Das Internet ist voll mit Anleitungen, wie man sich selbst einer Transformation unterzieht. Ein handelsüblicher Bauch wird zum Waschbrett verwandelt, durch Smoothies, Kalorienzählen, bis man es schließlich zum angesehenen High-Performer gebracht hat. Eingefordert werden Effizienz und Hingabe, und bei konsequenter Umsetzung kommt man als beste Version seiner selbst aus der Nummer heraus.
Der Stürmer Davie Selke, 30, war immer schon eine imposante Erscheinung, sein Bauch wies immer beeindruckende Konturen auf. Dennoch darf man ihm eine der sagenhaftesten Transformationen des vergangenen Jahres unterstellen. Denn als Selke im Juli 2024 beim Hamburger SV anheuerte, ablösefrei vom 1. FC Köln kommend, hatte er noch als topfitter, aber launischer Hallodri gegolten. „Geldgeiler Taugenichts!“, war Selke seinerzeit aus dem Rheinland hinterhergerufen worden. Und fußballaffine Hansestädter fragten sich: Wie, bitte schön, soll der uns weiterhelfen?
Nun, ein Jahr später, gilt Selke einstigen Kritikern als seltener Glücksfall, der in Hamburg vom ersten Tag an Resilienz und Erfolgshunger etablierte und der den bis dahin unglückseligen HSV mal eben zur ersehnten Rückkehr in die Erstklassigkeit schoss. Mit 22 Saisontreffern noch dazu als Schützenkönig der zweiten Liga. Die Transformation zum verlässlichen und allseits respektierten High-Performer schien abgeschlossen zu sein. Glaubten alle. Glaubte vermutlich auch Davie Selke selbst. Doch jener Davie Selke ist in der Zwischenzeit eben auch Davie Selke geblieben. Und wahrscheinlich liegt darin auch der Grund, warum der Hamburger Aufstiegsheld jetzt keinen Hamburger Erstligafußball erleben wird. Denn wie am Freitag bekannt wurde, hat Selke bis 2027 bei Başakşehir Istanbul unterschrieben: Frisch Verliebte gehen somit getrennte Wege, obwohl sie gerade sehr glücklich miteinander waren.
„Es war das schönste Jahr, das ich als Fußballer erleben durfte“, schwärmte Selke in einem über die HSV-Kanäle publizierten Abschiedsvideo: „Wir haben Dinge erlebt, die uns immer verbinden werden. Das alles wird immer in meinem Herzen bleiben.“ Es darf angenommen werden, dass diese Sentimentalitäten in vollem Ernst ausgesprochen wurden. Und gerade deshalb muss rückblickend festgestellt werden: Selke hat sich wohl gewaltig verzockt.
Man müsste schon sehr tief in den Archiven des Fußballs kramen, um einen vergleichbaren Fall aufzuspüren; mutmaßlich ist die Art und Weise dieser Trennung sogar weltweit einzigartig. Selke hatte nämlich eine Klausel im Vertrag, die im Falle eines Hamburger Aufstiegs sowie nach einer bestimmten Anzahl von Einsätzen automatisch ein weiteres Dienstjahr hinzugefügt hätte. Jene Klausel wurde jedoch mitten in der Rückrunde auf Wunsch des Spielers aus dem Vertrag entfernt. Ein Erklärungsansatz lautet, dass Selke sich voll aufs Hamburger Saisonziel konzentrieren wollte, bei vollem Fokus auf die Gegenwart, ohne Zukunftsthemen am Horizont. Ein anderer Erklärungsansatz wiederum lautet, dass sich Selke sein wohl erfolgreichstes Karrierejahr bei einer neuerlichen Vertragsunterzeichnung vergolden lassen wollte. Der Hamburger Sportvorstand Stefan Kuntz jedenfalls nahm sich des Themas pragmatisch an: Ein glücklicher Davie Selke ist nun mal der treffsicherste Davie Selke. Und da seine Treffer fürs Hamburger Aufstiegsvorhaben gebraucht wurden, wurde die Klausel gestrichen – und Gespräche auf die Tage nach den Feierlichkeiten vertagt.
Als Ersatz für Selke steht nun Leipzigs Yussuf Poulsen bereit
Selke jedenfalls stabilisierte mit seiner Ellenbogen-raus-Mentalität die wackelige Teamhierarchie und traf weiter zuverlässig, unter anderem per Kopf zum wichtigen 3:1 im letztlich entscheidenden Saisonspiel gegen Ulm. Nach Rathausempfang und bierseliger Bustour durch Menschenmassen in der Hansestadt feilschte Selke weiter, angeblich forderte er einen Dreijahresvertrag und ein paar Hunderttausend Euro Extragehalt. Sportchef Kuntz war allerdings nur zu einem Zweijahresvertrag bei immer noch stattlicher Vergütung bereit, bis … ja, bis es auch ihm irgendwann zu bunt wurde.
Nach wochenlangem Eiertanz zogen die Hamburger ihr Vertragsangebot zurück, als Selke-Nachfolger soll jetzt der ein Jahr ältere Yussuf Poulsen von RB Leipzig kommen. Diesem Beschluss liegen auch taktische Erwägungen zugrunde: HSV-Coach Merlin Polzin möchte das Team in der nächsten Saison mehr pressen und schneller umschalten lassen, Poulsen gilt für diesen Ansatz als ideale Fachkraft.
Und Selke? Der hat in seiner Karriere jetzt sämtliche Prestigekategorien durch. Als junger Stürmer galt er als Hoffnung für die deutsche Nationalmannschaft, bei seinen Stationen in Leipzig, Bremen und bei Hertha BSC zwischenzeitlich als sportlicher Sanierungsfall. In Hamburg dürfte er als erfolgreichster Projektarbeiter der Vereinsgeschichte in Erinnerung bleiben: ein Jahr da gewesen, Mission erfüllt – und sich als beste Version seiner selbst davongemacht.


