Handball-Bundesliga:Die DNA des Raul Alonso

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Handball-Bundesliga: "Ich habe Spieler, die meinen Weg mitgehen wollen": Erlangens Trainer Raul Alonso.

"Ich habe Spieler, die meinen Weg mitgehen wollen": Erlangens Trainer Raul Alonso.

(Foto: Daniel Marr/Sportfoto Zink/Imago)

Der HC Erlangen steht auf dem fünften Tabellenplatz und mischt im Kampf um die internationalen Plätze mit. Das liegt an nachhaltiger und harter Arbeit - und an einem leidenschaftlichen Trainer.

Von Ralf Tögel

Wer sich mit Raul Alonso über Handball unterhalten will, sollte etwas Zeit erübrigen. Der Trainer des HC Erlangen hat einiges zu erzählen von seiner Arbeit, er spricht über die Identität, die er mit seiner Mannschaft entwickeln will. Er erzählt von einem großartigen Umfeld, das er bei dem mittelfränkischen Erstligisten vorgefunden hat, von täglicher harter Arbeit, von vielen Prozessen und Phasen, die sein Team zu durchlaufen habe. Er spricht von seinen Spielern, die diesen Weg gemeinsam mit ihm gehen wollen, von dem Willen im ganzen Verein, täglich besser zu werden. Man merkt schnell, dass der Spanier seine Leidenschaft zum Beruf gemacht hat. 1995 kam der heute 43-Jährige nach Deutschland, spielte zweite Liga, begann aber bald eine Trainerlaufbahn. Alonso war unter anderem beim THW Kiel als Assistenztrainer und Jugendleiter tätig, er leitete einen DHB-Stützpunkt und führte zuletzt den belarussischen Klub Brest GK Meschkow in die Champions League. Alonso sagt: "Ich lebe Handball." Und nicht weniger will er seinen Spielern vermitteln, dass auch sie für ihren Sport brennen.

Das gelingt mit beachtlichem Erfolg. Der HC Erlangen ist derzeit Tabellenfünfter, hinter den Berliner Füchsen, den Rhein-Neckar Löwen, Pokalsieger THW Kiel und Meister Magdeburg. Und vor der SG Flensburg Handewitt, die so ziemlich alle wichtigen Titel in ihrer Vereinsvita stehen hat und der nächste Gegner ist. Das sind allesamt Profiklubs mit viel Tradition und internationaler Klasse - und mittendrin der HC Erlangen. Der 35:29-Sieg gegen den HSV Hamburg am Donnerstagabend war ein weiteres Zeugnis einer bemerkenswerten Entwicklung, die der Klub genommen hat. Seit 2016 zählt der HCE zur Beletage des deutschen Handballs. Den Weg dahin hat er mit Geduld zurückgelegt, in kleinen Schritten, aber zielstrebig - unter der Führung des Aufsichtsratsvorsitzenden Carsten Bissel und nach dem Abwenden einer Insolvenz in letzter Sekunde im Jahr 2010. Heute sind die Mittelfranken dank eines großen Sponsorenpools solide finanziert, sie spielen in der Nürnberger Arena im Schnitt vor 5000 Zuschauern und machen sich offensichtlich nun daran, die nächste Stufe nach oben zu betreten.

Ausreißer nach oben gab es schon immer, aber in dieser Saison zeigt die Mannschaft eine Konstanz, die vorher vermisst wurde

Bislang zählte der HCE zum soliden Bundesligamittelfeld, weckte aber immer wieder mit starken Leistungen vor allem im Umfeld das Verlangen nach mehr. In der vergangenen Saison gelang mit dem Erreichen des Pokal-Final-Fours der größte Erfolg der Vereinsgeschichte - eine neue Stufe war betreten. Neu ist auch die Konstanz im Spiel der Erlanger. Ausreißer nach oben gab es schon immer, ebenso regelmäßig aber fiel das Team in ein Loch. Das ist nun anders, wie Alonso erklärt, die unglückliche 28:29-Niederlage bei Hannover-Burgdorf beispielsweise habe keinerlei Wirkung hinterlassen. Gegen die starken Hamburger zeigte sich der HCE gefestigt, führte schnell und deutlich (9:3), lag zur Pause nur noch knapp vorne (13:15) und kam beim 24:24 kurzzeitig in Bedrängnis. Aber das Team kann in brenzligen Situationen zulegen, auch weil Alonso einen mittlerweile ausgeglichen und stark besetzten Kader hat. Während die Hamburger Gäste vor allem über eine starke erste Formation verfügen, mit den dänischen Nationalspielern Casper Mortensen und Jacob Lassen, dem niederländischen Auswahlakteur Dani Baijens und Weltmeister-Urgestein Jogi Bitter im Tor, kann Alonso viel rotieren, ohne einen Bruch im Spiel befürchten zu müssen. Er hat viele Optionen, das macht das Spiel der Erlanger schwer auszurechnen. Gegen Hamburg waren es Lutz Heiny und Johannes Sellin, die sich in den Vordergrund spielten, gegen Hannover waren beide noch unauffällig.

Handball-Bundesliga: "Wir haben eine Welle erwischt": Kreisläufer Sebastian Firnhaber trifft gegen Ex-Weltmeister Jogi Bitter.

"Wir haben eine Welle erwischt": Kreisläufer Sebastian Firnhaber trifft gegen Ex-Weltmeister Jogi Bitter.

(Foto: Daniel Marr/Sportfoto Zink/Imago)

"Die Qualität war immer da", sagt Alonso. Tim Zechel und Christoph Steinert sind aktuelle deutsche Nationalspieler, Torhüter Klemen Ferlin ist Rückhalt der Slowenen, Johannes Firnhaber und Antonio Metzner zählen zum erweiterten Kreis der DHB-Auswahl, Steffen Fäth war Europameister und Simon Jeppsson und Hampus Olsson sind schwedische Auswahlspieler. Nun aber scheint sich die intensive Arbeit des Spaniers, der Mitte der vergangenen Saison den glücklosen Michael Haaß abgelöst hat, auszuzahlen. "Wir ackern seit Monaten im Training", sagt Sellin, die Konstanz wird größer. "Vergangene Saison sind die Leistungen immer mal wieder abgeflacht", nun aber mache sich die harte Arbeit bezahlt. Kapitän Sebastian Firnhaber betont "ein super Teamgefüge. Wir haben 16 Mann im Kader, die in jedem Training Vollgas geben. Jeder ist mit seiner Rolle zufrieden, auch wenn er mal auf der Bank sitzt. Ich habe schon vergangene Saison gesagt, dass wir eine Welle erwischen müssen, das ist jetzt der Fall."

Und man sei längst nicht am Limit, ergänzt Sellin: "Unsere Trainingsleistungen sind viel besser als die im Spiel, wir haben noch kein perfektes Spiel gezeigt. Darauf können wir uns noch freuen." Gelegenheiten dazu gibt es demnächst in kurzer Reihenfolge: Am Samstag spielt der HCE in Flensburg, dann gastieren die Rhein-Neckar Löwen (Mittwoch) und der THW Kiel (Samstag).

Der Trainer erwähnt an dieser Stelle eine gewisse Demut: "Wir wissen diese Momentaufnahme schon richtig einzuordnen", sagt Alonso, dennoch sei es auch legitim, "dass wir stolz sind auf das, was wir geschafft haben". Alonso spürt eine Gier bei den Spielern, besser zu werden, zu gewinnen, nie zufrieden zu sein. Das ist genau das, was er ihnen "implementieren will", wie Alonso sagt: "Das ist die DNA, die uns ausmacht, darum geht es."

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