Handball-Bundesliga:Stabil wie nie zuvor

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Handball-Bundesliga: Christopher Bissel (li.) war in Minden überragender Torschütze, das Erlanger Eigengewächs steuerte neun Treffer zum Auswärtssieg bei.

Christopher Bissel (li.) war in Minden überragender Torschütze, das Erlanger Eigengewächs steuerte neun Treffer zum Auswärtssieg bei.

(Foto: Jan Strohdiek/Eibner/Imago)

Mit dem deutlichen 32:25-Sieg bei Angstgegner Minden bestätigt der HC Erlangen seine starken Saisonleistungen und steht als Tabellenvierter gut wie nie da.

Von Ralf Tögel

Was für ein Anblick. Auch wenn es ein flüchtiger war, so dürfte manch einer im Lager des HC Erlangen überlegt haben, ob er sich dieses Bild nicht gerahmt an der Wand verewigt. Auf dem dritten Tabellenplatz der Handball-Bundesliga standen die Mittelfranken nie zuvor, vor dem großen THW Kiel, vor Meister SC Magdeburg, vor der SG Flensburg-Handewitt - von Mannschaften wie Melsungen, Lemgo, Wetzlar, oder Hannover-Burgdorf erst gar nicht zu reden. Klar, am späten Sonntagnachmittag war der THW nach einem 32:29-Sieg gegen die Rhein-Neckar Löwen wieder am HCE vorbei an die Tabellenspitze gestürmt, doch auch über Rang vier mit grandiosen 13:3 Punkten dürften sich die Erlanger nicht grämen.

Einen derartigen Saisonstart hatte den Mittelfranken wohl niemand zugetraut. Zwar wurde diesen in jüngerer Vergangenheit oft das Potenzial hierfür zugesprochen, über das solide Mittelfeld ist der einzige bayerische Erstligist bisher aber noch nie hinausgekommen. Allerdings setzte die Mannschaft in der vergangenen Saison das erste dicke Ausrufezeichen, als Erlangen in das Pokal-Final-Four stürmte, wo indes im Halbfinale gegen Meister Magdeburg wenig auszurichten war. Nun also dieser Blitzstart in die aktuelle Spielzeit, der viel mit dem Trainer zu hat.

Raul Alonso hat zur Halbzeit der vergangenen Saison den populären, aber letztlich glücklosen Michael Haaß beerbt, dabei musste der Spanier, der zu diesem Zeitpunkt Sportdirektor war, erst überredet werden. Fachlich ist Alonso über jeden Zweifel erhaben, zuletzt hatte er den weißrussischen Champions-League-Klub Brest trainiert, aber er musste der Mannschaft erst eine neue Struktur verpassen. Der Erfolg im Pokal war der erste Fingerzeig, nun geht die Mannschaft den nächsten Schritt.

Der HC Erlangen setzte schon immer auf Kontinuität, das macht sich aktuell bezahlt

Dabei macht sich die Kontinuität, die den Verantwortlichen in den vergangenen Jahren stets wichtig war, immer deutlicher bemerkbar. Der Kader nämlich blieb zusammen, lediglich der norwegische Nationalkreisläufer Petter Overby konnte nicht gehalten werden und schloss sich Pokalsieger Kiel an. Im Schweden Bertram Obling kam ein international erfahrener Torhüter, der mit Sloweniens Schlussmann Klemen Ferlin ein hochkarätiges Duo bildet. Der Schweizer Nationalspieler Manuel Zehnder wurde mit einem langfristigen Kontrakt ausgestattet und ist eine Investition in die Zukunft.

Kreisläufer Tim Zechel hat sich in Erlangen zum Nationalspieler entwickelt, was auch für Christoph Steinert gilt, der bei vergangenen der EM im Januar glänzte. Aber nicht nur die aktuellen Auswahlspieler agieren auf hohem Niveau, Kreisläufer Sebastian Firnhaber und Rückraumspieler Antonio Metzner zählen zum erweiterten Kreis von Bundestrainer Alfred Gislason. Was im Übrigen für Erlangens besten Torschützen Simon Jeppsson und Rechtsaußen Hampus Olsson für den schwedischen Kader gilt. Die 2016-Europameister Johannes Sellin und Steffen Fäth, die sich in der Vergangenheit oft mit Verletzungen plagten, sind gesund, Spielmacher Nico Büdel profitiert vom Vertrauen, dass ihm Trainer Alonso entgegenbringt.

In Summe hat der Spanier einen homogenen und stark besetzten Kader, der den jährlichen gewachsenen Ansprüchen aktuell sogar weit voraus ist. Wie gefestigt das Team derzeit spielt, war beim deutlichen Sieg in Minden zu beobachten, wo die Erlanger bisher wenig zu holen hatten. Es galt die Pokalenttäuschung, als Erlangen schlecht spielte und Melsungen 30:34 unterlag, aus den Köpfen zu bekommen. Was nur in den ersten Minuten misslang, dann stabilisierte sich der HCE über eine giftige Abwehr und spielte seine Stärken aus.

Bemerkenswert war auch, dass sich die schlecht ins Spiel gestarteten Gäste (0:4) weder von der frühen roten Karte für Spielgestalters Büdel noch vom Fehlen des Goalgetters Jeppsson irritieren ließen, was bei derlei Schwächungen in der Vergangenheit oft der Fall war. So übernahm Fäth auf Mitte, Linksaußen Christopher Bissel veredelte die Konter und war mit neun Treffern bester Schütze.

Freilich muss man sehen, dass in den kommenden Wochen diverse Spitzenteams auf dem Erlanger Spielplan stehen. Auch Verletzungen können, wie in der Vergangenheit oft geschehen, das Gefüge schnell beschädigen. Gleichwohl hat eine Erlanger Mannschaft nie zuvor so stabil und gefestigt agiert - und ein so schönes Bild abgegeben.

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