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THW Kiel gewinnt die Champions League:Feiern bis ins neue Jahr

EHF FINAL4 Men's Handball Champions League - Final - THW Kiel v FC Barcelona HB

Steffen Weinhold (li.) und Rune Dahmke: Ekstase in Köln

(Foto: THILO SCHMUELGEN/REUTERS)

Sogar der Gegner lobt das "perfekte Spiel" des THW Kiel: Nach dem Sieg des Handball-Bundesligist treten irdische Wünsche auf - Steffen Weinhold freut sich aber auch auf Ruhe ohne WM-Stress.

Von Ulrich Hartmann, Köln

Der Torwart Niklas Landin, die Kreisläufer Patrick Wiencek und Hendrik Pekeler, die Flügelspieler Niclas Ekberg und Rune Dahmke, auch die Rückraummänner Sander Sagosen und Miha Zarabec - keiner dieser Spitzenhandballer hatte zuvor je die Champions League gewonnen. Deshalb hatten sie auch keine Vergleichsmöglichkeiten, um die coronakonforme Siegerehrung als irgendwie seltsam zu empfinden.

Als der THW Kiel am späten Dienstagabend vor ungefähr 18 000 leeren Sitzen in der riesigen Kölner Arena mit einem 33:28 (19:16)-Sieg gegen den Favoriten FC Barcelona die Champions League gewonnen hatte, wurde neben dem Feld, hinter der Werbebande, ein kleines Podest aufgebaut. Auf das Spielfeld wurden in gebührendem Abstand zwölf Stühle gestellt, auf denen aber kein Streichorchester "Freude schöner Götterfunken" spielte - sondern auf denen alsbald zwölf Fotografen saßen, um zu dokumentieren, wie auf dem kleinen Podest am Spielfeldrand erst Pekeler zum "Wertvollsten Spieler" (Most Valuable Player, MVP) der Champions-League-Finalrunde gekürt wurde, wie dann Kiels Kapitän Domagoj Duvnjak, der die Champions League bereits 2013 mit Hamburg gewonnen hatte, jedem seiner Mannschaftskollegen eine Goldmedaille um den Hals hängte, und wie schließlich die bedeutsamste Trophäe des globalen Klubhandballs an die drei Kapitäne Duvnjak, Landin und Wiencek einigermaßen gleichzeitig übergeben wurde.

Die Spieler liebkosten diesen metallenen Arm mit dem Handball nacheinander jeder für sich, dann tranken sie in der Kabine Bier, dann duschten sie im Hotel, flogen noch in der Nacht heim nach Kiel und dort genossen sie das Gefühl, den wichtigsten Klubwettbewerb gewonnen zu haben. Steffen Weinhold, der diese Erfahrung schon 2014 mit Flensburg gemacht hatte, war nach einem nahezu perfekten Kieler Handballspiel bereit, auch in Sachen Feiern bis zum Äußersten zu gehen. "Mein Ziel ist, bis zum 1. Januar durchzufeiern", sagte er noch am Abend in der Kölner Halle, "aber ich bin nicht sicher, ob ich es schaffe."

Es waren dies vermutlich die einzigen Worte des Zweifels aus dem Munde eines Kieler Handballers zuletzt. Denn wie diese personell durchaus beeinträchtigten THW-Handballer binnen 24 Stunden mit im Grunde einem Torwart und neun Feldspielern erst am Montag den HC Veszprém nach Verlängerung mit 36:35 besiegten und tags darauf den FC Barcelona gar mit fünf Treffern distanzierten, das war nicht nur unerwartet, das war überraschend, vielleicht sogar sensationell. Nichts anderes als "ein perfektes Spiel" bescheinigte Barcelonas Rechtsaußen Blaž Janc den Kielern.

