Handball:"Eine absolut sensationelle Saison"

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Mit Wucht im oberen Tabellendrittel: Rückraumschützin Marleen Kadenbach wird Regensburg in Richtung Hamburg verlassen. (Foto: Michael Schmidt/Eibner/Imago)

Die Handballerinnen des ESV Regensburg schaffen zum dritten Mal in Serie souverän den Zweitligaverbleib - und stehen vor dem nächsten großen Umbruch.

Von Stefan Galler

Auch solche Tage kommen vor: Beim Spitzenspiel kürzlich gegen den HC Leipzig lief es gar nicht für die Regensburger Handballerinnen. Schon im ersten Durchgang verlor der ESV in fremder Halle den Faden, zur Pause lag er mit sieben Treffern hinten und am Schluss stand eine 25:33-Niederlage zu Buche. Trainer Bernhard Goldbach beklagte Undiszipliniertheiten und der Sportliche Leiter Robert Torunsky fand, dass "gleich mehrere Leistungsträgerinnen nicht ihre Normalform erreicht" hätten. Das sei nicht zu kompensieren gewesen.

Doch richtig sauer waren die Chefs nicht auf ihr Team. Nur zwei Wochen zuvor hatte es beispielsweise einen 22:17-Erfolg beim Tabellenzweiten HC Rödertal geschafft - den zweiten in dieser Saison gegen den Spitzenklub. Insgesamt haben die Regensburgerinnen die aktuelle Spielzeit souverän absolviert, wie in den beiden Jahren davor gelang es ihnen, sich aus dem Abstiegskampf völlig herauszuhalten. Ein Spiel vor Saisonende liegen die Oberpfälzerinnen auf dem fünften Tabellenplatz der eingleisigen zweiten Bundesliga, im schlechtesten Fall beendet der ESV 1927 die Spielzeit auf Rang sieben.

Sportchef Torunsky bezeichnet sein Team als "Voll-Amateure" und versteht das als Kompliment

Das ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Erstens handelt es sich bei den "Bunkerladies", die ihren Namen von der außergewöhnlichen Atmosphäre in ihrer Halle an der Dechbettener Brücke haben, um "Voll-Amateure", wie Robert Torunsky betont. Er versteht dieses Attribut als Kompliment, denn die Regensburgerinnen werden nicht bezahlt, was angesichts des Aufwands, der in dieser Liga betrieben werden muss, beinahe absurd erscheint. "Wenn wir zum Beispiel beim TSV Nord Harrislee in der Nähe von Flensburg spielen, sind wir 38 Stunden unterwegs für 60 Minuten Handball", sagt der Sportliche Leiter.

Und dann wäre auch noch zu erwähnen, dass es vor der Saison einen viel beachteten Trainerwechsel gegeben hatte: Csaba Szücs, ehemaliger tschechoslowakischer und slowakischer Nationalspieler, hatte die Mannschaft 2021 in die Zweitklassigkeit geführt und zweimal souverän in der Liga gehalten. Doch das Team rebellierte im Frühjahr 2o23 gegen das aus seiner Sicht monotone Training. Und es steht jener Vorwurf im Raum, den zuletzt Uli Hoeneß in ganz ähnlicher Form gegenüber Bayern-Trainer Thomas Tuchel ausgesprochen hatte: "Er arbeitet gut mit fertigen Spielerinnen, Talente zu entwickeln, ist nicht so sein Ding", sagt Torunsky über Szücs, der nur wenig Verständnis für die Argumentation der Verantwortlichen hatte und sich auf seine erfolgreiche Arbeit berief.

Neuer Einpeitscher an der Seitenlinie: Cheftrainer Bernhard Goldbach ist Nachfolger von Csaba Szücs und hat früher die ESV-Männer gecoacht. (Foto: Jan Kaefer/Beautiful Sports/Imago)

Als Nachfolger verständigten sich Klubleitung und Mannschaft auf den bisherigen Co-Trainer Bernhard Goldbach, 41. Er ist gebürtiger Regensburger und war lange Spieler und Männercoach beim ESV. Goldbach hatte schon 2020 als Interimstrainer sportlich den Aufstieg geschafft, damals verzichteten die Regensburgerinnen - auch wegen der Corona-Pandemie.

