HandballDie alten Männer und der Pokal

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Perfekter Ausstand: Am Saisonende wird Kiels Patrick Wiencek seine aktive Karriere beenden, am Sonntagabend durfte er im Kreise seiner Kieler Teamkollegen den DHB-Pokal in die Höhe stemmen.
Perfekter Ausstand: Am Saisonende wird Kiels Patrick Wiencek seine aktive Karriere beenden, am Sonntagabend durfte er im Kreise seiner Kieler Teamkollegen den DHB-Pokal in die Höhe stemmen. (Foto: Marius Becker/dpa)

Der THW Kiel gewinnt zum 13. Mal den DHB-Pokal und schlägt in einem intensiven, hochklassigen Finale die MT Melsungen. Entscheidenden Anteil haben die Routiniers im Team – und Torhüter Andreas Wolff.

Von Ralf Tögel

Dieses Mal flossen bei Timo Kastening keine Tränen. Wie 2021, als Melsungen überraschend dem TBV Lemgo unterlegen und der Nationalspieler untröstlich war. Auch im Vorjahr verlor Melsungen das Pokalendspiel, allerdings war Magdeburg zu überlegen, die Niederlage leichter zu akzeptieren. Nun stand Kastening mit leerem Blick inmitten der 19 750 begeisterten Zuschauer in der ausverkauften Kölner Lanxess Arena und beobachtete, wie die Kieler Spieler den DHB-Pokal einander weiterreichten. Am ARD-Mikrofon gab er aber zu: „Es tut trotzdem verdammt weh.“

Der THW hatte sich nach dem kräfteraubenden 32:31-Halbfinalsieg nach Verlängerung gegen die Rhein-Neckar Löwen zu einer weiteren Energieleistung aufgeschwungen und die Hessen in einem hochklassigen Finale mit 28:23 bezwungen. Die Melsunger müssen weiter auf den ersten Titel ihrer Vereinsgeschichte warten, sind im Gegensatz zu den Kielern aber noch aussichtsreich im Meisterschaftsrennen vertreten.

In einem intensiven Spiel, in dem zwei Topteams die letzten Kräfte mobilisierten, prägten die Abwehrreihen und zwei hervorragend aufgelegte Torhüter das Geschehen. Kiels Nationalkeeper Andreas Wolff und der montenegrinische Auswahlspieler Nebojsa Simic auf der Gegenseite übertrafen sich gegenseitig mit ihren glänzenden Paraden. Mit dem besseren Ende für Wolff, weshalb Simic am Sonntag die Melsunger Tränen vergoss.

Beim THW ackerten Patrick Wiencek, der seine Karriere nach der Saison beenden wird, und Hendrik Pekeler wie zu besten Nationalmannschaftszeiten im Mittelblock. Dem stand allerdings bei Melsungen die Defensive um den ungarischen Abwehrchef Adrian Sipos und den lettischen 2,16-Meter-Riesen Dainis Kristopans in nichts nach, entsprechend dünn war der 10:9-Pausenvorsprung der Kieler.

Auch dank einer enormen Willensleistung brachten die Kieler den Vorsprung ins Ziel

Auch nach dem Wechsel blieb das Tempo hoch, es war lange ein Schlagabtausch auf Augenhöhe, bis sich die Kieler zehn Minuten vor dem Ende mit drei Treffern in Folge etwas absetzen konnten. Diesen Vorsprung ließen sie sich nicht mehr nehmen und brachten den Triumph dank einer enormen Willensleistung verdient ins Ziel. Für den erfolgsverwöhnten THW, der sich als Platzhirsch im deutschen Handball über Titel definiert, rettet der Pokalsieg nach einer Spielzeit ohne Siegerpokal nun angesichts der Aussichtslosigkeit im Titelrennen die Saison.

Die 50. Pokalentscheidung konnte stellvertretend für die gesamte Saison stehen und wurde von Kastening treffend als „Abnutzungskampf“ bezeichnet. Wegen der Olympischen Spiele im Vorjahr ist die Sommerpause für die Topspieler ausgefallen, im Januar war eine WM zu spielen, die Nationalspieler sind praktisch seit zwei Jahren im Dauereinsatz.  Entsprechend gelichtet sind die Reihen, Melsungen musste auf den wichtigen Torschützen Aaron Mensing verzichten, Kiel fehlten in Nikola Bilyk und Harald Reinkind zwei Schlüsselspieler. Dennoch rafften sich vor allem die in die Jahre gekommenen Kräfte der Nordlichter um Wiencek und Spielmacher Domagoj Duvnjak, beide 36, zu Höchstleistungen auf, selbst der überragende Wolff, mit 33 in der Hochphase seines Schaffens, bezeichnete sich strahlend als „alten Mann“.

Schon am Samstag bedurfte es einer Kieler Topleistung, um das Halbfinale gegen die Rhein-Neckar Löwen nach Verlängerung zu gewinnen, nachdem die Mannheimer die erste Halbzeit dominiert hatten. Knackpunkt der Partie war die Knieverletzung von Ivan Martinovic kurz vor der Pause, der Kapitän der kroatischen Nationalmannschaft war gerade erst von einer schweren Knieverletzung genesen und humpelte unter Tränen in die Kabine. Das konnten die Löwen nicht mehr kompensieren, tragischer Held war ihr Spielmacher Juri Knorr, der mit einem Siebenmeter in der Schlussphase an Nationalteamkollege Wolff scheiterte.

Wie bitter diese Niederlage für die Löwen war, zeigte sich tags darauf: Die mäßig motivierten Mannheimer, denen neben Martinovic auch Kreisläufer Yannik Kohlbacher angeschlagen fehlte, unterlagen dem leidenschaftlichen Zweitligisten Balingen-Weilstetten wiederum 31:32. Die Löwen stehen angesichts einer mäßigen Saison, in der es um nichts mehr geht, vor einem Umbruch. Unter anderen werden Knorr, der zum dänischen Topklub Aalborg wechselt, und Trainer Sebastian Hinze (zum ThSV Eisenach) den Klub verlassen. Der Neuaufbau liegt nun in den Händen von Trainer Maik Machulla, der wiederum in Aalborg entlassen worden war.

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