Süddeutsche Zeitung

Deutsche Handballer bei Olympia:Im Angesicht des Angstgegners

Zum Auftakt Spanien, dann Frankreich und Norwegen: Die deutschen Handballer müssen gleich überzeugen. Doch gilt für sie überhaupt noch das Fernziel von Bob Hanning - der Olympiasieg?

Von Saskia Aleythe, Tokio

Der Blick vom Balkon reicht weit übers Wasser hinaus. Am Horizont leuchtet die Tokio Waterfront, davor die Hafenbucht und Ausflugsschiffe; wer sich hier nach anstrengenden Spielen die Beine vertritt, hat es ganz gut getroffen. Am Donnerstag konnten die deutschen Handballer ihr Quartier im olympischen Dorf beziehen, sie haben es gleich für gemütlich befunden. Es sei "größer als in Rio", ließ Sportvorstand Axel Kromer ausrichten. Wohlfühlen ist eine essenzielle Sache, wenn man sich gerade neu einrichtet, und Weitblick hilft sowieso immer: beim Reisen, im Sport, im Leben.

Eine Woche haben sie schon im Trainingslager in Japan verbracht, im rund 700 Kilometer entfernten Tokushima; zum Empfang winkten Schulkinder mit Fähnchen, beim Abflug tanzte das Bodenpersonal. Japan macht es dem Team von Alfred Gislason leicht, sich willkommen zu fühlen. "Wir haben gemerkt: Wir sind hier gern gesehen", sagte Spielgestalter Philipp Weber. So lebt es sich gleich besser ein, am liebsten würden sie natürlich bis zum Ende der Spiele bleiben. Dann, wenn die Medaillen verteilt werden.

Wobei, man darf das mit den Träumen und Zielen nicht durcheinanderbringen. Nichts weniger als den Olympiasieg hatte Bob Hanning 2013 als Fernziel bestimmt, es war auch eine Kampfansage zu Beginn seiner Amtszeit als Vize-Präsident des Deutschen Handball-Bundes (DHB). Zu einer Zeit, als viele der jetzigen Olympioniken noch gar nicht im Kader waren und der Bundestrainer noch Martin Heuberger hieß. Hanning rief den Aufschwung jedenfalls schon mal aus - doch muss man sich nun, acht Jahre später, daran messen lassen?

Hört man Bundestrainer Alfred Gislason zu, merkt man schon, dass die Deutungshoheit nicht mehr beim scheidenden Hanning verortet ist, im Herbst legt der 53-Jährige seine Ämter nieder. "Unser Ziel geben wir uns selbst. Da kann keiner sagen, wir müssen eine Medaille holen", sagte Gislason eher beiläufig bei einer Medienrunde in Japan, und das zeigt eine wichtige Qualität des renommierten Trainers: Er muss nicht laut werden, um gehört zu werden.

In der Theorie, so hat es Hendrik Pekeler ausgedrückt, ist das olympische Turnier das leichteste, was man gewinnen kann: Nach der Gruppenphase geht es direkt mit dem Viertelfinale weiter. Doch in der Praxis warten in der deutschen Gruppe nun halt diese Gegner: Europameister Spanien, Rekord-Weltmeister Frankreich, Norwegen, Argentinien und Brasilien. "Wir wissen, dass wir in der Gruppe ein paar große Mannschaften schlagen müssen", sagt Gislason, die ersten vier schaffen es in die K.-o.-Runde. "Ich würde davor warnen, zu sagen, dass es nur vier Mannschaften in der Gruppe gibt", sagt er auch; Brasilien sei kein schlechtes Team und Argentinien eine Überraschungsmannschaft bei der vergangenen Weltmeisterschaft gewesen. Überhaupt, die WM: Platz zwölf belegten die Deutschen im Januar in Ägypten, ein historisch schlechtes Abschneiden.

Die Qualität im Innenblock sei groß - aber "nicht unbedingt in der Breite"

Das Turnier-Aus vor sieben Monaten kam auch durch die Niederlage gegen Spanien zustande, und ausgerechnet gegen diese steht nun der Auftakt ins olympische Turnier am Samstag an. Eigentlich müssten sie im deutschen Team schon nervöse Zuckungen bekommen bei diesem Wort: Spanien. Es gab ja kaum ein anderes Thema in den vergangenen Tagen als jene Partie, in der sie nach 43 Minuten noch mit drei Toren führten und schließlich mit 28:32 verloren.

"Die Niederlage in Ägypten hat mich schon sehr geärgert, weil wir den Sieg selber weggegeben haben", sagt Gislason. Dass er anders als bei der WM nun wieder auf die Leistungsträger Hendrik Pekeler, Finn Lemke und Steffen Weinhold zurückgreifen kann, verbessert immerhin die Aussichten auf einen Erfolg in Tokio. Das Halbfinale peilt Gislason "erst mal" an, vor allem die Torhüter- und Abwehrleistungen sollen den Weg dahin ebnen. Dass Defensivspezialist Patrick Wiencek verletzt fehlt, schmerzt die Truppe allerdings. Die Qualität im Innenblock sei groß, aber "nicht unbedingt in der Breite", sagt Gislason, "das ist ein großes Problem, falls es zu Verletzungen kommt".

Mit 39 Jahren ist Torhüter Johannes Bitter der älteste deutsche Handballer, der bei Olympia je auflaufen durfte, Rückraumtalent Juri Knorr mit 21 Jahren der Jüngste. Einiges wird von Spielmacher Weber abhängen, der auch gegen offensive Abwehrreihen die richtigen Spielzüge finden muss - nicht unbedingt eine Stärke der Deutschen. "Er hat alle Qualitäten, die ein Weltklassespieler haben muss", sagt Gislason über Weber, "für uns ist es extrem wichtig, dass er weiter seinen Weg macht." Und man merkt dem 28-Jährigen an, dass er Lust hat, Verantwortung zu übernehmen. "Wir werden uns mit der Situation beschäftigen müssen, wie es ist, wenn mal zwei, drei Angriffe nicht so funktionieren", sagt er; diese Momente so schadlos wie möglich zu überbrücken, sei "meine Aufgabe im Team".

Ein Sieg gegen Spanien zu Beginn wäre eine willkommene Therapie, an Vorbereitung mangelt es dem deutschen Team zumindest so wenig wie an Körperspannung. "Die Freude, dass es losgeht, ist riesig", sagte Rückraumspieler Kai Häfner nach dem Einzug ins olympische Dorf am Donnerstag, und auch Trainer Gislason kann mit seinen 61 Jahren dem Erlebnis trotz Corona-Umständen einiges abgewinnen. 1984 in Los Angeles und 1988 in Seoul war er als Spieler dabei, nun gibt er seine Olympia-Premiere als Trainer. Und wenn die Gruppenphase überstanden wird, trifft er vielleicht auch seinen Landsmann, der weiß, wie das mit den Medaillen geht: Japan-Coach Dagur Sigurdsson. Der führte die Deutschen 2016 schließlich durch das ganze Turnier - zu Bronze.

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