"Er war keine Notlösung, sondern eine bewusste Entscheidung", sagt Torunsky und gerät mit Blick auf die erste volle Spielzeit unter Goldbach ins Schwärmen: "Das ist wirklich eine absolut sensationelle Saison, alleine wenn man sich anschaut, welch heftige Verletzungsprobleme wir hatten." Neben namhaften Weggängen zog sich noch vor dem Saisonstart Nicole Schiegerl einen Kreuzbandriss zu, zudem gab Anika Neuer, die Frau des Bayern-Torwarts, ihre Schwangerschaft und den damit verbundenen Ausfall für die gesamte Saison bekannt.

Eingeschworener Haufen: Der Teamgeist der Bunkerladies ist berühmt. Hier feiern Carina Vetter, Annalena Kessler, Stephanie Lukau und Sophia Peter (v.li.) miteinander. (Foto: Johann Medvey/Eibner/Imago)

Weil sich auch im weiteren Saisonverlauf immer wieder Leistungsträgerinnen wie Franziska Peter (Muskelbündelriss), ihre Schwester Sophie (Knie), Marleen Kadenbach (Rücken) oder auch beide Torhüterinnen, Stephanie Lukau (Ellbogen) und Joelle Arno (Bänderriss) verletzten, war man beim ESV "zum Improvisieren gezwungen", wie Sportchef Torunsky sagt. Und so wurden Mädchen aus dem Junior-Team einbezogen, die sich allesamt überraschend schnell an die zweite Liga gewöhnten. Allen voran Rechtsaußen Annalena Kessler, 21: "Obwohl sie auf diesem Niveau komplett unerfahren ist, hat sie eine Riesenrunde gespielt und um die 75 Tore erzielt", bilanziert Torunsky.

Seine "homogene Studententruppe", die der Sportliche Leiter gerne mal als "Deutschlands geilste Amateurmannschaft" bezeichnet und die seiner Ansicht nach vom Teamgeist lebt, nahm also wieder die halbe Liga auseinander, obwohl die meisten Konkurrenten einen deutlich höheren Etat und zwei Drittel des Teilnehmerfeldes einen hauptamtlichen Trainer aufwiesen. Nachdem der HCD Gröbenzell als abgeschlagener Tabellenletzter in die Drittklassigkeit absteigt, ist Regensburg künftig Bayerns einziger Frauen-Bundesligist. Und steht vor der neuen Saison abermals vor einem Umbruch, schließlich beendet die eine oder andere Spielerin ihr Studium.

So zieht es Marleen Kadenbach in ihre Heimat Hamburg zurück, Torfrau Lukau, die eine Beziehung in Frankreich hat, legt eine Pause ein. Dafür möchte Linksaußen Anika Neuer nach der Geburt ihres Kindes im März wieder voll angreifen, nachdem sie 2022/23 zu den wichtigsten Spielerinnen gezählt hatte. "Sie ist mit knapp 24 zu jung zum Aufhören, außerdem vermisst sie die Handballfamilie", sagt Torunsky über die frühere Erlangerin.

Bald zurück aus der Babypause: Anika Neuer, Ehefrau des Bayern-Torwarts, will zur neuen Saison wieder auf ihre Position als Linksaußen beim ESV zurückkehren. (Foto: Ulrich Scherba/Eibner/Imago)

Er wird sich mit Trainer Goldbach und Abteilungsleiter Dieter Müller wieder auf die Suche nach talentierten jungen Handballerinnen machen - und diese vor allem mit der Aussicht auf ein "cooles Team" und eine "geile Stadt" locken. "Es gibt nur einen kleinen Pool Spielerinnen, die dazu bereit sind, für ein kleines Taschengeld diesen Aufwand zu betreiben", so Torunsky. Dementsprechend würden alle Zweitligisten, die nur ein kleines Budget haben, um diese Gruppe werben.

Dass Regensburg irgendwann sogar den Sprung ins Oberhaus anpeilen könnte, sei laut dem Sportlichen Leiter illusorisch: "Dafür benötigt man einen Etat von mindestens einer halben Million und davon sind wir weit entfernt." Zudem bräuchten die "Bunkerladies" dafür eine neue Spielstätte - und das ist in Regensburg weiterhin ein Politikum: Bis 2025 entsteht zwar der multifunktionale "Sportpark Ost", doch eine nicht nur von den Handballerinnen gewünschte moderne Halle fehlt in dem 50-Millionen-Euro-Projekt. Laut Torunsky sei das "zum Weinen", doch der ESV-Handball-Macher nimmt es sportlich: "Es heißt halt wieder mal: us against everybody."

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