Es ist gut möglich, dass bei der spielleitenden Stelle der Handball-Bundesliga (HBL) demnächst Beschwerden über Wettbewerbsverzerrung eingehen. Nun, da der Däne Simon Pytlick, 24, innerhalb der Bundesliga zu den Füchsen Berlin wechselt, ist der Vorwurf vermutlich sogar statthaft. Pytlick bei den Füchsen, in einem Rückraum mit Mathias Gidsel, 26, dem Welthandballer, den er bestens aus der dänischen Nationalmannschaft kennt: Für alle Konkurrenten in der Bundesliga oder Champions League ist das eine Zumutung.
Gerüchte über Pytlicks Lust, an der Seite seines Jugendkumpels Gidsel in Berlin zu spielen, existieren seit mehreren Monaten. Der linke Rückraumspieler hat bei der SG Flensburg-Handewitt zwar einen langfristigen Vertrag, der jedoch mit einer Ausstiegsklausel für den Sommer 2027 versehen ist. Angeblich liegt sie bei 750 000 Euro. Diese Klausel ziehen die Füchse nun, Pytlick hat in der Hauptstadt einen Kontrakt bis 2030 unterzeichnet, wie die Berliner am Montagnachmittag verkündeten. „Es ist großartig, dass sich ein Spieler wie Simon Pytlick den Füchsen Berlin angeschlossen hat“, sagte Geschäftsführer Bob Hanning stolz. Er weiß: Das Herzstück des Rückraums des erfolgreichen dänischen Nationalteams spielt künftig in Berlin.
Was Pytlick und Gidsel in einem Team gemeinsam anrichten können, ist alljährlich bei den großen Turnieren der Nationalmannschaften zu sehen. Die Dänen gewinnen fast immer, zuletzt Olympia und die Weltmeisterschaft. Pytlick spielt halblinks, Gidsel halbrechts. Wenn sie das Tempo anziehen, im Vollsprint explosionsartig in die Lücken der gegnerischen Abwehr stoßen, ist das in den meisten Fällen kaum zu verteidigen. Als würde ein Dynamitlager in die Luft gehen, und zum Löschen steht nur ein Eimer Wasser bereit.
Auch Trainer Nicolej Krickau trifft Pytlick in Berlin wieder
Hinzu kommt, dass sich Pytlick und Gidsel auf der Platte nahezu blind verstehen. Jeder weiß, wohin der andere gleich laufen wird, was enorm dabei hilft, die 40 Meter vom eigenen bis zum gegnerischen Tor im Rekordtempo zurückzulegen. Beide kennen sich seit Jugendtagen beim Klub Gudme Oure Gudbjerg, kurz GOG, wo sie von 2017 bis 2022 zusammen spielten. Dann ging Pytlick nach Flensburg, der zwei Jahre ältere Gidsel nach Berlin. Es heißt, dass Gidsel bei seiner Vertragsverlängerung im Februar sehr darauf gedrungen habe, dass der Verein alles versucht, um Pytlick ein richtig gutes Angebot zu unterbreiten.
Nun ist der Zeitpunkt da: Die Füchse benötigen Ersatz für Lasse Andersson, der den Verein im Sommer verlässt. Zudem eröffnen Spekulationen über einen neuen Ausrüstervertrag (Adidas, ab 2026) womöglich neue finanzielle Spielräume. Geholfen hat ganz sicher auch, dass in Berlin mittlerweile der Däne Nicolej Krickau als Chefcoach arbeitet. Krickau hat Gidsel und Pytlick jahrelang als Jugendspieler und Jungprofis bei GOG trainiert; das Trio feiert ab 2027 ein Wiedersehen, jetzt eben auf Weltniveau.
Und damit nicht genug, in der Branche halten sich zudem die Gerüchte, dass die Füchse auch den Franzosen Dika Mem nach Berlin holen wollen. Der 28-Jährige ist der Kapitän des FC Barcelona und genießt bei den Spaniern sehr hohes Ansehen. Er soll sich aber im September das Trainingszentrum der Berliner angesehen und sich mit Geschäftsführer Bob Hanning über die Vision des Klubs ausgetauscht haben. Hanning bestätigte das konkrete Interesse an Mem, relativierte aber: „Fakt ist, es ist gar nichts unterschrieben. Er hat viele Optionen“.
Gidsel, Pytlick und Mem in einem Rückraum – das wäre dann tatsächlich Wettbewerbsverzerrung.


