", sagte Schwenker zu Gislason: Es gebe einen weiteren Trainerposten zu besetzen.

Handball "Niemand hat damit gerechnet"
Kritik an Prokop-Entlassung

"Niemand hat damit gerechnet"

Nach der Entlassung von Bundestrainer Prokop steht der Deutsche Handballbund in der Kritik. Die Nationalspieler sind überrumpelt, sogar Trainer-Ikone Heiner Brand mischt sich ein.

Der deutsche Handball hat nach dem fünften Platz bei der EM in Österreich, Schweden und Norwegen sehr turbulente Tage hinter sich, und am Ende dieser Tage schritt Gislason, 60, anstelle des vorherigen Bundestrainers Christian Prokop, 41, auf das Podium im Konferenzsaal eines Flughafenhotels in Hannover. Im Gang wie gewohnt unrund, die Hüfte und die Knie sind beim Isländer nach langer Karriere ziemlich hinüber, aber sichtlich voller Vorfreude.

"Mehr als unglücklich" stehe der Verband da, gesteht Schwenker

Von seiner Auszeit nach dem Abschied vom THW Kiel im Sommer 2019, den er bis dahin elf Jahre trainiert hatte, habe er schon nach drei, vier Monaten "die Schnauze voll gehabt", sagte Gislason. Die deutsche Mannschaft zu übernehmen, sei ein "Traumjob", fügte er hinzu. Dennoch war es ein überraschendes Angebot: Gislason hatte selbst nicht damit gerechnet, dass sich der DHB von Prokop trennt.

Tatsächlich hat der DHB in den vergangenen Wochen einen - freundlich formuliert - bemerkenswerten Schlingerkurs hingelegt. Von einem menschlich fragwürdigen Manöver zu Lasten von Prokop mit fataler Außenwirkung sprechen Kritiker. "Mehr als unglücklich" stehe der Verband öffentlich da, bestätigte auch Schwenker in Hannover. Es hatte schließlich ein paar logischere Augenblicke gegeben, in denen man sich von Prokop hätte trennen können: nach der missratenen Europameisterschaft 2018 etwa, Prokops erstem großen Turnier, als sich das halbe Team offen gegen ihn positioniert hatte, der DHB aber an ihm festhielt.

Insbesondere Bob Hanning, der mächtige DHB-Vizepräsident, hatte damals für ihn gekämpft. Prokop war sein Projekt gewesen, er hatte den jungen Trainer aus Leipzig ins Amt gehievt, als eine Art Julian Nagelsmann des Handballs, und anschließend massiv unterstützt. Platz vier bei der Heim-WM 2019 ging dann in Ordnung, Platz fünf bei der EM 2020 ebenfalls, angesichts der Verletzungssorgen, unter denen Prokop ein Team bauen musste.

Leisere und lautere Kritik an Prokop gab es freilich fortlaufend; etwa weil er es auch im dritten Turnier nicht schaffte, dem DHB-Team ein pfiffiges Offensivkonzept zu implementieren. Oder weil er in einer Auszeit plötzlich den Namen des Spielers Timo Kastening vergaß. Doch es gab Zeichen der Besserung: Noch in Wien sei der Wunsch aus der Mannschaft gekommen, der Verband möge ein deutliches Zeichen pro Prokop senden, um die Spekulationen zu beenden. Das tat dann Axel Kromer, der Sportvorstand. "Wir werden natürlich mit Christian in Richtung Olympia gehen", sagte dieser noch am 21. Januar. Intern habe es "nie eine Diskussion" gegeben, einen anderen Bundestrainer zu installieren.

Zur SZ-Startseite