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Handball:Der Backpacker

Quentin Minel soll der neue Anführer des Handball-Bundesligisten HC Erlangen sein. Bloß: Kann man vorangehen, wenn man gerade erst angekommen ist? Geschäftsführer René Selke will ihm Zeit geben.

Wenn Quentin Minel auf dem Parkett steht, ist er nicht bloß einer von zwölf Feldspielern. Minel täuscht an, zieht auf und wirft, er spielt mal einen hohen, mal einen Bodenpass, Minel ist allgegenwärtig, er gehört aber auch zu den Sportlern, die auf einmal kleiner sind, wenn sie nicht mehr auf dem Spielfeld stehen.

Ein regnerischer Nachmittag in Erlangen, Minel sitzt in einem Café in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs, er trägt ein dunkelgrünes Shirt und einen Vollbart, der deutlich länger ist als vor einem knappen halben Jahr, als die Verantwortlichen des Handball-Bundesligisten HC Erlangen den Zugang vorstellten. Auch ohne Rucksack sieht Minel aus wie ein Backpacker, der Bart verleiht ihm etwas Verwegenes, etwas Freigeistiges. Er hat eine Tasse schwarzen Kaffee vor sich, den er abkühlen lässt, er hat sich neulich erst die Zunge verbrannt. Er fühle sich sehr wohl in Erlangen, auch seiner Frau gefalle es, sagt Minel. Nur eine Sache sei irgendwie merkwürdig in dieser Stadt: Seine Eltern seien bei ihm zu Besuch gewesen und hätten sich in einem Café an einen Tisch gesetzt, doch es sei kein Kellner gekommen, um ihre Bestellung aufzunehmen. Ob das überall so sei?

Quentin Minel, 26, ist erst in einem Pariser Vorort, dann in einer Gemeinde rund eineinhalb Autostunden südlich der Hauptstadt aufgewachsen. 1300 Einwohner, Grünlandschaft, eine beschauliche Gegend, seine Mutter arbeitete im Sekretariat einer Universität, sein Vater im Postamt. Dort, in seiner Heimat, sagt Minel, laufe es anders als in den Cafés hier. Am Nachbartisch sitzt eine Frau, sie sieht etwas irritiert aus und wirft einen prüfenden Blick rüber. Als sie begreift, dass da ein Interview geführt wird, kann man erahnen, wie sie grübelt: Ist der Mann wichtig? Muss man den kennen?

07 08 2019 Handball 2 Erlanger Champions Day Saison 2019 2020 HC Erlangen Metropolregion Nü; Quentin Minel HC Erlangen

„Letzte Saison war die Mannschaft Neunter, jetzt wollen wir noch besser abschneiden.“ – Auch die Ziele formuliert Quentin Minel zurückhaltend.

(Foto: imago)

Minel ist tatsächlich wichtig, der HC Erlangen hat ihn als neuen Anführer verpflichtet. Bloß: Geht das überhaupt? Kann man vorangehen, wenn man gerade erst angekommen ist?

Wer Minel spielen sieht, seinen Drang zum Tor, seine überlegten Pässe an den Kreis, seine Übersicht, sein Spielverständnis, sein Herz, wer all das sieht, der bekommt eine Ahnung, warum die Verantwortlichen im März, als Minels Bart noch deutlich kürzer war, eine Hymne auf den Rückraumspieler sangen. Adalsteinn Eyjolfsson, der Trainer, sprach etwa davon, Minel werde der Mannschaft helfen, in eine neue Dimension vorzustoßen. Und Kevin Schmidt, der Sportdirektor, meinte sinngemäß, Minel sei dazu berufen, auf allerhöchstem Niveau zu spielen. Es waren große Worte, die die Verantwortlichen loswurden, Worte, die ein verheißungsvolles Versprechen sind, aber selbst für einen gestandenen Spieler eine Bürde sein können.

Wer Minel nun gegenübersitzt, erlebt einen freundlichen, eher zurückhaltenden Mann. Auf dem Spielfeld zeigt sich, wie groß Minel ist, hier, im Café, ist er eher klein. Er sagt: "Ich will mich verbessern und der Mannschaft helfen." Er sagt nicht: "Ich will vorangehen und die Mannschaft führen." Er sagt: "Letzte Saison war die Mannschaft Neunter, jetzt wollen wir noch besser abschneiden." Er sagt nicht: "Wir wollen einen Europapokalplatz erreichen."

106 Punkte

hat der HC Erlangen in seiner vierjährigen Bundesligahistorie gesammelt, alleine 30 in der vergangenen Saison, die die Mittelfranken auf Platz neun beschlossen haben. Der ThSV Eisenach, Erlangens Gegner in der ersten Runde des DHB-Pokals, hat in zehn Spielzeiten 214 Zähler geholt. Dennoch geht der HCE an diesem Samstag (17 Uhr in Hanau) als klarer Favorit in das Duell mit dem Zweitligisten. "Wir spielen Bundesliga, also müssen wir das Spiel gewinnen", betont Quentin Minel.

Auch René Selke, der Geschäftsführer, will sich nicht zu forsch äußern. Klar, es sei schon zu erkennen, welch großes Potenzial Minel habe, warum er in Frankreich, in Chambéry, Kapitän gewesen und wie es ihm gelungen sei, die Mannschaft in der vergangenen Saison zum Pokalsieg zu führen. Minel habe auch in Erlangen in den ersten Wochen einen "sehr guten Eindruck" hinterlassen, meint Selke, er sei ausgesprochen wissbegierig, engagiert und ehrgeizig.

Aber: "Für Quentin ist alles neu: die Stadt, der Verein, die Mannschaft, der Trainer, die Sprache. Da ist es völlig normal, dass er noch Zeit braucht." Etwa, um sich an die Gepflogenheiten in den Erlanger Cafés zu gewöhnen. Um den Worten der Verantwortlichen nicht nur in einem Testspiel, sondern auch in der Bundesliga Taten folgen zu lassen. Oder, um die neue Sprache zu lernen.

Als er das erste Mal in die Kabine gekommen sei, erzählt Minel, habe er sich erst mal auf seinen Platz gesetzt und den Gesprächen der anderen gelauscht, allzu viel habe er aber nicht verstanden. Inzwischen komme er eher mit, doch das Sprechen falle ihm noch schwer. "Hallo. Danke. Entschuldigung. Ich spreche ein bisschen Deutsch. Ich bin müde": Viel mehr hat er noch nicht im Repertoire. Er braucht noch Zeit.