Schade, dass in der Formel 1 bis Ende August Pause ist. Der Große Preis von Ungarn, als Grand Prix der Langeweile verschrien, war nun schon das vierte dramatische Rennen in Serie. Das lag vor allem am Sommer-Hoch von Max Verstappen, der nur durch einen grandiosen taktischen Schachzug von Mercedes vom dritten Sieg in vier Rennen abgehalten werden konnte. Und weil Weltmeister Lewis Hamilton die Nerven behielt und drei Runden vor Schluss den Niederländer überholte. Es wurde sein achter Saisonsieg. Sebastian Vettel erkämpfte sich gegen Charles Leclerc noch Platz drei. Doch die Frage, ob Verstappen sogar noch Weltmeister werden kann, dominiert gerade alles. Pole-Position, das ist der kleine Sieg an einem Formel-1-Wochenende. Abgeklärte Piloten reden sie gerne schlecht, Punkte gebe es ja nur am Sonntag. Und trotzdem: Eine Pole-Position ist auch etwas Besonderes, jedenfalls beim ersten Mal. 93 Anläufe brauchte Verstappen, um seinen Rennwagen nach der Qualifikation ganz nach vorn zu stellen. Der Mann des Sommers nimmt den Erfolg aber routiniert hin: "Es bedeutet vor allem, dass endlich die nervigen Fragen aufhören, wann ich die erste Pole hole. Es war nur eine Frage der Zeit, wann es klappt. Und eine Frage des Glücks." Zwei Siege in vier Rennen, dazu jetzt der zweite Platz, machen ihn für die zweite Saisonhälfte zum ersten Herausforderer der Siegerpfeile. Nebenbei ist die Diskussion um seine nahe Zukunft beendet, denn die Ausstiegsklausel bei Red Bull hätte nur gegriffen, wenn er nach diesem Wochenende schlechter als auf Rang drei platziert gewesen wäre; er ist aber hinter Hamilton (250 Punkte) und Valtteri Bottas (188) mit 181 Zählern Dritter. Damit muss er bis Ende 2020 bleiben, aber nach dem Aufschwung seines Teams will er das wohl auch. Hamilton schoss am Sonntag von Startplatz drei aus nach vorn, war in der ersten Kurve gleichauf mit Verstappen und Bottas - das Trio wedelte problemlos durch die erste Kurve. Erst, als es im Geschlängel zu zweit weiterging, kam er sich mit dem Teamkollegen ins Gehege. Der Frontflügel von Bottas touchierte leicht Hamiltons Hinterrad. Kein Drama, kann passieren, aber das Rennen des Finnen war ruiniert, vor allem, als das lädierte Teil auch noch von Charles Leclercs Ferrari getroffen wurde. Bottas wurde am Ende Achter. Den Rhythmus in den engen Kurven und den Hügeln von Mogyorod zu finden, wat harte Arbeit für die Fahrer, erst recht bei 26 Grad Außen- und 50 Grad Asphalttemperatur - es gibt hier nur 800 Meter richtige Geraden zum Ausruhen im Fahrtwind, dazu zwei oder drei sichere Überholstellen. Das bedeutet sonst Langeweile, wenn sich nach der Startphase alles einsortiert hat. Die Vorderen aber können zulegen und Verstappen und Hamilton zogen auch davon, brachten nach einem Viertel der Distanz schon mehr als zehn Sekunden zwischen sich und die folgenden Ferrari. Der zwölfte WM-Lauf taugte auch wieder zum Hörspiel. Spitzenreiter Verstappen klagte nach 20 von 70 Runden am Funk darüber, dass er an Haftung verliere, Hamilton knabberte seinen Zwei-Sekunden-Rückstand ab. Verstappen wurde panisch, brüllte immer wieder: "Grip!" - Hamilton war schon bis auf eine Sekunde dran. Nach 25 Runden kam der Niederländer an die Box, zu rutschig war es ihm geworden. Hamilton übernahm die Führung und gab mit seinen immer noch ordentlichen Pneus weiter Gas bis zu seinem Stopp. Beide waren am Limit. Mit Vorteil für Verstappen, als Hamiltons Gummis an Leistung verloren. Nach 32 Runden stockte bei Mercedes ein Schlagschrauber beim Boxenstopp, damit ging der Niederländer mit fünf Sekunden Vorsprung in die entscheidende Rennhälfte. Die pulverisierte der Weltmeister hinter ihm innerhalb von ein paar Runden. Dann begann sich der Spitzenreiter zu wehren und machte den Flügel auf, in Verstappens Rückspiegel war nur noch ein silberner Fleck. In der 40. Runde konnte er den ersten Angriff noch abwehren, beim zweiten Versuch war Hamilton vorbei und dachte der Gegner stecke zurück. Hätten vielleicht alle anderen auch getan, Verstappen nicht. Der Mercedes rodelte durch die staubige Auslaufzone, die Chance war vertan. 20 Runden vor Schluss ging Mercedes volles Risiko, setzte den nur eine Sekunde zurückliegenden Hamilton wieder auf frische Medium-Reifen, um die Attacke zu verschärfen. Abgesehen von der physischen Komponente vor allem eine psychische. Sie soll den Gegner unter Druck setzen, ans Limit treiben - das tat es auch. Verstappen fragte nach, warum sein Team nicht gekontert habe. Antwort: "Weil wir hinter ihn zurückgefallen wären." Trotzdem war es ein Fehler. Hamilton musste im Schnitt eine Sekunde pro Runde gutmachen, um dann bei einem finalen Überholversuch die besseren Reifen zu haben. Ein Vabanquespiel. Halten die Nerven, halten die Karkassen?
Der Führende gab auf die Frage, ob er okay sei, an, dass er tue, was er könne. Das klang verzweifelt. Hamilton fuhr schnellste Runden, seine Ingenieure versicherten ihm, dass der Gegner bald kein Gummi mehr auf der Felge habe. Zehn Runden noch, zehn Sekunden Rückstand. Fünf Runden, da meldete Verstappen das, was auch die Zeitenmonitore zeigen: "Meine Reifen sind runter" - und nur noch drei Sekunden Abstand. Drei Runden vor Schluss legte Hamilton ihn sich zurecht, am Ende der Geraden zog er vorbei - und fuhr seinem achten Sieg der Saison entgegen. Verstappen bleibt nur noch die Genugtuung der schnellsten Rennrunde.



