Leichtathlet Merlin HummelDeutschland kann wieder Hammerwerfen

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Der Weg des Hammers: Bei der EM in Rom vor einem Jahr gelang Merlin Hummel ein U23-Rekord.
Der Weg des Hammers: Bei der EM in Rom vor einem Jahr gelang Merlin Hummel ein U23-Rekord. Axel Kohring/Beautiful Sports/Imago

Merlin Hummel, 23, aus Kulmbach hat sich auf Rang drei der Welt katapultiert – in einer Disziplin, in der zuletzt jahrelang deutsche Flaute herrschte. Für sein Training nutzt er künstliche Intelligenz.

Von Saskia Aleythe

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Oft liegt das Geheimnis im Loslassen. Sich nicht festzuklammern an starren Gedanken oder Mustern, und was dabei herauskommen kann, entdeckt gerade Merlin Hummel. Seinen Sport, das Hammerwerfen, betreibt der 23-Jährige den größten Teil seines Lebens, doch dieses Jahr kam ein Aha-Erlebnis dazu. Statt dem Hammer seinen Willen aufzudrücken und ihn mit viel Kraft auf die Bahn zu dreschen, ist sein Weg nun ein anderer. „So ein Sieben-Kilo-Gerät sucht sich bei 100 Kilometern pro Stunde Abwurfgeschwindigkeit seinen eigenen Weg“, sagt er, „und dann habe ich irgendwann realisiert, vielleicht ist es besser, ich gehe diesen Weg mit.“

Eins werden mit dem Hammer, das ist jetzt sein Credo, also steht er morgens auf dem Trainingsplatz in Kulmbach in Bayern und spürt, wie der Hammer auf ihn reagiert. „Nicht ich gebe was vor, sondern ich gehe mit dem Gerät mit, das hat etwas Meditatives für mich.“ Das gelingt Hummel so gut, dass sich feststellen lässt: Deutschland kann wieder Hammerwerfen.

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18 Jahre mussten vergehen, bis ein Deutscher in dieser Disziplin wieder über 80 Meter wirft: Zum letzten Mal war das 2007 Markus Esser gelungen, in diesem Mai dann Merlin Hummel. Und mittlerweile weiß er sogar: Da geht noch mehr. Anfang Juni in Fränkisch-Crumbach flog das Gerät auf 81,23 Meter, aktuell ist er die Nummer drei in der Welt. Im deutschen Hammerwerfen war lange Zeit „tote Hose“, sagt Hummel, „ich bin stolz, da wieder ein bisschen Leben reinzubringen“. Was ihm vor allem gelingt, weil er weiß: Ein guter Hammerwerfer braucht viel mehr als Muskelkraft.

Sein Weg nach oben hat sich über die vergangenen Jahre schon angedeutet, aber es gab auch Rückschläge, nach denen Hummel seine eigene Route in die Weltspitze entworfen hat. Bei der Europameisterschaft im vergangenen Jahr in Rom wurde er mit U23-Rekord auf 79,25 Meter beachtlicher Vierter – erstmals seit zwölf Jahren hatte der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) überhaupt wieder eigene Athleten bei einer EM am Start, mit Hummel auch Sören Klose. Und dieser vierte Platz weckte bei Hummel Begehrlichkeiten für Olympia in Paris, doch dort blieb er drei Meter unter seiner damaligen Bestweite, wurde nur Zehnter. „Da habe ich mir gedacht, das kann es nicht sein, dass ich diese Leistung da nicht liefere“, sagt er. Aber: „Die Verzweiflung, die ich da hatte, hat sich dieses Jahr ausgezahlt.“ Weil er noch mal intensiver an der Technik arbeitete und daran, den Rumpf zu kräftigen, der beim Hammerwerfen so stark beansprucht wird.

Hummels Voraussetzungen sind nicht mal ideal – im Prinzip fehlt ihm ein Wirbel

Dabei hat Merlin Hummel genetisch nicht mal die besten Voraussetzungen für einen Top-Hammerwerfer: Bei der Weltmeisterschaft in Budapest vor zwei Jahren bekam er keinen gültigen Versuch hin, er kämpfte mit Rückenschmerzen und war ratlos. Bei einer späteren Untersuchung wurde eine  Bandscheibenvorwölbung diagnostiziert, und dass ihm im Grunde ein Lendenwirbel fehlt. Der fünfte Lendenwirbel ist mit dem Kreuzbein verwachsen, das verstärkt die Belastung für die restlichen vier und verursacht mitunter Schmerzen. Die Diagnose war zunächst ein Schock und eine Belastung für Hummel, auch psychisch: „Ich wusste nicht, ob ich nächstes Jahr noch so performen kann oder ob ich mich in zehn Jahren überhaupt noch halbwegs bewegen kann. Da stellt man sich schon viele Fragen“, erzählt er. Ein Schlüsselerlebnis, das er zu seinen Gunsten nutzte, auch mithilfe seiner Mutter, die als Mentaltrainerin arbeitet. „Ich habe mir mit ihr schon früh ein paar Mentaltechniken angeeignet, wie ich aus jeder Situation am meisten mitnehmen kann“, sagt Hummel.

Und so arbeitete er gezielt daran, den Rumpf zu stärken und trotzdem beweglich zu halten, legte noch mehr Wert darauf, in allen möglichen Bereichen voranzukommen. An den Details zu tüfteln, gehört zu seiner Überzeugung: Wer wirklich in der Weltspitze bestehen will, muss ein komplexer Athlet sein. Ein Weg, den ihm sein Jugendtrainer Martin Ständner geebnet hat.

Seit dieser Saison tritt Hummel für die LG Stadtwerke München an, aber seine Trainingsheimat liegt in Kulmbach. Seit 13 Jahren ist er dort mit Ständner ein Team. Hummel ist ihm dankbar, dass er behutsam aufgebaut wurde. „Im Jugendalter hätten wir noch viel mehr die Kraftwerte hochschießen lassen können, aber er hat mir die richtigen Werkzeuge an die Hand gegeben, dass ich selber über alle Sachen nachdenken kann“, sagt er. Dazu gehört auch Athletik und die richtige Ernährung. „Wenn man sich den typischen Hammerwerfer vorstellt, hat man immer eine etwas dickere Person im Kopf. So würde ich mich jetzt nicht beschreiben“, sagt Hummel. Er hat Gefallen daran gefunden, zu spüren, wie gute Nährwerte die Leistung beeinflussen, auch wenn das bedeutet, einen gesunden Speiseplan strikt zu befolgen.

Wie weit Merlin Hummels Forschergeist geht, zeigt sich auch an anderer Stelle: Er hat mithilfe von künstlicher Intelligenz eine App entwickelt, die ihm hilft, seine Würfe zu analysieren. Sein Fernstudium im Fach „angewandte KI“ hat ihm dabei geholfen. Praktischer kann man es als Hammerwerfer wohl kaum anwenden. „Das macht mir sehr viel Spaß. Und in die Richtung würde ich auch gerne nach der sportlichen Karriere gehen“, sagt er.

Doch bis dahin sollen möglichst noch viele Jahre vergehen. Bei der ab Freitag stattfindenden Team-EM in Madrid ist Hummel für Deutschland wieder am Start, und natürlich hofft er auf den nächsten „geilen Wettkampf“. Wohin seine Reise ihn mal führen wird? Auf seiner Frühstückstasse – ein Geschenk seiner Mutter – steht die Zahl 85. „Man braucht ein neues Ziel. Langfristig arbeite ich mich da ran“, sagt er. Immer im Einklang mit dem Hammer.

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