Handball Acht Busse nach Bietigheim

Kein Geld, kaum Ersatz, wenig Erfahrung: Der Niedergang des VfL Gummersbach hat die üblichen Ursachen - nun kommt es zum Endspiel um den Bundesliga-Verbleib. Immerhin: Die Anhänger bleiben noch treu.

Von Joachim Mölter

Den Vergleich mit dem Hamburger SV hat Christoph Schindler zuletzt täglich gehört, er erzählt das mit einem Seufzer. Und auch wenn der Geschäftsführer des Handballklubs VfL Gummersbach sich nicht anmaßt, selbst Parallelen zu den traditionsreichen Fußballern zu ziehen, so folgert er daraus zumindest: "Die Fälle scheinen sich zu ähneln."

Das tun sie in der Tat. Der HSV stieg vor einem Jahr als letztes Gründungsmitglied aus der Fußball-Bundesliga ab, nach 54 Jahren ununterbrochener Zugehörigkeit. Vorangegangen war ein schleichender Niedergang, ein jahrelanger Kampf um den Verbleib in der höchsten Spielklasse, den Hamburg zweimal erst in dramatischen Relegationsspielen geschafft hatte.

Auch der VfL Gummersbach ist ein letztes verbliebenes Gründungsmitglied, in allen 53 Jahren seit Bestehen der Handball-Bundesliga war er dabei. "Heimat des Handballs" nennt sich der Klub aus der 54000-Einwohner-Stadt im Oberbergischen Kreis, Regierungsbezirk Köln. Zu seiner großen Zeit, zwischen 1966 und 1991, war der VfL die beste Mannschaft der Welt, zwölfmal deutscher Meister, fünfmal Europapokalgewinner der Landesmeister. Aber nun stemmen sich auch die Gummersbacher gegen den Abstieg, mittlerweile im dritten Jahr nacheinander.

Schwarz-Weiß-Bild aus goldenen Zeiten: Gummersbachs Klubikonen Erhard Wunderlich (li.) und Heiner Brand beim Europapokalsieg 1983.

(Foto: Sven simon / Imago)

2017 blieben sie nur dank des besseren Torverhältnisses erstklassig, 2018 retteten sie sich am vorletzten Spieltag, in dieser Saison wird's noch dramatischer. Am Sonntag, dem letzten Spieltag, kommt es zum direkten Duell um den Klassenverbleib, der Tabellen-16. Gummersbach muss zum 17., zur SG BBM Bietigheim. Beide haben 13:53 Punkte, der VfL hat die bessere Tordifferenz, minus 154 im Vergleich zu minus 174. Ein Unentschieden reicht Gummersbach aber nicht unbedingt: Falls der Tabellenletzte Ludwigshafen (12:54) gleichzeitig daheim gegen Minden gewinnt, zöge er aufgrund des besten Torverhältnisses noch an beiden Rivalen vorbei.

"Es ist Wahnsinn, was in dieser Woche passiert", sagt der VfL-Manager Schindler, und er meint dabei nicht mal das Entscheidungsspiel selbst, sondern die Aufbruchstimmung in Gummersbach. Sparkasse, Stadtwerke, örtliche Betriebe haben eine Fanfahrt gesponsert mitsamt Eintrittskarten. 450 Anhänger werden in acht Reisebussen zur Unterstützung nach Bietigheim gekarrt, Schindler sieht das als gutes Zeichen, dass das Interesse am Bundesliga-Handball in der Stadt ungebrochen groß ist. "Man darf ja nicht vergessen, dass die Enttäuschung nach dieser Saison auch riesig ist", sagt er.

Heiner Brand.