Bloß ein Mal in der Anfangsphase führten die Spanier mit 3:2, ansonsten bestimmten die Kieler Spieltempo und Spielstand nahezu nach Belieben. Als ihre Chancenverwertung in der zweiten Halbzeit erstmals ein bisschen litt, sahen sie hinten ihren Torwart Landin nahezu jeden Torwurf parieren. 14 gehaltene Würfe standen am Ende in der Spielbilanz des Dänen, der nun gleichzeitig amtierender Handball-Olympiasieger, Weltmeister und Champions-League-Sieger ist. Acht Treffer wies der Schwede Ekberg im Finale auf sowie sieben der Norweger Sagosen. Aber zum besten Spieler des zweitägigen Finalturniers wurde mit Fug und Recht Pekeler bestimmt. Zusammen mit Weinhold und Wiencek hatte er zwei Mal eine fabelhafte Abwehrleistung gezeigt und darüber hinaus in beiden Spielen zusammen als Kreisläufer auch noch zwölf Treffer beigesteuert. "Er ist für mich seit Jahren schon ein MVP", witzelte Weinhold, "mit seiner Größe und seiner Physis, vor allem aber seiner Cleverness - und das alles hat er hinten wie vorne in beiden Spielen perfekt gezeigt."

Der erst 38 Jahre alte THW-Trainer Filip Jícha, der von 2007 bis 2015 für Kiel gespielt und 2010 und 2012 also auch die beiden Champions-League-Titel in Köln als Aktiver mit gewonnen hatte, ist nach Talant Dujshebaev and Roberto García Parrondo zwar schon der Dritte, der diesen Titel als Spieler und Trainer erobert, aber der Erste, dem dies mit demselben Verein gelingt. "Filip hat uns zwei Mal taktisch top vorbereitet", sagte Weinhold. "Er trifft genau den richtigen Ton, wir haben weder übermotiviert gespielt noch zu träge", berichtete Landin.

Und so war wohl die Kieler Tempoentschärfung im Spiel des FC Barcelona der Schlüssel zum Sieg. Kiel spielte die Angriffe meist konsequent zu Ende und war in der Rückwärtsbewegung derart aufmerksam und schnell, dass die Spanier, die das Starensemble von Paris Saint-Germain im Halbfinale geradezu demoralisiert hatten, im Finale gegen Kiel überhaupt nicht in ihr hohes, zerstörerisches Tempospiel kamen. "Wir haben zwei Tage unglaublich geackert", sagte Abwehrmann und Kreisläufer Wiencek im Interview nach dem Spiel derart außer Atem, dass ihm zu Kiels insgesamt viertem Champions-League-Triumph und seinem eigenen ersten so gar nichts Pathetisches einfallen wollte, sondern bloß ein ganz irdischer Wunsch: "Ich freu mich so dermaßen auf ein kaltes Bier."

Von diesem Genuss, könnte man vermuten, werden die Kieler noch rechtzeitig vor Silvester ultimativ genug haben. Anschließend freuen sich einige von ihnen bereits wieder auf die Weltmeisterschaft im Januar in Ägypten. Weinhold, Pekeler und Wiencek aber eher auf Erholung. Alle drei haben wegen der Corona-Pandemie, wegen der insgesamt hohen Belastung und damit letztlich aus familiären Gründen, wie sie es formulieren, ihre WM-Teilnahme abgesagt. "Ich werde die WM natürlich verfolgen", sagte Weinhold, "ich find's spannend, wie die Mannschaft da spielen wird, und ich drücke alle Daumen, aber ich bin echt froh über ein paar Tage ohne Handball."

Ein bisschen Ruhe tut gut nach einem heißen Herbst und dieser gleichwohl ertragreichen Belastung in Köln, und vor allem auch für den Fall, dass Weinhold seinen Plan doch noch in die Tat umsetzt und bis zum Neujahrstag durchmacht. Dann könnte auch die zuständige Kommission der Europäischen Handballföderation EHF vielleicht noch einmal zusammenkommen, neu abstimmen, bei Hendrik Pekeler klingeln, ihm die MVP-Trophäe abnehmen und sie Steffen Weinhold überreichen: für eine nahezu unmenschliche Leistung beim Abfeiern eines großen handballerischen Triumphs.

© SZ/chge/ska
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