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Handball-Nationalmannschaft:Das Vertrauen in Prokop ist weg

Handball EM: Kroatien - Deutschland

Darf nicht mehr weitermachen: Christian Prokop.

(Foto: Robert Michael/dpa)
  • Der deutsche Handball-Verband trennt sich nach der mittelprächtigen EM von Bundestrainer Christian Prokop, der noch einen Vertrag bis 2022 hatte.
  • Nun soll Kiels ehemaliger Meistercoach Alfred Gislason das kurzfristige Ziel erreichen: die Qualfikation für Olympia.

Von Joachim Mölter

Elf Tage nach der Europameisterschaft hat sich der Deutsche Handballbund (DHB) von Männer-Bundestrainer Christian Prokop getrennt. Die von dem 41-Jährigen betreute Auswahl hatte das angestrebte Halbfinale verpasst und das Turnier auf Platz fünf beendet, dennoch kommt die Entlassung überraschend. Denn nachdem der Coach während der EM in die Kritik geraten war, hatte DHB-Sportvorstand Axel Kromer vor rund zwei Wochen noch versichert: "Es gab bei uns intern nie die Diskussion, mit welchem Trainer wir zukünftig die Nationalmannschaft prägen wollen. Wir werden natürlich mit Christian das Ziel Olympia anpeilen."

Nach einer genaueren Analyse der EM war den Verantwortlichen beim DHB aber offensichtlich das Vertrauen in Prokop abhanden gekommen. In einer Mitteilung wird DHB-Präsident Andreas Michelmann so zitiert: "Wir sind davon überzeugt, dass wir unsere kurzfristigen Ziele nur mit einem neuen Impuls erreichen können." Für die Olympischen Spiele in Tokio, das allem übergeordnete Ziel des DHB, muss sich die Mannschaft noch qualifizieren bei einem Turnier in Berlin; dort trifft sie vom 17. bis 19. April auf den EM-Vierten Slowenien, den WM-Fünften Schweden und den Afrika-Vertreter Algerien. Tokio soll nun unter Führung des Isländers Alfred Gislason erreicht werden, der mit einem Vertrag bis zur EM 2022 ausgestattet wurde und am 9. März mit der Arbeit anfängt. Vier Tage danach steht der einzige Test vor der Olympia-Qualifikation an, in Magdeburg trifft das DHB-Team dabei auf die Niederlande.

Über Gislason als Prokop-Nachfolger war bereits während der EM spekuliert worden. Der 60-Jährige hat bis zum vorigen Sommer den Rekordmeister THW Kiel gecoacht und unter anderem zu zwei Champions-League-Titeln geführt (2010 und 2012). Nachdem er den Trainerjob an seinen früheren Torjäger Filip Jicha übergeben hatte, soll er zuletzt wieder voller Tatendrang gewesen sein. DHB-Präsident Michelmann ist jedenfalls sicher: "Alfred Gislason bringt frische Energie in die Nationalmannschaft."

Die Nationalspieler, die am Donnerstag in der Bundesliga aktiv waren, waren überwiegend verblüfft. "Ich war geschockt, als ich die Nachricht bekommen habe", sagte Kapitän Uwe Gensheimer dem TV-Sender Sky, "weil ich niemals damit gerechnet hätte und es aufgrund der Ergebnisse auch nicht für nötig gehalten habe." Er habe das Gefühl gehabt, mit Prokop sei alles auf dem richtigen Weg gewesen, betonte er.

Die Zeit von Christian Prokop als Bundestrainer läuft damit bereits zwei Jahre vor dem ursprünglich vereinbarten Datum ab. Nach der völlig verkorksten EM 2018, der deutlich besseren Heim-WM 2019 mit Platz vier und der nach schwachem Beginn noch mittelprächtigen EM 2020, hatte wohl vor allem der für den Leistungssport zuständige Vizepräsident Bob Hanning den Glauben verloren, dass Prokop das Team noch zu den erhofften Medaillen führen kann. Hanning hatte den Coach einst für eine Ablöse von 500 000 Euro vom SC DHfK Leipzig losgeeist und anschließend vehement verteidigt. Bis jetzt.

© SZ vom 07.02.2020/ebc
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