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Hamburger SV:Beim HSV ist Erschöpfung ein Dauerzustand

SC Freiburg - Hamburger SV

Hamburger Spieler in Büßerpose - warum rafft sich beim HSV eigentlich keiner auf?

(Foto: dpa)

Es folgen noch 30 Spieltage, an denen der Hamburger SV bis zu 90 Punkte sammeln kann. Trotzdem ist der Klub schon wieder komplett außer Fassung geraten.

Kommentar von Philipp Selldorf

Hallo, Hamburger SV? Wollt ihr vielleicht mal einen Blick aus dem Fenster werfen? Was seht ihr dort? Seht ihr kahle Bäume und frierende Krähen? Hängt Weihnachtsschmuck, sind Nikoläuse mit angeklebten Bärten unterwegs? Sprießen vielleicht schon Schneeglöckchen, oder blühen bereits Primeln und das letzte Stündlein naht?

Wahrscheinlich hat es nicht viel Sinn, die Leute beim Hamburger SV und die vielen Menschen, die am Schicksal dieses großen Vereins Anteil nehmen, auf den Stand der Jahreszeit hinzuweisen. Das fortgeschrittene Stadium ist längst eingetreten. Es nutzt wohl nicht viel, die aufgeregten Hamburger daran zu erinnern, dass draußen die Septembersonne scheint und in dieser englischen Woche nicht der 31., sondern erst der vierte Spieltag ausgetragen wurde.

Es folgen also noch 30 weitere Spieltage, an denen der HSV bis zu 90 Punkte sammeln kann. Vielleicht bleibt dem Klub dann so ein Unglück wie in Freiburg erspart, als Torwart René Adler das 0:1 quasi selbst besorgte. Auch ein übersinnliches Phänomen wie die drei Pohjanpalo-Tore, das neulich in Leverkusen die Punkte kostete, wird es nicht alle Tage geben.

Es ist in Hamburg nicht leicht, bei Verstand zu bleiben

Doch es besteht wenig Hoffnung, dass man mit solchen banalen Fakten den Patienten zur Ruhe bringen könnte. Der Trainer Bruno Labbadia hatte bereits vor dem Anpfiff der Partie in Freiburg von einem "überlebenswichtigen Spiel" gesprochen, und als es dann verloren ging, da sagte er mit schicksalsschwer erstickter Stimme: "Die Enttäuschung ist sehr, sehr groß." Auch Dietmar "Didi" Beiersdorfer hatte einen mitleiderregenden TV-Auftritt, er blickte so leer, als hätten seine Augen Grauenvolles gesehen. Müdigkeit ist kein Wort für diesen Zustand der Erschöpfung, in dem sich der Vorstandsvorsitzende dauerhaft zu befinden scheint.

Sicher ist es nicht leicht, bei Verstand zu bleiben, wenn drumherum alle so tun, als wäre die Katastrophe bereits eingetreten. "Die Schonzeit ist vorbei", leitartikelte die Lokalpresse bereits nach dem zweiten Spieltag; in der ARD-Sportschau verkündete der Moderator unheilvoll, nun sei "der schlechteste Saisonstart seit FÜNF Jahren" perfekt, und die Nachrichtenagentur urteilte, die teuren Neuzugänge Douglas Santos und Filip Kostic blieben "unter den Erwartungen" - dabei hat Santos insgesamt zwei Spiele bestritten, während Kostic in Freiburg verletzt fehlte.

Wissenschaftler sagen, dass Ressourcenverbrauch, Klimawandel und Bevölkerungswachstum für den Untergang der Menschheit sorgen werden. Aber bis zum Ende der Saison wird der Planet schon noch durchhalten. Beim Hamburger SV kann man sich da, wenn die gegenwärtige Stimmung anhält, nicht so sicher sein.

© SZ vom 22.09.2016/jbe
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