Handball:Angst in den Augen

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Handball: Komm in meine Arme: Johannes Sellin, der gerade den entscheidenden Siebenmeter verworfen hat, wird von Petter Overby (re.) und Max Jaeger (li.) getröstet. Im Hintergrund stürmen die Hamburger Spieler zu ihrem Torhüter Johannes Bitter.

Komm in meine Arme: Johannes Sellin, der gerade den entscheidenden Siebenmeter verworfen hat, wird von Petter Overby (re.) und Max Jaeger (li.) getröstet. Im Hintergrund stürmen die Hamburger Spieler zu ihrem Torhüter Johannes Bitter.

(Foto: Andreas Hannig/Lobeca/Imago)

Der HC Erlangen verpasst beim HSV Hamburg die Chance, sich der oberen Tabellenhälfte weiter zu nähern. So setzt sich die Achterbahn-Saison fort: Starken Auftritten folgen regelmäßig unerklärliche Fehlleistungen.

Von Ralf Tögel

Wenn sich Johannes Bitter vor einem Werfer aufbaut, dann schrumpft das Tor auf Hundehüttengröße. Viele Tophandballer haben diese Erfahrung gemacht, zuletzt bei der Handball-Europameisterschaft in Ungarn und der Slowakei. Der 39-jährige Torhüter wurde nachnominiert und entnervte im letzten Vorrundenspiel die polnischen Werfer. Am Donnerstagabend musste Johannes Sellin dieses Gefühl kennenlernen, als er zum entscheidenden Siebenmeter in der Bundesliga-Partie seiner Erlanger beim HSV Hamburg antrat. Bitter machten seinen 2,05-Meter-Körper noch größer, als er ohnehin ist, indem er ein paar Schritte aus seinem Tor herauskam. Mit Erfolg, mit seinem linken Oberarm parierte er den nicht schlecht geworfenen Siebenmeter von Sellin, Hamburg gewann das Bundesligaspiel gegen die Mittelfranken mit 30:29 Toren.

Es waren die ersten Punkte der Hanseaten in diesem Jahr, die somit die Gäste überholt haben und nun mit 18:26 Punkten auf dem elften Platz rangieren. Den hatte zuvor der HC Erlangen besetzt, er fiel auf Platz 13 zurück und verpasste die große Chance, sich der oberen Tabellenhälfte weiter zu nähern. Für den HCE ist es eine Spielzeit wie eine Achterbahnfahrt, eine Saison der verpassten Möglichkeiten, die Trainer Michael Haaß zu Jahresbeginn das Amt gekostet hat. Starken Auftritten folgen in unschöner Regelmäßigkeit unerklärliche Fehlleistungen, befeuert natürlich durch viele Verletzungen und coronabedingte Ausnahmesituationen. Ungemach, mit dem allerdings auch die Konkurrenz zurechtzukommen hat.

In Hamburg musste Haaß-Nachfolger Raul Alonso einmal mehr Steffen Fäth verzichten, der sich schon die gesamte Saison mit diversen Blessuren herumplagt. In Christoph Steinert fehlt ein wichtiger Torschütze, der im Übrigen in der erwähnten Partie der deutschen Auswahl gegen Polen an der Seite von Bitter mit neun Treffern bester Torschütze war. Linksaußen Christopher Bissel fehlte ebenfalls, er legt gerade sein erstes Staatsexamen in Jura ab.

"Das hat schon an uns gelegen": Erlangens Spielmacher Nico Büdel sucht erst gar keine Ausreden

Für Spielmacher Nico Büdel war die Niederlage dennoch hausgemacht: "Wir sind gut reingekommen und haben sehr konzentriert gespielt, dann haben wir Hamburg mit ein paar Unkonzentriertheiten stark gemacht und zurück ins Spiel geholt." In der Tat waren die Erlanger sehr souverän gestartet, die Abwehr stand sicher, im Angriff wurde überlegt kombiniert und sicher abgeschlossen - 15 Minuten lang. Der HCE führte 7:3 und schien das Geschehen zu kontrollieren, ließ sich aber durch ein paar Aussetzer völlig aus dem Konzept bringen. Auffallend war auch, dass sich selbst die stark agierenden Simon Jeppsson, mit acht Toren und sieben Vorlagen bester Spieler auf dem Parkett, und Antonio Metzner (sieben Treffer) mit Fehlpässen oder Fehlversuchen in die Erlanger Fehlerkette einreihten.

Die erste Spielhälfte wurde so zum Spiegelbild der bisherigen Saison, urplötzlich und ohne nachvollziehbaren Grund griff eine kollektive Verunsicherung um sich. Alonso nahm eine Auszeit (20. Minute), um die Spieler lautstark daran zu erinnern, dass sie die Grundtugenden vernachlässigten: "Die machen nichts anderes, aber wir rennen nicht mehr." Nur drei Minuten später rief er erneut zur Seitenlinie, jetzt klang sein Appell schon dramatischer: "Ich sehe Angst in euren Augen." Zu diesem Zeitpunkt hatte Hamburg das Spiel mit einem 6:0-Lauf bereits gedreht. Immerhin konnten Sellin und Sebastian Firnhaber den Halbzeitrückstand mit 13:15 in Grenzen halten.

Nach dem Wechsel war es "ein Spiel auf Augenhöhe", analysierte Büdel, der sich immer wieder in die Zweikämpfe warf, einiges einsteckte und eine gute Leistung mit vier Treffern bot. Und Erlangen kam problemlos zurück und glich aus, fortan wechselte die Führung hin und her, bis der HCE zweieinhalb Minuten vor dem Ende 29:28 vorne lag. Bei 29:29 schritt Sellin zum Siebenmeterpunkt - und vergab. Im Gegenzug machte es Hamburgs Topspieler Casper Mortensen, mit Dänemark Weltmeister und Olympiasieger und vor der Saison vom FC Barcelona an die Spree zurückgekehrt, mit seinem Strafwurf besser, Sellin wurde zur tragischen Figur.

An ihm ist die Niederlage aber keinesfalls festzumachen, das fand auch Büdel, der auch den Ausfall von Jeppson zehn Minuten vor dem Ende nicht als Ausrede bemühen wollte: "Klar ist er ein Topspieler und hat gefehlt, aber wir hatten es in der eigenen Hand, wir müssen nur unsere Chancen reinmachen. Das hat schon an uns gelegen." Darüber müsse man sich "Gedanken machen". Durch die Länderspielpause haben die Erlanger nun knapp zwei Wochen Zeit dafür, ehe Göppingen am 24. März in der Nürnberger Arena gastiert.

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