Deutsche Handballklubs:Dominant wie die NBA

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Mathias Gidsel von den Füchsen gilt als derzeit bester Handballer der Welt, auch seinetwegen ist Berlin Favorit im European Cup. (Foto: Andreas Gora/Imago)

Wenn es um die Vergabe der beiden wichtigsten europäischen Handball-Pokale geht, kommen fünf von acht Finalteilnehmern aus Deutschland. Der Grund für die Übermacht liegt auch in der Stärke der Liga.

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Es ist Konsens in Fußballdeutschland, dass der nationale Lieblingssport im kontinentalen Vergleich so gut dasteht wie lange nicht. Daran ändert auch die Finalniederlage von Leverkusen gegen Bergamo im zweithöchsten europäischen Wettbewerb wenig; wenn der Fußballgott will, könnte immerhin noch der größte Henkelpott Anfang Juni ins Land geholt werden. Das würde sechs Startplätze in der kommenden Spielzeit der Königsklasse sichern, deren ursprüngliche Idee es in grauer Vorzeit einmal war, dass sich die jeweiligen Landesmeister des Kontinents im sportlichen Wettkampf messen. Acht deutsche Vertreter in europäischen Wettbewerben, eine stattliche Anzahl. Im Fußball.

Im Handball sind derlei Quoten längst an der Tagesordnung. Zwar können sich lediglich sechs Vertreter international für die beiden höchsten europäischen Wettbewerben qualifizieren, dafür werden diese von den deutschen Teams seit Jahren dominiert. Als einzige europäische Liga hat die Handball-Bundesliga (HBL) mehrere potente Topteams, die sich in der nationalen Meisterschaft balgen; und nicht einen Klub, der alle anderen überragt. So stacheln sich die Vereine gegenseitig an, in den Worten von Bob Hanning, dem bekanntestem Handballfunktionär hierzulande, klingt das so: "Wir sind die NBA im Handball." Die nordamerikanische Basketball-Profiliga NBA ist der Gradmesser ihrer Sportart, die Einschätzung von Hanning, jahrelang Vizepräsident des Deutschen Handballbunds, derzeit Geschäftsführer der Füchse Berlin und Trainer des Erstligaaufsteigers VfL Potsdam, darf als belastbar gelten.

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Wie im Fußball sind auch im Handball zwei deutsche Klubs bis ins Champions-League-Halbfinale vorgedrungen, die Endrunde wird aber in einem Final-Four-Turnier (8./9. Juni in der Kölner Lanxess Arena) ausgetragen. Der THW Kiel hat die Champions League zuletzt vor vier Jahren gewonnen, eine Parallele also zum letzten deutschen Fußballchampion FC Bayern. Kiels Gegner ist der FC Barcelona, dessen immense finanzielle Mittel angesichts einer achtstelligen Verschuldung zumindest im Handball spürbar zurückgeschraubt wurden.

In der European League zeigt sich die deutsche Dominanz besonders deutlich

Als Titelverteidiger spielt der SC Magdeburg, der wie Kiel viermal die wichtigste europäische Trophäe in seiner Vitrine stehen hat, im Halbfinale. Gegner ist der dänische Topklub Aalborg, der trotz der Ausnahmespieler Mikkel Hansen und Niklas Landin im Tor als Außenseiter gilt. Nicht nur Fachmann Hanning ist überzeugt, dass der SCM die derzeit weltbeste Mannschaft ins Rennen schickt: "Denen ist alles zuzutrauen." Zudem habe Magdeburg im Viertelfinale in Kielce bereits den stärksten Gegner geschlagen - der polnischen Serienmeister war auch der Finalgegner des Vorjahres. Wenn eine Mannschaft diese Magdeburger gefährden könne, "dann der THW Kiel", glaubt Hanning.

Denn die Champions League ist die wohl letzte Chance für die großen alten Männer beim THW, den bedeutendsten Titel Europas zu erobern. Zu welchen Leistungen diese Kieler Auswahl noch in der Lage ist, hat sie kürzlich bewiesen, als sie gegen Montpellier einen Neun-Tore-Rückstand wettmachten und ins Halbfinale einzog. Der große Umbruch beim THW steht unmittelbar bevor, einige der im Herbst ihrer Karriere befindlichen Spitzenspieler wie Hendrik Pekeler, Steffen Weinhold oder Patrick Wiencek sind bereits aus dem Nationalteam zurückgetreten.

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Für konstante Leistungen auf höchstem Niveau reicht es offenbar nicht mehr, deshalb dürfte der deutsche Meistertitel, der wohl am schwersten zu erringende im Welthandball, an Tabellenführer Magdeburg gehen. "Diese Mannschaft steht über allem", sagt Hanning, dessen Füchse Berlin dem SCM in dieser Saison "noch am nächsten kamen".

Die Berliner gehen ebenfalls mit besten Titelchancen in den zweithöchsten europäischen Klubwettbewerb, sie sind Titelverteidiger in der European League. An diesem Wettbewerb zeigt sich die deutsche Dominanz im internationalen Handball besonders deutlich: Weil im Gegensatz zum Fußball nur zwei Teams aus einer Nation in der Königsklasse antreten dürfen, starten vier HBL-Vereine im zweithöchsten Wettbewerb. Und in Berlin, den Rhein-Neckar Löwen, die im Halbfinale in der Hamburger Barclays Arena am Samstag (18 Uhr) aufeinandertreffen, sowie der SG Flensburg-Handewitt (um 15 Uhr im Halbfinale gegen den rumänischen Meister Dinamo Bukarest) stehen drei der vier deutschen Teams im Final Four. Nur Hannover-Burgdorf scheiterte in den Playoffs am schwedischen Meisterschaftszweiten Sävehof. "Es wird ein deutsches Finale geben", glaubt Hanning. Er sieht neben seinen Füchsen die Flensburger als Favorit im zweiten Halbfinale.

Seit der Jahrtausendwende gelang es dem FC Barcelona, Pick Szeged und Benfica Lissabon, diesen Wettbewerb zu gewinnen - ansonsten standen immer deutsche Teams am Ende vorn. Kiel, Göppingen und Magdeburg sind mit je vier Titeln Rekordsieger. Berlin würde mit der Titelverteidigung in diesen Kreis einziehen, für Hanning ist die Saison aber jetzt schon ein Erfolg. Die Füchse sind vom zweiten Platz in der Bundesliga nicht mehr zu verdrängen, starten folglich kommende Saison in der Champions League: "Damit ist für mich ein Kindheitstraum in Erfüllung gegangen", sagt Hanning, der vierte Titel in der European League wäre immerhin "die Kirsche auf der Torte".

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