Hamburger SV Labbadia hört letzte Worte am Telefon - Gisdol übernimmt

Einsam unterwegs: Bruno Labbadia, letztmals vor der Bank des HSV.

(Foto: imago)
  • Der Hamburger SV trennt sich nach dem 0:1 gegen Bayern München von Trainer Bruno Labbadia.
  • Vorstandschef Dietmar Beiersdorfer sagt, man habe "keine Weiterentwicklung gesehen". Labbadia bedankt sich für eine "wahnsinnig intensive Zeit."
  • Als Nachfolger wird Markus Gisdol verpflichtet, ehemals Trainer in Hoffenheim.
Von Jörg Marwedel, Hamburg

Am frühen Samstagabend, nach der ehrenvollen 0:1-Niederlage gegen den FC Bayern, hat Bruno Labbadia schon Abschied genommen von seinem Arbeitsplatz. Der bisherige Trainer des Hamburger SV ist mit den Spielern zur Fankurve seines Lieblingsklubs gelaufen und hat sich dafür bedankt, dass die Anhänger immer wieder seinen Namen riefen. Die Leute hätten wohl die knapp 18 Monate unter seiner Regie inklusive der Verhinderung des Abstiegs am 1. Juni 2015 "honoriert", mutmaßte er später. Ihn beschleiche eine "große Traurigkeit". Die hat er zwar öffentlich nur auf das knapp verpasste Remis beziehen wollen (das Tor durch Joshua Kimmich fiel erst in der 88. Minute), aber vermutlich hatte er auch das bevorstehende Ende seiner Arbeitsbeziehung gemeint.

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Joshua Kimmich trifft nach 88 Minuten für die Münchner. Das Hamburger Publikum bejubelt die stark kämpfenden Gastgeber und den umstrittenen Trainer Labbadia.

Vieles spricht dafür, dass Vorstandschef Dietmar Beiersdorfer die Entscheidung bereits vor dem Bayern-Spiel getroffen hatte, nachdem die Gespräche mit dem Wunschkandidaten Markus Gisdol offenbar erfolgreich verlaufen waren. Jedenfalls stellte der Klub den 47 Jahre alten Trainer am Sonntagabend als Labbadias Nachfolger vor. Gisdol erhalte "auf eigenen Wunsch" zunächst nur einen Vertrag bis zum Juli 2017, teilte der HSV weiter mit; er werde mit seinen Co-Trainern Frank Fröhling und Frank Kaspari am Montagnachmittag bereits die erste Einheit mit den Profis absolvieren. Sein Debüt auf der HSV-Bank feiert Gisdol dann am kommenden Samstag im Punktspiel bei Hertha BSC.

Trotz der offenkundigen Kontakte zum neuen Trainer hat Beiersdorfer dem alten erst am Sonntag seine Entscheidung mitgeteilt - am Telefon. "Ich habe ihn zum Gespräch gebeten, aber er wollte es lieber am Telefon machen", sagte der Klubchef, der blass und unrasiert schon um 9.35 Uhr am Volksparkstadion vorfuhr. Doch egal, wie unwürdig die von Beiersdorfer über fünf Tage ausgedehnte Entlassung für Labbadia war: Im Grunde wusste Labbadia längst Bescheid nach fünf sieglosen Bundesliga-Spielen mit nur einem Punkt und der zuletzt fehlenden Rückendeckung.

Nachdem der HSV am Sonntag die Trennung via Twitter um 11.44 Uhr mitgeteilt hatte, folgten kurz darauf auf demselben Kanal ein vereinseigenes Interview mit Beiersdorfer sowie ein Statement des Geschassten. Er übernehme für die Ergebnisse "als Trainer die Verantwortung", teilte Labbadia professionell mit. Es sei eine "wahnsinnig intensive Zeit" gewesen, "mit vielen Erlebnissen, die mir immer in Erinnerung bleiben werden". Es habe ihm "sehr viel bedeutet, Trainer des HSV sein zu können", er habe sich jeden Tag mit dieser Aufgabe identifiziert.

Beiersdorfer, der ja auch Sportchef ist, unterstrich wiederum, warum er aus seiner Sicht so handeln musste und wies erneut die Einschätzung als "unsinnig" zurück, wonach Investor Klaus-Michael Kühne und Berater Volker Struth die Regie im Klub übernommen hätten. Er sei nach den Sommer-Transfers "von unserer Mannschaft hundertprozentig überzeugt", habe aber "keine Weiterentwicklung gesehen". Man sei bei der Analyse - wohl mit Kühne, Struth, Aufsichtsratschef Karl Gernandt und Sportdirektor Bernhard Peters - zur Erkenntnis gekommen, "dass eine sportliche Trendwende in der aktuellen Konstellation nicht mehr vorstellbar ist".

Manches spricht tatsächlich dafür, dass Labbadia ein guter Motivator, aber kein klassischer Entwickler ist. Da erhofft man sich von Markus Gisdol mehr. Der Fußballlehrer ist ein ausgewiesener Freund der Rangnick'schen Offensiv-Schule, und die Hamburger leiden ja seit Monaten unter Schwächen in der Offensive. Die Mannschaft kreiert kaum Torchancen, gerade mal acht nennenswerte Möglichkeiten in den bisherigen fünf Saisonspielen sind ein Armutszeugnis. Beim HSV wird Gisdol, an dem auch Werder Bremen interessiert war, außer von großen sportlichen Problemen allerdings auch von Sportdirektor Peters erwartet, mit dem er schon in Hoffenheim zusammenarbeitete.

Was bleibt, sind eine Menge Verlierer. Das Denkmal, das Beiersdorfer dem Trainer Labbadia im Juni 2015 nach dem Klassenverbleib "mit eigenen Händen" bauen wollte, ist jedenfalls nie entstanden. Nur ein paar warme Worte hat er dem einstigen Weggefährten noch hinterher gerufen: "Es bleibt unvergesslich, was er in einer sehr herausfordernden und schwierigen Zeit erreicht hat." Bei den Fans hat sich die Stimmung aber gedreht - gegen Beiersdorfer. Und dem Klubchef wird auch intern vorgehalten, dass er den Trainer im Regen stehen ließ. Nicht zufällig hat Labbadia kürzlich erwähnt, der einzige Unterschied zu früher sei, dass er nicht mehr den im Mai freigestellten Profifußball-Direktor Peter Knäbel als Vertrauten an seiner Seite habe.

Die Kontinuität, die Beiersdorfer bei seinem Amtsantritt als Vorstandschef einbringen wollte, erwies sich bisher als leeres Versprechen. Der neue Trainer ist der fünfte dieser Ära (Mirko Slomka, Josef Zinnbauer, Knäbel und Labbadia wurden von ihrem Job entbunden), dazu kommen die Sportchefs Oliver Kreuzer und Knäbel. Erzielt auch der neue Mann nicht die erhofften Erfolge, könnte Beiersdorfer selbst ins Visier des ungeduldigen Geldgebers Kühne geraten. Der Milliardär, der elf Prozent des HSV besitzt und etliche Kredite gab, hatte angeblich schon Anteil an den Entlassungen von Kreuzer, Slomka und Knäbel.

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