Handball-Champions-League:Der Schmerz braucht Raum

Lesezeit: 4 min

Bittere Erfahrung: Der SC Magdeburg hat nach einem Jahr wieder mal ein wichtiges K.-o.-Spiel Spiel verloren, Kreisläufer Magnus Saugstrup kann es nicht fassen. (Foto: Vitalii Kliuiev/Imago)

Titelverteidiger SC Magdeburg wird Letzter im Final Four und muss im Spiel um Platz drei auch noch eine Niederlage gegen KIel hinnehmen. Den Titel gewinnt der abgezockte FC Barcelona in einem hochklassigen Finale gegen den starken dänischen Meister Aalborg.

Von Ralf Tögel, Köln

Magnus Saugstrup saß wie ein Häuflein Elend auf dem Boden der Lanxess-Arena, das verschwitzte Trikot hatte er sich über den Kopf gezogen. Der Kreisläufer des SC Magdeburg konnte es nicht fassen, dieses dramatische Halbfinale in den Schlusssekunden verloren zu haben.

Es war ein intensives, kein hochklassiges Ringen zweier abwehrstarker Mannschaften um den Einzug ins Finale der Champions League, das die 20 000 Zuschauer bis in die Schlusssekunden begeisterte. Dann wurde es still – bis auf ein paar Hundert tobende Fans in Rot, der Farbe von Aalborg Handbold. Die Magdeburger, die mit dem Prädikat der derzeit wohl weltbesten Mannschaft nach Köln gereist waren, hatten wieder einmal ein wichtiges K.-o.-Spiel verloren, das erste seit dem Titelgewinn im vergangenen Jahr.

Dieser vierte mögliche Titel in der Königsklasse hätte die famose Saison des deutschen Double-Siegers, der vor Saisonbeginn schon die Vereinsweltmeisterschaft gewonnen hatte, zu der erfolgreichsten der Vereinshistorie gekrönt. Der aber ging zurück nach Barcelona: Der spanische Serienmeister bezwang in einem hochklassigen und begeisternden Finale den dänischen Titelträger Aalborg Handbold mit 31:30 Toren und holte sich zum zwölften Mal die wertvollste europäische Trophäe.

So groß die Freude bei den Katalanen war, so groß war die Enttäuschung beim Vorgänger Magdeburg. Sicher, Aalborg musste man auf dem Zettel haben, aber konnten die Dänen diese Magdeburger, die im Viertelfinale den Vorjahresfinalisten Kielce mit stählernen Nerven in einem hochdramatischen Siebenmeterwerfen eliminiert hatten, ausschalten? Sie konnten – und Saugstrup war untröstlich.

SZ PlusDopingverdacht bei Nikola Portner
:Ein Schatten über dem deutschen Handball

Kurz vor den Pokal-Finalspielen fällt Nikola Portner, Torwart des SC Magdeburg, mit einem Positivtest auf Crystal Meth auf. Eine Ausnahme - oder Symptom eines tiefergehenden Problems?

Von Johannes Knuth und Ralf Tögel

Vor dem Turnier war der knapp zwei Meter große 100-Kilo-Brocken zum wertvollsten Spieler der Handball-Bundesliga (HBL) gewählt worden. Jetzt stand er da und suchte nach Erklärungen. Ob ihn die Qualität Aalborgs überrascht habe? Natürlich nicht, sagte er, „deshalb sind sie hier“. Aalborg hat sich eine namhafte Mannschaft mit größtenteils dänischen Topspielern geleistet, etwa mit den Welthandballern Mikkel Hansen und Niklas Landin. Saugstrup kennt die meisten aus der Nationalmannschaft, viele sind Freunde, nun sagte er leise: „Sie haben es verdient, im Finale zu stehen.“

Die Magdeburger kommen nicht in ihr gefürchtetes Tempospiel, auch weil Torhüter Sergey Hernandez keinen guten Tag erwischt

Das fand auch sein Trainer. Bennet Wiegert war zwar gewohnt emotional an der Seitenlinie und diskutierte nach dem Schlusspfiff minutenlang mit den Schiedsrichterinnen, den französischen Zwillingsschwestern Julie und Charlotte Bonaventura, von Schuldzuweisungen sah er aber ab: „Sie haben einen guten Job gemacht, aber dafür, wie es emotional in mir aussieht, war ich sehr gelassen.“ Dieses Final-Four-Turnier sei der Höhepunkt einer Saison, erklärte Wiegert, da müsse man seine beste Leistung abliefern: „Das haben wir nicht geschafft.“ Es sei vieles gegen „den Stil des SC Magdeburg gelaufen“, immer wieder wurden die flinken Rückraumspieler Gisli Kristjansson, Felix Claar und Omar Ingi Magnusson aggressiv gestoppt. Aalborgs Trainer Stefan Madsen hatte eine offensive 5:1-Deckung aufgeboten, das nahm den Angreifern den nötigen Raum im Eins-gegen-eins-Spiel – und so den Rhythmus. Und die Unparteiischen ließen eine harte Gangart zu – auf beiden Seiten. Auch das Fehlen des verletzten Michael Damgaard, der Däne ist sozusagen das anarchische Element im SCM-Angriff, erwies sich als Schwächung.

