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Hamburger SV:Verstecken und abtauchen

FC Erzgebirge Aue v Hamburger SV - Second Bundesliga

Wohin des Weges? Die HSV-Profis Rick van Drongelen, Timo Letschert und Lukas Hinterseer (von links) wirken gerade etwas orientierungslos.

(Foto: Alex Grimm/Getty Images)

Der HSV blamiert sich in Aue erneut gegen eine reine Kampfmannschaft.

Von Jörg Marwedel, Hamburg

Am kommenden Samstag ist der SSV Jahn Regensburg zu Gast im Hamburger Volksparkstadion. Das ist jenes Team, das dem HSV im Vorjahr mit einem 0:5 die höchste Heimniederlage in dessen kurzen Zweitliga-Geschichte beigebracht hatte. Der Zeitpunkt passt zur derzeitigen Lage des sechsmaligen deutschen Meisters, denn es droht sich zu wiederholen, was im vorigen Frühjahr zum "überflüssigsten Nichtaufstieg der Fußball-Geschichte" geführt hatte. So nannte es der Vorsitzende des Hamburger SV, Bernd Hoffmann. Der HSV hatte als vierten Rang die Rückkehr in die Bundesliga verspielt, weil er aus den letzten elf Spielen nur noch zwölf Punkte sammelte.

Nun absolvierte der HSV beim 0:3 in Aue die wohl schlechteste Partie der Saison 2019/20, und das als Nachklapp zur 0:2-Derbyniederlage gegen den FC St. Pauli. "Wir befinden uns in einer sportlichen Krise", sagte Hoffmann am Sonntag nach den "zwei grottenschlechten Spielen".

Ein bisschen Glück haben die Hamburger aber selbst im Misserfolg noch gehabt: Der Tabellenzweite VfB Stuttgart verpasste es, mit einem Sieg in Fürth den Vorsprung auf die Norddeutschen auf sechs Punkte zu vergrößern; der VfB unterlag selbst (0:2). Auch der 1. FC Heidenheim, der mit einem Erfolg in Darmstadt zum Tabellendritten HSV hätte aufschließen können, verlor 0:2. Nur Arminia Bielefeld hat sich am Sonntag abgesetzt von der Konkurrenz. Der Vorsprung vor dem HSV beträgt nach dem 1:0 (Torschütze mal wieder Fabian Klos) gegen den SV Wehen nun schon neun Punkte. Das macht eine Rückkehr der Ostwestfalen in die erste Liga nach elf Jahren immer wahrscheinlicher.

Die seit Jahren leidgeplagten HSV-Fans sind in Aue zum Teil ausgeflippt. Ein paar der 1800 Fans kletterten nach dem Abpfiff über die Balustrade und beschimpften die Profis, die zuvor schon von den Sachsen verhöhnt worden waren: "Zweite Liga, Hamburg ist dabei", sangen diese. Oder: "Ihr seid nur ein Punktelieferant." Auch der Stadionsprecher hatte das Duell zwischen "Arm gegen Reich", zwischen "David und Goliath" angeheizt. HSV-Trainer Dieter Hecking sagte später: "Es ist schwer, das Gesehene in Worte zu fassen."

Wie kommt es, dass sich das neben dem VfB Stuttgart teuerste Team der Liga schon wieder gegen eine reine Kampfmannschaft blamiert hat und dabei Fehler machte, die einem Favoriten nicht passieren dürften? So wie die Abwehrspieler Jordan Beyer und Timo Letschert, die kurz vor der Pause nicht aufrückten, so dass Pascal Testroet nicht im Abseits stand und von niemanden behindert zum 1:0 einschießen konnte. Oder wie Gideon Jung, der in der 59. Minute eine Schwalbe im gegnerischen Strafraum probierte und als schon verwarnter Spieler die gelb-rote Karte sah? Danach ging auf Hamburger Seite noch weniger, so dass Jan Hochscheidt noch zwei weitere Treffer hinzufügen konnte.

Dass auch der erfahrene Coach Dieter Hecking als Nachfolger des weniger routinierten Hannes Wolf das Team bislang nicht stabilisiert hat, könnte damit zusammenhängen, dass auch er noch keine funktionierende Achse aufbauen konnte. Schon gegen St. Pauli hatte er nach dem 0:1 "keine Leader mehr gesehen". Noch schlimmer war es in Aue: Man hatte den Eindruck, als sei der Druck für fast alle HSV-Profis zu groß, obwohl die Hälfte des Teams gegenüber dem Vorjahr ausgetauscht wurde.

In der Abwehr sind die Innenverteidiger Rick van Drongelen, Letschert und der in Aue nach 22 Minuten wieder verletzt ausgeschiedene Ewerton keine idealen Männer für den Spielaufbau. Im Mittelfeld hat Kapitän Aaron Hunt mit seinem meist nicht fitten Körper zu tun. Und der in der Winterpause aus Köln geholte Louis Schaub wurde zwar zu Recht als guter Fußballer gelobt, versteckt sich aber zunehmend. Der aus Kiel gekommene David Kinsombi, der ebenfalls eine zentrale Rolle spielen sollte, konnte keinen Stammplatz erkämpfen. Und während Jung nicht nur an seine fußballerischen Grenzen stößt, hat das große Talent Adrian Fein, 20, noch mit seiner Konstanz zu kämpfen; zuletzt fiel er mit einem Jochbeinbruch aus.

Im Angriff macht zwar Bakery Jatta Tempo und der in Aue auf der Bank sitzende Sonny Kittel oft Tore, doch die Mittelstürmer Lukas Hinterseer und Joel Pohjanpalo tauchen häufig ab. Und der von Werder Bremen ausgeliehene Martin Harnick hat sogar Probleme, auf Zweitliga-Niveau mitzuhalten. Das sind keine guten Aussichten für den Endspurt.

© SZ vom 02.03.2020

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