(Foto: Srdjan Suki/dpa)

Einer, der in Bietigheim nicht dabei sein wird, ist Heiner Brand, die Vereinsikone schlechthin. Geboren in Gummersbach und immer dort geblieben, als Spieler und als Trainer Meister gewesen mit dem VfL, obendrein als Spieler und Trainer Weltmeister mit der Nationalmannschaft. Der 66-Jährige ist am Sonntag in Düsseldorf für den Bezahlsender Sky als Experte im Einsatz, bei der Partie des Bergischen HC gegen die SG Flensburg - in der fällt die Entscheidung über die Meisterschaft. "Das kommt mir ganz gelegen", brummt Brand in seinem bekannten Bass. Er hat zuletzt gar nicht mehr hinschauen können, wenn sein VfL gespielt hat. "Die Entwicklung hat mir schon in den letzten drei, vier Jahren widerstrebt", sagt er.

Vor drei Jahren stellte der VfL Gummersbach noch drei Europameister, die Rückraumspieler Simon Ernst und Julius Kühn sowie den Torhüter Carsten Lichtlein. "Wir konnten die Leute nicht halten, da spielt die wirtschaftliche Situation sicher mit", sagt Lichtlein. Der Kader ist merklich ausgedünnt, es fehlen erfahrene Profis, jede Verletzung wirkt sich gravierend aus. Kühn ist längst zur MT Melsungen gegangen, Ernst zu den Füchsen Berlin gewechselt, auch der 38 Jahre alte Lichtlein wird in der Bundesliga bleiben, er hat für die nächsten zwei Jahre beim HC Erlangen unterschrieben. In Gummersbach hatte er nach sechs Jahren kein neues Angebot mehr bekommen.

Christoph Schindler.

(Foto: Christof Koepsel/Getty Images)

"Wir haben in dieser Saison eine halbe Million Euro am Kader gespart im Vergleich zum Vorjahr", erklärt Geschäftsführer Schindler, "da muss man wissen, dass man Gefahr laufen kann, da zu stehen, wo wir jetzt stehen. Aber das ist der Weg für die nächsten Jahre." Der 35-Jährige erzählt von "Altlasten aus verschiedenen Perioden", davon, dass man "eine Zeit lang nicht versucht hat, die Schulden abzubauen, sondern immer so weitergemacht hat".

Schindler kennt die jüngere Gummersbacher Geschichte aus eigener Erfahrung, er war Profi beim VfL, zuletzt Kapitän; vor zwei Jahren wechselte er auf den Posten des Sportdirektors, vor dieser Saison wurde er zum Geschäftsführer befördert. Bei den letzten Europacup-Erfolgen im Pokalsieger-Wettbewerb habe sich der VfL im Grunde gar kein international taugliches Team mehr leisten können, erinnert er sich an die Jahre um 2010: "Es war ja bekannt, dass es permanent Gehaltsrückstände gab." 2011 vermied der VfL die Lizenzverweigerung nur, indem er eine Liquiditätslücke in Höhe von 2,2 Millionen im letzten Moment irgendwie schloss. "Wir wollen nicht noch einmal in so eine Situation kommen", sagt Schindler und verspricht: "Wir werden den Verein konsolidieren, ohne Rücksicht auf Verluste."

Auch wenn zu diesen Verlusten die Bundesliga-Zugehörigkeit zählen sollte? "Ohne wirtschaftliche Konsolidierung wird es den Klub sowieso nicht mehr geben", sagt Schindler lapidar. Zuletzt hat er sich darum gekümmert, für alle Notfälle die Lizenz für die zweite Liga zu sichern. Auch Heiner Brand sieht die Lage inzwischen sehr fatalistisch: "Der Handball in Deutschland wird auch weitergehen, wenn Gummersbach nicht mehr in der ersten Liga spielen sollte. Aber es ist schon eine gewaltige Umwälzung." Ein Abstieg, so Brand, müsse aber auch "kein Abschied auf ewig" sein. In der Imagebroschüre, mit welcher der VfL um neue Sponsoren wirbt, versichert der Klub: "Die Legende lebt." Sie liegt allerdings gerade auf der Intensivstation, und der Krankenpfleger Christoph Schindler müht sich nach Kräften, sie wenigstens für eine Reha fit zu kriegen.