Zum Tod von Ex-Torwart Özcan Arkoc:Vorbild für all die Malocher

Trainer Arkoc Özcan (Hamburger SV)

Eine besondere Persönlichkeit der Bundesliga-Geschichte: Özcan Arkoc vom Hamburger SV.

(Foto: Ferdi Hartung/Imago)

Özcan Arkoc war der erste türkischstämmige Spieler und Trainer beim Hamburger SV - und "gefühlt immer schon ein Hamburger Jung". Nun ist er mit 81 gestorben.

Nachruf von Thomas Hürner, Hamburg

Manchmal erinnern sich die Menschen erst spät wieder daran, wie oft jemand in seinem Leben eigentlich der Erste war. Gleich bei seinem Debüt für den Hamburger SV sicherte sich Özcan Arkoc seinen Platz in der Geschichte. "Ötschi", wie der frühere Torwart von seinen Kameraden gerufen wurde, verletzte sich nach einer Rettungstat im Derby gegen Werder Bremen am Finger, nach 20 Minuten war das Spiel für ihn beendet. Er wurde ausgewechselt - als erster Bundesliga-Spieler überhaupt; vor der Saison 1967/1968 waren Spielerwechsel nicht erlaubt.

Doch Arkoc, der in der Nacht zu Mittwoch verstorben ist, war in noch weitaus wichtigeren Belangen wegweisend. Er war der erste türkischstämmige Spieler im Volkspark, später wurde er beim HSV zum ersten türkischstämmigen Trainer in der Bundesliga. Es war eine kurze Karriere als Coach, alte Weggefährten beschreiben ihn als zu nett für diesen Job, und das ist ausdrücklich als Kompliment gemeint. Einer von ihnen ist Rudi Kargus, der Arkoc einst als Nummer eins im Hamburger Tor ablöste. Er erfährt am Telefon vom Tod seines ehemaligen Konkurrenten, wobei die beiden das selbst nie so streng gesehen haben. Nachdem Kargus die traurige Nachricht einigermaßen verarbeitet hat, beschreibt er "Ötschi" als "menschlich integer" und als jemanden, zu dem er "immer total aufgeschaut" habe.

Als Kargus 1971 zum HSV kam, war er selbst noch ein junger Hüpfer und Arkoc eine etablierte Größe, die drei Jahre zuvor noch im Finale um den Europapokal der Pokalsieger zwischen den Pfosten stand. Der AC Mailand gewann zwar 2:0, aber mal wieder nahm Arkoc als einer der ersten Türken in einem europäischen Endspiel eine besondere Rolle ein. Und dann kam dieser gerade mal 18-jährige Kargus in den Volkspark gestapft, damals ein Nobody, später wurde er mit dem HSV selbst zum Europapokalsieger.

Arkoc war einer der ersten Gastarbeiter in der Bundesliga

Schon damals galten Torhüter ja als eitle Solisten, die sich lieber in ein Bad aus heißen Kohlen legen würden, als für einen unerfahrenen Neuankömmling das Feld zu räumen. In diesem Fall verlief die Wachablösung jedoch ohne Gekratze und Gezeter. Nicht, weil sich Arkoc kampflos ergab, das wäre nicht seine Art gewesen. Aber Arkoc war eben auch jemand, für den Kämpfe kein Selbstzweck waren. Im Gegenteil, sagt Kargus: "Ötschi war einer meiner größten Förderer. Das habe ich aber erst im Nachhinein so richtig bemerkt, als ich auf viel unangenehmere Gestalten getroffen bin."

Und vielleicht noch wichtiger: Arkoc war einer der ersten Gastarbeiter in der Bundesliga, und als solcher ein für Vorbild für all die Malocher, die in diesen Jahren nach Deutschland kamen, um sich ein neues, besseres Leben aufzubauen. Vor seiner Zeit in Hamburg spielte Arkoc bei Austria Wien sowie Fenerbahce und Besiktas Istanbul. Für den HSV kam er auf 207 Pflichtspiele, er war ein guter Freund von Uwe Seeler und blieb bis zuletzt ein Teil der HSV-Familie, die bei fast allen Heimspielen im Volkspark vorbeischaute.

Am Ende des Telefonats erinnert sich Kargus an eine Geschichte, die "alles über seinen Charakter, sein Leben" sage: Als Kargus seinen Stammplatz beim HSV verloren hatte und sein Vertrag ausgelaufen war, war es Arkoc, der ihn auf einem Bolzplatz fit hielt. Am ersten Trainingstag berichtete Arkoc stolz, dass er jetzt endlich seinen deutschen Pass erhalten habe. "Ich habe erst gar nicht verstanden, warum ihm das so wichtig war", sagt Kargus: "Ötschi war doch gefühlt immer schon ein Hamburger Jung'." Er wurde 81 Jahre alt.

© SZ/klef
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