Hamburger SV Angst nur vor den Kleinen

Flink zu Fuß und im Kopf – wie man bei seinem Tor gegen Leipzig sehen konnte: Bakery Jatta.

(Foto: Fabian Bimmer/Reuters)

Das knappe Pokal-Aus verleiht der Mannschaft dringend nötigen Schwung für den Saison-Endspurt in der zweiten Liga.

Von Jörg Marwedel, Hamburg

In einigen Phasen fühlte es sich am Dienstagabend so an, als sei der Hamburger SV nie abgestiegen in die zweite Liga. Das hatte der Klub beim 1:3 im DFB-Pokal-Halbfinale gegen RB Leipzig besonders dem ehemaligen gambischen Flüchtling Bakery Jatta, 20, zu verdanken. Als der Linksaußen, der dem Klub 2016 sozusagen zugelaufen war, dem zu selbstsicheren Kevin Kampl in der 24. Minute den Ball abluchste und ihn mit einem Schlenzer aus 30 Metern über den weit vor seinem Tor stehenden RB-Keeper Peter Gulacsi zum 1:1 ins Netz setzte, geriet das Volksparkstadion mal wieder zu einem Ort der Ekstase. "Ein Tor des Monats", lobte Kapitän Aaron Hunt, der Jatta bescheinigte, "der beste Mann auf dem Platz" gewesen zu sein. Das sah auch die DFB-Jury so, die keinen Spieler des Siegers, sondern Jatta als "Man oft the Match" auszeichnete, zum Ärger des Leipziger Trainers Ralf Rangnick.

Musik und Kaltgetränke nicht nur isotonischer Art gab es nach dem Spiel im Trakt des HSV aber nicht, obwohl das heimische Abendblatt wohlwollend notierte, es sei ein "berauschender Pokalabend" gewesen. Aber die Chance, zehn Jahre nach dem Halbfinal-Aus gegen Werder Bremen "etwas Historisches zu schaffen", wie Vorstandschef Bernd Hoffmann vorher geträumt hatte, wurde nicht erfüllt. Gleichwohl war es, so Hoffmann, für den HSV der "größte Fußballfeiertag seit zehn Jahren".

Die im Pokal erzielten Einnahmen könnten dem HSV finanziell ein kleines Stück auf die Beine helfen. Viele wunderten sich, dass der hochverschuldete Klub am Dienstag die Lizenz für das kommende Profijahr - ob erste oder zweite Liga - ohne Auflagen erhielt. Sollte der HSV aber nicht sofort wieder aufsteigen, muss der Etat noch einmal deutlich verringert werden und sich dem Zweitliga-Niveau mehr anpassen.

Nach den vergangenen trostlosen Heim-Auftritten in der zweiten Liga (2:3 gegen Abstiegskandidat Darmstadt, 1:2 gegen Abstiegskandidat Magdeburg, 1:1 gegen Abstiegskandidat Aue) fanden Fans und Profis am Dienstagabend wieder zusammen. Das kam mit dem von den Anhängern angestimmten Lied "Mein Hamburg lieb' ich sehr" besonders zum Ausdruck. Die aufgefrischte Gemeinschaft könnte in den nächsten Wochen noch viel wert sein. Die Hanseaten müssen nun zwar nicht am 19. Mai beim Pokal-Finale in Berlin antreten, dafür aber schon am kommenden Sonntag im äußerst wichtigen Zweitliga-Duell gegen den Tabellenvierten Union Berlin.

Wenn es dumm läuft, könnte sich der aktuelle Tabellenzweite HSV anschließend auf Tabellenrang vier wiederfinden. Aber der aufopferungsvolle Kampf gegen das drittbeste deutsche Team hat dem nach fünf sieglosen Spielen in die Kritik geratenen Trainer Hannes Wolf neuen Mut gespendet: Man habe "die Messlatte in Sachen Bereitschaft hochgelegt", sagte er nach dem Kampf gegen Leipzig. Er wisse aber, dass "ab jetzt wieder andere Fußballspiele folgen". Zum Beispiel eben in Berlin.

Gegen Leipzig war neben dem athletischen Jatta, der auch tempomäßig mit den schnellen Leipzigern mithalten konnte und von manchem als "Urgewalt" bezeichnet wurde, auch der Brasilianer Douglas Santos erstklassig. Der Olympiasieger, der diesmal auf der Spielmacher-Position eingesetzt wurde und alle gefährlichen Vorlagen gab (zweimal nutzte Khaled Narey die Zuspiele nicht), wird wohl der schwerwiegendste Verlust im Sommer sein. Er ist einer der wenigen Profis, die dem klammen HSV die Kassen füllen können. Aufgerufen sind als Ablöse etwa 20 Millionen Euro.

Aber noch soll Santos beim Wiederaufstieg helfen. Nach dem Spiel gegen Leipzig ist er da guter Dinge. Man habe "in der ersten Hälfte richtig guten Fußball gespielt, unsere Brust ist jetzt breiter", berichtete er über den seelischen Zustand der Kollegen. Was gegen das HSV-Team spricht, sprach Stürmer Pierre-Michel Lasogga aus. Es sei ein "HSV-Phänomen", dass man gute Spiele gegen Top-Mannschaften zeige, "aber gegen die kleineren Vereine haben wir es nicht hingekriegt".

Wenn es das aktuell jüngste Zweitliga-Team nicht hinbekommt, schwächere Gegner auszuspielen, wird es schwierig werden, in die Bundesliga zurückzukehren. "Man sieht dem ein oder anderen jungen Spieler an, dass wir den Druck haben, aufsteigen zu müssen", sagte Sportvorstand Ralf Becker. Womöglich werden also nicht die Auswärtsspiele gegen die Aufstiegs-Konkurrenten Union und Paderborn die größte Hürde auf dem Weg zurück sein, sondern die Heimspiele gegen die Abstiegsanwärter aus Ingolstadt und Duisburg.

Eine Gewissheit für die kommende Saison hat der HSV immerhin seit Mittwochnachmittag: Die Arena wird ein weiteres Jahr lang den traditionellen Namen "Volksparkstadion" tragen. Gesellschafter Klaus-Michael Kühne, der 2015 die Namensrechte am Stadion erworben hatte, hat sich mit dem Verein auf ein weiteres Jahr geeinigt, unabhängig davon, ob im Volksparkstadion dann Erstliga- oder Zweitligafußball zu sehen sein wird.