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Hamburger SV:Es klatscht, aber keinen Beifall

14.09.2020, xblx, Fussball DFB Pokal 1.Runde, Dynamo Dresden - Hamburger SV emspor, v.l. Toni Leistner (Hamburger SV) h

HSV-Zugang Toni Leistner (Mitte, weißes Trikot) attackiert auf der Tribüne einen Dresdner Fan, der ihn zuvor beleidigt hatte.

(Foto: imago images/Jan Huebner)

Die Hanseaten verpatzen erst den Pokalabend. Und zu allem Übel stürmt auch noch ein Profi auf die Tribüne.

Von Cornelius Pollmer, Dresden

Anfang und Ende dieses Pokalabends in Dresden lassen sich aus Sicht des Hamburger SV praktischerweise mit derselben sächsischen Redewendung beschreiben. Diese Wendung geht eher auf die Nachwendezeit zurück als auf das Hochmittelalter, sie klingt so, als würde selbst der Volksmund manchmal die Zähne fletschen, und notiert in schriftdeutscher Akkuratesse ist sie hoffentlich zu verstehen auch für Hamburger und andere Nichtsachsen. "S'gladdschd glei, aber keen Beifall", lautet also diese Redewendung, und es klatschte beim 4:1 der SG Dynamo gegen einen ziemlich ha-es-vauigen HSV das erste Mal nach genau drei Minuten. Drei Dynamos setzten dem Gleich-nicht-mehr-Ballführenden in eigener Hälfte imposant und schnürend zu - und an der Stelle dieses Zugriffs hatten sich die Grashalme noch nicht wieder aufgerichtet, als Yannick Stark bereits so überraschend wie sehenswert zum 1:0 abschloss.

Der HSV hat 74 Prozent Ballbesitz - und doppelt so oft aufs Tor geschossen

Die Folgen dieses Klatschens fasste der neue Hamburger Cheftrainer, Daniel Thioune später schlüssig zusammen. Er sagte, normalerweise versuche eine höherklassige Mannschaft, genau diesen Moment zu vermeiden, "dass man den Gegner und das Stadion gleichzeitig anzündet". Eben dies aber war seiner Mannschaft also sofort gelungen, und es fackelte sofort gewaltig. 10 053 und damit die bundesweit meisten Zuschauer eines Fußballspiels seit Etablierung der Vokabel Hygienekonzept waren von dieser dritten Minute an mindestens knisternd dabei, aber als noch erstaunlicher muss, natürlich sehr vorläufig, der Brennwert der neuen Mannschaft von Trainer Markus Kauczinski bewertet werden.

Vor gefühlten zehn Tagen erst war Dynamo in die 3. Liga abgestiegen, hatte den bitteren Verlust von Ralf Minge zu verarbeiten und die nach herrschender Meinung deutlich weniger bittere Demission des Geschäftsführers Michael Born. Vor allem aber hatte der Verein einen so umfassenden Aderlass zu verkraften, dass man diesen auch als Kaderlass bezeichnen könnte.

Da stand am Montag also ein weitgehend neu sortiertes Kollegium und zeigte zum ersten, aber hoffentlich nicht einzigen Mal zwei bemerkenswerte Qualitäten: Zum einen spielte Dynamo resolut und zügig. Neuzugang Agyemang Diawusie zog an, als wolle er beim Laktattest ein neues Level freispielen, Neuzugang Robin Becker erhöhte nicht nur in der 16. Minute die Hamburger Fangquote auf zwei, er hielt auch jene Dynamos bei null, als er kurz nach der Pause mit einer bodenbündigen Ganzkörpergrätsche klärte, die ihn umgehend dafür qualifizierte, beim nächsten Elbehochwasser als Spundwand verbaut zu werden. So ging es fort: Christoph Daferner erhöhte mir Ur- und Schnurgewalt auf 3:0, Zugang Sebastian Mai in der Nachspielzeit per Elfmeter auf 4:1.

Über diesen Mai, in Dresden geboren und als Heimkehrer gleich Kapitän, hatte Benjamin Kirsten vor dem Spiel schön formuliert, man könne eben auch "über den zweiten Bildungsweg" in Dresden erfolgreich sein. Wenn man Mais Spiel richtig gesehen hat, dann soll dies hinten über eine gewisse Kompromisslosigkeit gelingen und auf dem Weg nach vorne auch mit druckvollen, flachen Flankenbällen, die im E-Breitensport unter der Tastenkombination R1 plus Quadrat bekannt sind.

Trotzdem hatten Mund und Gesicht von Thioune Recht, als sie nach dem Spiel eine gewisse Restverwunderung formulierten. Er habe im Verlauf nie das Gefühl gehabt, dass das Spiel für seine Mannschaft schon weggewesen sei, sagte Thioune. Tatsächlich spielte der HSV in Summe viel mehr Pässe, von denen auch relativ mehr ankamen; er erreichte 74 Prozent Ballbesitz und schoss mehr als doppelt so häufig aufs Tor. Aber es habe eben, so stellte auch Thioune fest, beim HSV eine Konsequenz gefehlt, die die Dresdner laut Markus Kauczinski noch viel besser am kommenden Freitag gebrauchen können, wenn die neue Saison auch in der Liga beginnt. Der Sieg im Pokal sei, so Kauczinski, ein "kurzer Moment des Glücks"; eine Aussage, die in Dresden als tautologisch angesehen werden darf.

Am Montag aber blieb das Glück noch etwas kürzer als sonst. Kauczinski hatte gerade noch ein paar Glückwunschschreiben auf seinem Handy gelesen ("wenn wir verlieren, schreibt mir nie einer"), da streamten die Geräte fast aller anderen im Raum schon ein Video, auf dem der in Dresden beheimatete und beim HSV unter Vertrag stehenden Fußballprofi Toni Leistner sehr energisch auf einen der 10 053 Zuschauer im Stadion zugeht. Diesem Duell vorausgegangen waren offenbar gegenseitige Androhungen der Kategorie "S'gladdschd glei, aber keen Beifall" - und dann klatschte es tatsächlich, aber keinen Beifall. Leistner ging also auf diesen Mann zu und drückte ihn mehr zu Boden als ihn dorthin zu schubsen. Noch am Abend bat er um Entschuldigung und gab an, beleidigt worden zu sein. Dieser Mann wiederum meldete sich später beim Portal Tag24 und gab zu Protokoll, es sei alles ganz anders gewesen, als Leistner dies darstelle. Er habe lediglich "ein bisschen gepöbelt", "übliche Phrasen". Am Dienstagabend vertrugen sich die Kontrahenten wieder. "Wir haben telefoniert und die Sache untereinander geklärt", sagte Leistner laut einer Twitter-Mitteilung seines Vereins: "Er hat genau wie ich seinen Fehler eingesehen. Ich nehme seine Entschuldigung an, zwischen uns ist die Sache aus der Welt." Den Abend wollte sowohl in Hamburg (Thioune: "werden uns kurz schütteln") als auch in Dresden sowieso niemand überbewerten. Was Fallhöhe ist, hat man noch nicht verstanden, nur weil Toni Leistner einen niederdrückt. Fallhöhe hat man verstanden, wenn man als Drittligist nach einem Pokalsieg sofort auf den ersten Spieltag schaut und dann wie Markus Kauczinski einen Satz sagt, den man gerne mal als Refrain eines traurigen Schlagers vertont hörte: "Ich bin nicht auf Wolke sieben, ich bin schon bei Kaiserslautern."

© SZ vom 16.09.2020

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