Es ist gerade mal elf Wochen her, dass die deutschen Handballerinnen auf Wolke sieben geschwebt sind. Am 14. Dezember haben sie das Finale der Weltmeisterschaft gespielt. Sie haben es in Rotterdam zwar mit 20:23 gegen Norwegen verloren, diese Silbermedaille aber als größten Erfolg des deutschen Frauenhandballs seit dem WM-Triumph 1993 gefeiert. Die Aufmerksamkeit war gewaltig. Den Viertelfinalsieg gegen Brasilien sahen 2,5 Millionen Menschen im Fernsehen, den Halbfinalerfolg gegen Frankreich 3,1 Millionen und das Endspiel 5,8 Millionen. Letzteres entsprach einem Marktanteil von 31,3 Prozent.
Derart viele Menschen hatten in Deutschland lange kein Frauenhandballspiel mehr angeschaut. Trotzdem macht der Bundestrainer Markus Gaugisch jetzt nicht gerade auf Euphorie. Er spricht von keinem Boom. Er schwebt nicht auf Wolke sieben. In einem Interview im Mannheimer Morgen sagt er kürzlich gar: „Ich habe meine Zweifel, dass das nachhaltig ist.“

Handball-Bundestrainer Gaugisch:„Frauensport läuft immer noch unter dem Radar“
Am Mittwoch beginnt die Handball-WM in Deutschland. Bundestrainer Markus Gaugisch spricht über den Stellenwert des Frauenhandballs, Probleme auf dem Fernsehmarkt und den Plan, bei der WM endlich eine Topnation zu besiegen.
Kurz nach dem WM-Finale hatte Gaugisch zunächst noch offen gelassen, ob er seinen viereinhalb Monate später auslaufenden Vertrag verlängert. Daraufhin verbreiteten sich Gerüchte, der 51-Jährige beabsichtige einen Wechsel als Trainer in die Männer-Bundesliga. Doch schon am 11. Januar gab der Deutsche Handballbund die Vertragsverlängerung bis 2028 bekannt. „Wir sind noch lange nicht am Ende unserer Entwicklung“, sagte Gaugisch nun am Dienstag auf einer Pressekonferenz. Er will weiteres Potenzial im Team heben. „Wir wollen die Lücke zu den Topteams weiter verkleinern.“
Dabei hätte Gaugisch selbstverständlich nichts dagegen, wenn sich das Interesse am Frauenhandball in Deutschland weiter sukzessive erhöht. „Es wäre toll, wenn es so weitergeht und der Frauensport insgesamt in der Öffentlichkeit stärker wahrgenommen wird“, sagt der Schwabe. Auf das künftige Interesse speziell am Frauenhandball in Deutschland ist Gaugisch gespannt. „Es gibt ja im Sport Erfolge, die sich manchmal hinterher nur als Strohfeuer entpuppen“, sagt er. Gaugisch hofft, dass man dies über das WM-Silber 2025 der deutschen Handballerinnen eines Tages nicht behaupten muss.
„Wir sind da oben noch nicht endgültig angekommen, unser Weg muss weitergehen“, sagt Gaugisch
Erstmals seit ihrem WM-Erfolg vor elf Wochen sind die Handballerinnen am Montag wieder zusammengekommen. In Großwallstadt bereiten sie sich auf zwei Länderspiele gegen Slowenien vor, mit dem Ziel der Qualifikation für die Europameisterschaft im kommenden Dezember. An diesem Mittwoch spielen sie in Celje (18 Uhr, live bei sportstudio.de und Dyn) und am kommenden Sonntag in Heidelberg (15.30 Uhr, live auf Pro7maxx und Dyn). Angesichts zweier Siege in den ersten beiden Qualifikationsspielen im Oktober gegen Nordmazedonien (34:18) und in Belgien (40:21) können die deutschen Spielerinnen die EM-Teilnahme mit zwei Siegen gegen Slowenien schon klarmachen.
Die EM findet vom 3. bis 20. Dezember in den fünf Ländern Polen, Rumänien, Tschechien, Slowakei und Türkei statt. Die deutsche Mannschaft zählt dort zu den Kandidaten für das Halbfinale – und das diesmal auch höchst offiziell, denn durch die jüngste WM-Finalteilnahme ist Deutschland in der Vierjahreswertung der Europäischen Handball-Föderation vom sechsten auf den vierten Platz geklettert. „Wir sind da oben aber noch nicht endgültig angekommen, unser Weg muss weitergehen“, bremst Gaugisch zu hohe Erwartungen, Deutschland sei aber inzwischen zuverlässig auf einem Level mit den drei Top-Nationen Norwegen, Dänemark und Frankreich.
Der deutsche 16er-Kader, der nun zweimal gegen Slowenien spielt, besteht größtenteils aus den WM-Zweiten. Verletzungsbedingt müssen Xenia Smits, Aimée von Pereira und Mareike Thomaier allerdings durch Farrelle Njinkeu, Dana Bleckmann und Jolina Huhnstock ersetzt werden. Doch das sind zunächst mal nur vorübergehende Rochaden. Es ist gar nicht so unwahrscheinlich, dass der erfolgreiche WM-Kader bis zu den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles mehr oder weniger so zusammenbleibt.
Schon jetzt freilich ist es generationstechnisch ein Kader im Übergang, in Veränderung. Viola Leuchter und Nieke Kühne sind 21 Jahre alt, Nina Engel ist 22. Leuchter wurde bereits bei den Weltmeisterschaften 2023 und 2025 zur besten jungen Spielerin gekürt, nun ernannte sie der Weltverband auch überhaupt zur besten jungen Spielerin des Jahres 2025. Sie hat noch eine große, lange Zukunft in der Nationalmannschaft vor sich, deshalb hat sie auch große Erwartungen. „Wir sind noch nicht zufrieden mit dem, was wir erreicht haben“, sagte sie am Dienstag in Großwallstadt über die Ambitionen der Mannschaft, „wir wollen die nächsten Schritte gehen und uns dauerhaft vorne etablieren.“
Zweieinhalb Monate nach dem Erfolg von Rotterdam jetzt wieder zusammenzukommen, barg besonderes Wohlfühlpotenzial für die Handballerinnen. „Die Vorfreude auf das Wiedersehen war groß“, berichtet die Nationalmannschafts-Managerin Anja Althaus, „die Chemie ist super, die Atmosphäre auch.“ So nimmt das auch der Bundestrainer Gaugisch wahr. „Die Energie und die Aufnahmefähigkeit der Mannschaft sind riesig“, lobt er. Er hat klare Vorstellungen davon, wie sich das Team spielerisch weiterentwickeln soll: „Defensiv zwei, drei Tore weniger bekommen und offensiv zwei, drei mehr machen.“ Das Tempospiel der zweiten und dritten Welle soll selbstverständlicher und selbstbewusster werden. Mit konstant zuverlässigem und erfolgreichem Handball soll die Nachhaltigkeit des jüngsten Aufschwungs stabilisiert werden.

