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Formel 1 in Baku:Hamiltons magischer Fehlgriff

F1 Grand Prix of Azerbaijan

Lewis Hamilton bringt sich in Baku selbst um eine bessere Platzierung - und zwar auf dramatische Weise kurz vor Schluss.

(Foto: Clive Rose/Getty Images)

In Aserbaidschan unterläuft dem Weltmeister eine erstaunliche Schusseligkeit, die Mercedes zum großen Verlierer macht. Das Momentum im Titelkampf bleibt bei Red Bull - auch dank des konstanteren Zweitpiloten.

Von Philipp Schneider

Manchmal sind es gerade die kleinen Gesten, die große Geschichten erzählen. Auch wenn sie erst freigeschaufelt werden müssen von der Last weit wuchtigerer Debatten, die alle anderen plattwalzen.

Am Sonntagnachmittag waren es eine Umarmung, ein warmer Dialog, insbesondere ein überlieferter Satz, und zusammen schufen sie so etwas wie einen authentischen Moment vor den Kulissen der Formel 1, in der ja allzu oft nach den Prinzipien des Täuschens, Tarnens und Intrigierens agiert wird.

Sebastian Vettel und Sergio Perez trafen sich nach dem Großen Preis von Aserbaidschan zu einem Plausch vor der Siegerehrung. Dass sie zu dieser nicht als Zuschauer geladen waren, sondern als Protagonisten, das war an sich schon eine Sensation. Dort aber standen sie nun, Perez als Tagesschnellster, Vettel als Zweiter. Vettel umarmte Perez, sie redeten und redeten und Perez sagte: "Ich freue mich für Dich!"

Perez fühlt mit Vettel, obwohl der ihn in der Vorsaison bei Aston Martin verdrängt hat

Zwei zeitweise abgeschriebene Rennfahrer feierten gemeinsam ihre Auferstehung. Also aufs Podium. Vettel war in Mexiko vor zwei Jahren zuletzt Zweiter, damals noch mit Ferrari. Für Perez war es erst der zweite Sieg seiner Karriere, garantiert aber die erste Ruhmestat nach seinem Wechsel zu Red Bull. Vor allem aber: Hier fühlte Perez mit Vettel, obwohl der ihn in der Vorsaison bei Aston Martin verdrängt hatte, weil der Teambesitzer Lawrence Stroll wollte, dass sein Sohn Lance fortan an der Seite eines viermaligen Weltmeister würde flitzen dürfen. Ehe Perez die Zusage von Red Bull erhielt, vergingen für ihn quälende Wochen, in denen er nicht sicher sein konnte, ob er noch mal fündig werden würde auf dem hart umkämpften Jobmarkt Formel 1. Ich freue mich für dich?

Spricht für Perez. Und für Vettel. Nicht selbstverständlich.

F1 Grand Prix of Azerbaijan

Alles wieder gut: Sebastian Vettel (links) hat Sergio Perez im Vorjahr aus seinem Cockpit bei Aston Martin (ehemals Racing Point) verdrängt. Nun gratulierten sie sich gegenseitig herzlich zum jeweiligen Erfolg beim Rennen in Baku.

(Foto: Pool/Getty Images)

Was war schon selbstverständlich in diesem denkwürdigen Rennen in Baku, das doch zwei wuchtigere Debatten nach sich zog als jene über die sympathische Bromance Vettel-Perez. Die zwei waren zwar gleichermaßen exzellent gefahren auf dem kniffligen Stadtkurs am Kaspischen Meer. Vettel sogar erneut, nach Platz fünf in Monaco. Sie hatten jeweils nach dem Start zwei Plätze gut gemacht, Vettel von Position elf, Perez von sechs. Aber beide profitierten kurz vor Rennende auch davon, dass sich Max Verstappen und Lewis Hamilton aus unterschiedlichen Gründen aus der Wertung verabschiedeten. Verstappen verlor - im klar schnellsten Auto und mit dem Puffer Perez zwischen sich und Hamilton in Führung liegend - ohne Eigenverschulden seinen Reifen hinten links. Bei Höchstgeschwindigkeit jenseits der 300 km/h. Auf das Unglück folgten eine Rennunterbrechung und ein stehender Start, nach dem sich Hamilton als Zweitplatzierter verbremste und so einen möglichen Sieg verschenkte - garantiert aber die Rückeroberung der Führung im WM-Klassement.