11:11 stand es zur Halbzeit, die Führung wechselte auch nach der Pause mehrmals. „Es war ein harter Kampf, wir hatten Probleme mit ihrer Abwehr, um Tore zu machen“, sagte Magnusson, dem dies mit zehn Toren noch am besten gelang. Wiegert konnte sich nicht erinnern „dass wir in einem Spiel so wenige Tore geworfen haben“, was auch daran lag, dass sein Team nicht in das gefürchtete Tempospiel kam.

Ein Grund dafür war die Torwartleistung, befand Wiegert. Sergey Hernandez war der große Rückhalt der vergangenen Wochen, nun müsse man ihm auch mal eine weniger starke Leistung zugestehen. Wiegert erinnerte auch daran, dass er seit Wochen auf seine Nummer eins im Tor, Nikola Portner, verzichten muss, der wegen einer positiven Dopingprobe aus dem Spielbetrieb genommen wurde: „Wir haben den Dopingverdacht“, sagte Wiegert, er hätte Portner „gut gebrauchen können“. Das war auch am Sonntag im Spiel um Platz drei im deutschen Duell gegen Kiel der Fall: Weil zudem die Defensive nicht zur Normalleistung fand, endete die Saison mit zwei Niederlagen.

Wobei Abwehrchef Christian O’Sullivan schon nach elf Minuten mit Rot dekoriert das Parkett verlassen musste, schon gegen Aalborg war für ihn vorzeitig Schluss, aber erst nach 42 Minuten. Ausgerechnet im nationalen – wenn auch bedeutungslosen – Prestigeduell gegen den Rekordmeister kassierten die Magdeburger ein 28:32 und beendeten die Saison mit zwei Niederlagen.

Auch das bedeutungslose aber prestigeträchtigen Duell um Platz drei gegen Kiel verliert der SCM

Nun herrsche Leere, bekannte Wiegert: „Die Enttäuschung ist riesengroß. Der Schmerz braucht jetzt Raum.“ Die famose Saison werde er sich aber dennoch nicht kleinreden lassen.

Ein Satz, den der Kieler Kollege Filip Jicha gerne in den Mund genommen hätte, trotz des abschließenden Sieges gegen Magdeburg – das Kiel bekanntlich den Meistertitel abgenommen hatte. Denn seine Mannschaft wurde vom FC Barcelona mit einer 18:30-Klatsche aus dem Wettbewerb geworfen. „Wir waren nicht in der Lage, die Energie und die Qualität aufzubringen, die man bei solchen Gelegenheiten braucht.“ Die Kieler lagen schnell 1:4 hinten, bäumten sich zu einer 5:4-Führung auf – aber dann fehlte Energie in ihrem Spiel. Was zuvorderst dem dänischen Barça-Torhüter Emil Nielsen anzulasten war, der die Kieler Werfer zur Verzweiflung trieb.

Ob Siebenmeter, Würfe aus dem Rückraum oder frei vom Kreis, Nielsen brachte immer ein Körperteil an den Ball. Zur Pause führten die Katalanen bereits 15:9, der THW bäumte sich zwar nochmals auf und kam auf 14:18 heran, aber Barcelona konterte mit Leichtigkeit.

Den Kielern steht nun eine Saison ohne Champions League bevor, der THW schloss die Liga als Vierter ab, nur die beiden Ersten spielen um das Ticket für Köln – wo das Final Four bis 2029 ausgetragen wird. Viel zu wenig für den Rekordmeister, wie Geschäftsführer Viktor Szilagyi geknickt wissen ließ. Man werde jetzt in Ruhe analysieren „und Schlüsse daraus ziehen“. Das klingt nach einem ungemütlichen Sommer.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Deutsche Handballklubs
:Dominant wie die NBA

Wenn es um die Vergabe der beiden wichtigsten europäischen Handball-Pokale geht, kommen fünf von acht Finalteilnehmern aus Deutschland. Der Grund für die Übermacht liegt auch in der Stärke der Liga.

Von Ralf Tögel

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: