Hamit Altintop im Gespräch:Hamit Altintop über das Spiel gegen Deutschland

Lesezeit: 6 min

SZ: Haben Sie mal versucht, ihn zu beeinflussen?

Altintop: Ich habe mit ihm gesprochen, das schon. Ich habe ihm gesagt: Pass auf, die Türkei will dich unbedingt haben, die wollen, dass du für dein Land spielst. Aber ich habe nicht ein einziges Mal gesagt: Du sollst! Das könnte ich gar nicht verantworten: Stellen Sie sich vor, er kommt bei uns aus irgendwelchen Gründen nicht zurecht, dann wird er natürlich sagen: Der Hamit, der Depp, hat mich überredet. Aber ich will ja gar niemanden überreden: Ich finde, dass es einem von vornherein klar sein muss, für wen man spielt - egal, ob man eine Einladung bekommt, egal, ob die Perspektiven besser oder schlechter sind. Es geht hier nicht um einen Vereinswechsel, diese Tendenz gefällt mir gar nicht. Es geht um die Fahne auf der Brust.

SZ: Das heißt: Auch wenn Sie zehn Jahre jünger wären, würden Sie sich gegen diese junge, wachsende, aussichtsreiche deutsche Mannschaft entscheiden.

Altintop: Das wäre kein Kriterium für mich, ich würde immer für die Türkei spielen.

SZ: Sie sind ein Romantiker, Hamit!

Altintop: Ja, ist doch schön, oder? Ich finde, es muss auch noch ein paar Spieler geben, die Zeichen setzen, die sich für das vermeintlich schwächere Land entscheiden. Es ist zwar traurig, aber es ist halt wie im normalen Leben auch: Im Zweifel neigen die jungen Leute dazu, die leichtere Entscheidung zu treffen. Heute wechseln schon 12-Jährige für viel Geld zu großen Vereinen, die wachsen früh mit dieser Logik auf: Ich gehe dahin, wo's für mich am besten ist. Die sind sehr früh sehr abgebrüht.

SZ: Sprechen Sie mit den Nürnbergern Ilkay Gündogan und Mehmet Ekici, die zurzeit für die deutsche U21 spielen, aber auch von der Türkei umworben werden?

Altintop: Da gilt das Gleiche, was ich bei Mesut gesagt habe. Ich finde Gespräche wichtig, aber das Entscheidende ist, dass junge Spieler von ihrer Entscheidung selbst überzeugt sind. Wenn man jemanden erst mit viel Kraft und viel Energie überzeugen muss, dann fürchte ich, dass man den auch nur mit viel Kraft und Energie motivieren kann.

SZ: Müssen Nationen wie die Türkei fürchten, dass diese auffällige deutsche WM-Leistung wankelmütige Spieler in Richtung DFB beeinflusst?

Altintop: Das ist definitiv so. Die Deutschen haben ihre Mannschaft bei der WM ja auch gut als Integrations-Mannschaft verkauft, und ich kann mir schon vorstellen, dass der ein oder andere wankelmütige Spieler jetzt denkt: Bei den Deutschen fühl' ich mich gut aufgehoben. Das ist auch völlig okay. Aber Integration ist für mich eher, wenn das Spiel am Freitag von den Fans beider Mannschaften zum Fest gemacht wird.

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