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Handball-Bundesliga:Der BVB darf nicht Meister sein

20018-BVB-Handballdamen vs HSG Blomberg-Lippe; HBF; 1.BL, Saison 2019/20;11.Spieltag; Sporthalle Wellinghofen, Im Lieber; Dortmund Handball

Dana Bleckmann (mi.) hat mit den Handballerinnen des BVB 17 von 18 Spielen gewonnen - einen Titel gibt es aber nicht

(Foto: Eibner/Imago)

Bei den Männern wird Kiel nach dem Abbruch der Saison zum Sieger erklärt - bei den Frauen ist Borussia Dortmund Tabellenführer, bekommt aber keinen Titel. Der Verein hält das für Diskriminierung.

Von Ulrich Hartmann

Acht Spieltage wären noch zu absolvieren gewesen in der Handball-Bundesliga der Männer, als deren Vorstand beschloss, die Saison abzubrechen und den Tabellenführer THW Kiel zum Meister zu erklären. Acht Spieltage wären auch in der Handball-Bundesliga der Frauen noch zu spielen gewesen, als deren Vorstand im März zunächst beschloss, die Saison abzubrechen, und dann in dieser Woche entschied, den Tabellenführer nicht zum Meister zu küren.

Als Andreas Heiermann, der Abteilungsleiter der Handballerinnen vom Tabellenführer Borussia Dortmund, dies in der Telefonkonferenz mit allen Delegierten der Frauen-Bundesliga aus dem Munde des Liga-Vorstandsvorsitzenden Andreas Thiel erfuhr, traute er seinen Ohren nicht.

"Warum?", fragte Heiermann also, und Thiel, so sagt er, habe ihm erklärt, der Vorstand der Frauen-Bundesliga sei autark und treffe eigene Entscheidungen. "Ja, aber warum?", hakte Heiermann verzweifelt nach und erinnert sich an eine Antwort von Thiel, mit der er nichts habe anfangen können: "Er sagte mir nur lapidar: Es ist wie es ist." Mit diesem Abfuhr findet sich der BVB nicht ab, via Ruhr Nachrichten teilt Präsident Reinhard Rauball seine Verärgerung mit: "Bei den Männern wird der Spitzenreiter zum Meister ausgerufen, bei den Frauen aber nicht. Das hat Anzeichen einer Diskriminierung, denn es gibt keine sportlichen Argumente für diese Entscheidung."

Die Handballerinnen von Borussia Dortmund waren noch nie deutscher Meister. Mit 17 Siegen aus 18 Spielen befanden sie sich diesmal auf einem guten Weg, doch der Wettkampf an der Spitze dauerte noch an, als im März das Coronavirus ausbrach. Und eines der acht fehlenden Spiele hätte die Dortmunder Frauen zum nur um einen Punkt schlechteren Tabellenzweiten nach Bietigheim geführt. Kiel hatte bei den Männern vier Zähler Vorsprung, Dortmund bei den Frauen nur diesen einen Punkt - das ist der Unterschied.

Heiermann kann nicht verstehen, dass deshalb bei den Männern zum Wohle des Tabellenführers entschieden wurde, bei den Frauen dagegen. "Ich bin fassungslos", sagt er, "ich habe keine Ahnung, was in den Köpfen der Männer vor sich geht, die das entschieden haben." Heiermanns Verdacht: "Die Frauen werden benachteiligt." Außerdem sei der BVB offenbar schlecht gelitten bei Thiel, denn: "Im Liga-Vorstand traut sich doch niemand, etwas gegen Thiel zu sagen."

Thiel kann die Dortmunder Aufregung nicht so ganz nachvollziehen. Früher, als er Handball-Nationaltorwart war, da nannten sie ihn den Hexer. Mittlerweile hat der 60-Jährige als Anwalt für Familienrecht in Köln eine Kanzlei und fungiert seit zwei Jahren nebenbei als Vorsitzender des Vorstands der Frauen-Bundesliga (HBF). Momentan muss er sich dafür rechtfertigen, dass die HBF keinen Meister kürt. Unter dem Strich ist es offenbar schlichtweg so, dass die fünf Männer, die darüber abgestimmt haben, ob man Dortmunds Frauen zum Meister küren solle oder nicht, sich mehrheitlich dagegen aussprachen. Die fünf Mitglieder des HBF-Vorstands abzüglich der beim Tabellenzweiten Bietigheim aktiven Spielerin Anna Loerper und zuzüglich des Spielleiters Uwe Stemberg haben votiert, und herausgekommen ist eine Mehrheit gegen die Vergabe des Titels - "nicht einstimmig", sagt Thiel, aber präziser will er es nicht sagen.

"Wir haben es für nicht angemessen gehalten, unter dieser Konstellation einen Meister zu küren; Dortmund hatte einen Punkt Vorsprung vor Bietigheim und hätte noch in Bietigheim spielen müssen. Außerdem waren wir der Auffassung, dass, wenn kein Team absteigen muss, es nur konsequent ist, dass auch niemand zum Meister gekürt wird." Dieser Beschluss sei von dem der Männer-Bundesliga unabhängig. Thiel sagt: "Wem diese Entscheidung nicht gefällt, der kann gerne sportgerichtlich dagegen vorgehen."

Das wird Heiermann voraussichtlich nicht tun. Er kann den Entscheid nicht respektieren, neigt aber trotzdem dazu, ihn irgendwie hinzunehmen und der Liga und ihrem Vorstand in der nächsten Saison "eine sportliche Antwort" zu geben: "Wir haben auch für die neue Saison einen Top-Kader zusammen und wollen den Titel holen."

Mindestens so sehr wie die Abfuhr vom Liga-Vorstand wurmt Heiermann, dass die Frauen-Bundesliga, die im internationalen Vergleich mit den starken skandinavischen und osteuropäischen Ligen ohnehin kaum mithalten kann, durch solch eine Entscheidung einen Imageverlust erleide, der es zusätzlich erschwere, Spitzenspielerinnen in die Bundesliga zu locken oder dort zu halten. Seiner niederländischen Weltmeisterin Kelly Dulfer habe er jedenfalls nicht erklären können, warum Dortmund nun nicht Meister ist. In der dritten Liga West, sagt Heiermann, sei dem TV Aldekerk sogar der Titel zugesprochen worden, obwohl er mit der zweiten Dortmunder Mannschaft punktgleich sei und nur über das bessere Torverhältnis verfüge. Bei den Männern und in allen anderen DHB-Ligen gebe es einen Meister, "nur bei uns nicht, das ist unerträglich".

Thiel sagt, diese Entscheidung sei nur "eine Marginalie" im Vergleich zu den Nöten, die durch das Coronavirus auf die Liga zukämen. Niemand wisse, wann die Mannschaften wieder regulär trainieren dürften, noch wann die nächste Saison beginne und unter welchen Umständen wieder Publikum zuschauen dürfe. "Dies sind die wahren Probleme, die wir haben." Und wirklich nur unter diesem Aspekt sind sich der Liga-Vorstand und der BVB-Abteilungsleiter sogar einig: Es kommen schwierige Zeiten zu auf die Bundesliga der Frauen. Heiermann findet allerdings, dass die Verweigerung des Titels alles noch viel schlimmer macht. "Das schadet unserem Sport, dabei müssten wir die Frauen-Bundesliga doch eigentlich attraktiver machen."

© SZ vom 23.04.2020/schm
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