2016 schossen sich Hamilton und Rosberg vom Asphalt, 2018 gab es Defekte. Sonst fuhr seit 2014 zumindest ein Mercedes immer in die Punkte

"Wir sind zerstört, um ehrlich zu sein", sagte Mercedes-Teamchef Toto Wolff über sich und Hamilton. Der siebenmalige Weltmeister beschrieb die Szene sogar als "demütigend". Da half es doch sehr, dass sie bei Mercedes alle gemeinsam rasend schnell eine Erklärung für Hamiltons Fahrfehler fanden, die seine Schuld umfunktionierte in eine Schusseligkeit. Hamilton sei halt im Eifer des Gefechts versehentlich an den "Magic-Button" gekommen. Der Magic-Button! Verdammt!

Sekunde, Magic-Button?

Wie sich herausstellte: Ein sehr geheimnisvoller Name für eine Funktion, die jeder Fahrer an seinem Lenkrad besitzt. Versehentlich hatte Hamilton die Bremskraft von den Hinterrädern komplett auf die Vorderachse verlagert. Eine Einstellung, die eigentlich dazu genutzt wird, um die Reifen mit Hilfe heißer Bremsen auf Temperatur zu bringen. Und die nun, falsch angewendet, dazu führte, dass er mit seinem Silberpfeil geradeaus in die Auslaufzone schoss. Dunkle Magie.

Die innere Zerstörung, von der Wolff sprach, spürte er nicht so sehr wegen Hamiltons "Fingerproblem", wie er den Verbremser nannte und rhetorisch entschuldigte. Er hatte vielmehr soeben das erst dritte Rennen seit 2014 erlebt, in dem seine beiden Dienstwagen nicht in die Punkte gefahren waren. 2016 hatten sich Hamilton und Nico Rosberg auf dem Höhepunkt des sogenannten "Kriegs der Sterne" in Barcelona von der Piste geschossen. 2018 gab es in Spielberg Defekte in beiden Autos. Und jetzt also hatte ein Pilot Fingerprobleme und der andere war, nun ja, mal wieder aufreizend langsam. Dass der seit Wochen kriselnde Valtteri Bottas Zwölfter wurde, war nicht zu erklären.

Die Frage an den Hersteller Pirelli lautet: Wieso platzten in Baku zweimal Reifen bei Höchstgeschwindigkeit?

Wolffs Hauptsorge bleibt aber, dass Red Bull wie in Monaco auch in Baku deutlich schneller war als Mercedes - wenngleich abermals auf einem sehr speziellen Kurs mit langsamen und verwinkelten Kurven. "Wir können nicht akzeptieren, dass wir keine Leistung ins Auto bekommen. Es dauert zu lange, bis es funktioniert", klagte Wolff. Und dann sagte er einen Satz, den auch die Teilnehmer einer Selbsthilfegruppe gut im Chor verkünden könnten: "Der Frust soll gehen und die Zufriedenheit zurückkehren."

Bei Red Bull kehrte diese nach dem ersten Entsetzen über Verstappens unverschuldeten Abflug flugs zurück. Sie wich der Freude über Perez' ersten Podiumsbesuch und der Erkenntnis, dass Verstappen anders als Hamilton im Titelkampf auf einen Teamkollegen mit ansteigender Form zählen darf. Verstappen überzeugte später noch als Wahrsager, indem er die erste Begründung des Reifenherstellers Pirelli für den lebensgefährlichen Platzer an seinem Auto trefflich vorhersagte: "Sie werden sagen, dass es ein Trümmerteil war, über das ich gefahren bin. Aber es kann nicht nur immer das sein, da muss etwas anderes falsch sein." Pirelli ließ tatsächlich ausrichten, die Reifen würden nun in einem Labor in Mailand untersucht - die Theorie mit der Fremdeinwirkung von Trümmerteilen sei indes Favorit.

Allerdings hat diese Theorie einen Plattfuß: Lance Stroll flog vor Verstappen ab, ebenfalls bei Höchstgeschwindigkeit nach einem Platzer hinten links. Sein Unfall in Runde 31 war der erste, der überhaupt Trümmerteile verursachte.

© SZ/lib/and
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