Hamburger SV nach dem 0:5 in München:Fürchterlich, erbärmlich, erschreckend

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Schon nach drei Spieltagen steht beim Hamburger SV alles in Frage: Spieler, die beim FC Bayern gnadenlos überfordert waren. Sportchef Frank Arnesen, der sie eingekauft hat. Und ein Trainer, der beim Stand von 0:5 Zeit schindet.

Thomas Hummel, Fröttmaning

Wer wissen wollte, wie es um den Hamburger SV steht, der musste das Spiel gar nicht sehen. Es reichte, Michael Oenning zu beobachten, wie er nach dem Schlusspfiff über den Rasen ging. Der Trainer klatschte sich kraftlos mit ein paar Spielern ab, bedankte sich höflich bei den Schiedsrichtern. Er erinnerte dabei in Körperhaltung und Mimik an einen verprügelten Hund, dem jeder Knochen schmerzt. Der Kopf hing, der Rücken versteift, die Schritte schleppend. Die Mundwinkel zog es Richtung Kinn, er blickte so traurig, dass man ihn am liebsten auf Erholungsurlaub an die Nordsee geschickt hätte.

Hamburgs Trainer Michael Oenning (r.) und David Jarolim stehen nach dem Spiel auf dem Spielfeld - und verstehen die Welt nicht. (Foto: dapd)

Doch selbst das wunderbare Nordsee-Klima wäre mit der Aufgabe überfordert, die Stimmung beim Hamburger SV aufzufrischen. Zu düster sind die Aussichten nach dem Untergang in München. Der Hamburger SV muss nach dem dritten Spieltag als erster Kandidat für den Abstieg gelten. Mittelfeldspieler Marcell Jansen ahnt, dass dem Verein statt frischer Brise und Reizklima kräftige Gewitter drohen: "Es wird jetzt Knallen überall."

0:5 hat der HSV beim FC Bayern München verloren. Und die Mannschaft durfte sich bei Thomas Müller oder Mario Gomez bedanken, dass sie nicht in die Analen der Klubgeschichte mit der höchsten Niederlage der Bundesliga-Geschichte eingingen. Hätten die Münchner ihre Chancen halbwegs genutzt, zweistellig wäre nicht undenkbar gewesen. Und steht weiterhin ein 2:9 als schlimmster Pleite der HSV-Geschichte vom 7. März 1964, ebenfalls in München, aber beim TSV 1860. Mit dabei war damals der Stürmer Uwe Seeler.

Seeler ist heute mit 74 Jahren die graue Fußball-Eminenz der Stadt und hat keinen Grund, seine Gefühle hinter geübten Floskeln zu verbergen. Am Samstag sagte er: "Die Jungs haben sich kampflos ergeben. Ich muss das erst mal verdauen und dieses 0:5 runtertrinken." Er wagte es auch als einziger Hamburger, den Trainer in Frage zu stellen. "Da muss sich schnell was ändern! Die Argumente für Oenning muss ich schnell hören."

Am Samstag sahen die Freunde des HSV ausschließlich Argumente gegen Oenning, und auch gegen den neuen Sportdirektor Frank Arnesen. Der hat etwa Jeffrey Bruma und Michael Mancienne vom FC Chelsea mitgebracht, die beiden gaben wohl die bedauernswürdigste Innenverteidigung, die München je gesehen hat. Zumindest beim 23-jährigen Mancienne besteht der dringende Verdacht, dass die Bundesliga zwei Klassen zu hoch ist.

Links war Nationalspieler Dennis Aogo gegen Arjen Robben gnadenlos unterlegen, rechts ließ sich Dennis Diekmeier von Franck Ribéry auf einem halben Quadratmeter Rasen austricksen. Im Mittelfeld ackerte Nationalspieler Heiko Westermann wie ein müder Gaul über das Spielfeld, in der Defensive kraftlos, dem Aufbauspiel verweigerte er sich schlicht. Während sich David Jarolim immerhin noch den ein- oder anderen Zweikampf lieferte, wusste am Ende niemand, warum Tomas Rincon eigentlich auf dem Platz gestanden hatte. Die Spitzen Gökhan Töre und Heung Min Son mühten sich verlassen und erfolglos von ihren Mitspielern gegen die bayerische Defensive.

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Thomas Hummel, Fröttmaning

Es war fürchterlich. Wenn man Bundesliga-Niveau als Maßstab ansetzt, teilweise gar erbärmlich. Viele Spieler taten einem bald leid ob ihrer Überforderung. Oder wie Trainer Oenning sagte: "Wir wussten, dass es in München schwer wird. Aber dass wir so hilflos sind? Das war schon erschreckend."

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Auf die Frage eines niederländischen Reporters, warum er nicht Eljero Elia, einen bekanntermaßen ballsicheren, schnellen Flügelstürmer, eingesetzt oder wenigstens früher eingewechselt hat, antwortete Oenning entwaffnend offen: In der Halbzeit sei das Spiel ohnehin schon verloren gewesen, und der Wechsel am Ende sei eher dazu dagewesen, "noch ein, zwei Minuten zu gewinnen". Wohl gemerkt, da stand es 0:5.

Nach dem 1:4 in Dortmund, dem äußerst glücklichen 2:2 zu Hause gegen Hertha BSC Berlin und dem nicht minder schmeichelhaften 0:5 in München steht in Hamburg schon nach drei Spieltagen alles in Frage. Zum Beispiel Sportchef Arnesen, weil der von ihm zusammengestellte Kader weder hinten noch vorne passt. Noch beharrt er auf seine Expertise: "Ich weiß, dass das viele gute Spieler sind." Und wer neue Profis verlange, müsse ihm erst einmal das nötige Geld leihen. Dem von ihm gewählten Trainer will er Zeit geben: "Oenning braucht Zeit und die bekommt er auch", sagte der freundliche Däne.

Oenning verwendete unterdessen auffallend oft die Wir-Form: "Wir wussten, dass es nach dem Umbruch schwer würde" - "Wir haben den Weg gewählt und müssen nun ruhig bleiben" - "Das Gute ist, dass wir alle an der Lage beteiligt sind."

Oenning will sein Schicksal mit dem der Mannschaft und des Sportchefs verbinden. Das Gelingen dieser Strategie hängt indes elementar davon ab, ob der 45-Jährige seine gedemütigten Spieler bis zur Partie am Samstag zu Hause gegen den 1. FC Köln aufrichten kann. Einige dürften in München den Glauben daran verloren haben, ordentlich Fußball spielen zu können.

Noch auf dem Rasen hatte sich Oenning in München mit dem 32-jährigen Jarolim unterhalten, und der bot später immerhin einen vagen Plan an, wie es funktionieren kann: "Wir müssen anders Fußball spielen, aber nicht so."

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