Süddeutsche Zeitung

Halbfinale im DFB-Pokal:Aus allen Träumen gerutscht

  • Was für ein Drama im Halbfinale des DFB-Pokals: Der FC Bayern verliert im Elfmeterschießen gegen Dortmund, weil kein Versuch verwandelt wird.
  • Die Dortmunder zeigen eine kämpferisch überzeugende Leistung, haben aber bei Schiedsrichterentscheidungen Glück.
  • Lahm, Alonso, Götze und Neuer verfehlen ihre Elfmeter.

Aus dem Stadion von Benedikt Warmbrunn

Zur Ausstattung der Arena in Fröttmaning gehören 75 000 Sitzschalen, dazu zwei angenehm beheizbare Ersatzbänke, dazu ein paar Campinghocker für die Sicherheitsmänner. Nicht zur Ausstattung der Arena gehört allerdings ein solider Klappstuhl aus Holz. Und so blieb Pep Guardiola stehen.

Erst vor drei Wochen, beim DFB-Pokal-Viertelfinale in Leverkusen, hatte sich der Trainer des FC Bayern demonstrativ entspannt auf einen Klappstuhl gesetzt, als es ins Elfmeterschießen ging; sein Team siegte. Am Dienstagabend, im DFB-Pokal-Halbfinale gegen Borussia Dortmund, aber war da kein Klappstuhl, und so stand Guardiola, die Hände in den Hosentaschen vergraben. So sah er, wie Lahm ausrutschte. Er sah, wie Alonso ausrutschte. Er sah, wie Götze verschoss. Er sah, dass Neuer an die Latte schoss.

Er sah, wie Borussia Dortmund das Pokalfinale erreichte.

In einem Spiel, das erst Mitte der zweiten Halbzeit an Dramatik gewann, als beide Mannschaften das Spiel schon für sich hätten entscheiden können, war dieses Elfmeterschießen fast das logische Ende; für Dortmund trafen Gündogan und Kehl vom Elfmeterpunkt zum 3:1-Sieg (1:1, 1:0).

"Das war ein Höllenspiel", sagte Dortmunds Trainer Jürgen Klopp später, "es sollte heute sein!" Guardiola gratulierte dem BVB, er sei "sehr, sehr, sehr stolz" auf seine Mannschaft, die wenig falsch und fast alles richtig gemacht habe. "Im Elfmeterschießen waren wir ein bisschen müde", befand er. Und sonst? "Morgen Training", sagte Guardiola, kurz darauf verschwand er hastig im Bauch des Stadions.

Dieses Pokal-Halbfinale war in den Tagen zuvor von beiden Teams zu einem Ereignis von unwahrscheinlicher Bedeutung hoch geredet worden; für Klopp war es das letzte Spiel gegen den FC Bayern, bevor er im Sommer aufhört; er komme "auf Krawall gebürstet", hatte er angekündigt. Pep Guardiola, der Trainer des FC Bayern, hat die Partie dagegen ein bisschen zum Testlauf für das Halbfinale in der Champions League gegen den FC Barcelona erklärt. Am Montag deutete er, dass er die stärkste Elf seit Wochen aufstellen werde, darunter erstmals wieder Arjen Robben.

Es war eine Finte. Eine erste.

Die zweite Finte war die tatsächliche Aufstellung. Fünf potenzielle Verteidiger standen auf dem Spielberichtsbogen, doch nur drei von ihnen spielten in der Abwehr: Medhi Benatia rechts, in der Mitte Jérôme Boateng, links Rafinha. Die anderen beiden, Mitchell Weiser und Juan Bernat, agierten zwar gelegentlich als vorgerückte Außenverteidiger, meistens aber spielten sie eher als eine Art defensivbedachte Flügelstürmer. Spielaufbau in der Mitte, Vorstöße über die Außen, dann flink in den Strafraum, das war der Plan.

Dortmund dagegen lauerte auf Fehler, Shinji Kagawa, Marco Reus und Pierre-Emerick Aubameyang stellten sich in der gegnerischen Spielfeldhälfte in den Weg. Lange Zeit war das Spiel daher davon bestimmt, dass sich Boateng mit den Mittelfeldspieler Xabi Alonso und Philipp Lahm in der eigenen Hälfte die Bälle zuspielte, manchmal verloren sie sich dabei ein wenig in der Kurzpassigkeit des Seins.

Bis zum Führungstor war dieses Halbfinale daher davon geprägt, dass sich beide Mannschaften darin stritten, wer unscheinbarer wirken kann, und Dortmund gewann zunächst. Der FC Bayern spielte sich immer wieder über die Außen, über Bernat und Weiser, an den Strafraum, sammelte so zumindest einen Vorsprung in der Eckballstatistik. Die beste Chance hatte Thomas Müller mit einem Kopfball (14.).

Bayern spielt dominanter

Dann fing Benatia ein Zuspiel von Kagawa ab, er spielte einen weiten Ball auf Lewandowski, der ehemalige Dortmunder Stürmer rannte auf das Tor zu, lupfte den Ball an den Pfosten, den Abpraller schob er cool über die Linie. Weil BVB-Innenverteidiger Sokratis hibbelig in die Höhe hüpfte.

Nach der Führung wurde das Spiel des FC Bayern dominanter. Drei Minuten nach der Pause passte Weiser zu Müller, Langerak parierte. Wenig später rannte Lewandowski alleine auf das Tor zu, er schoss - an die Latte (55.); einen zweiten Versuch von Müller wehrte Marcel Schmelzer im Strafraum ungestraft mit der Hand ab. Zwei Minuten später scheiterte Thiago mit einem Drehschuss. Das zweite Tor des FC Bayern schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein.

Und Dortmund? Hatte schließlich doch noch die erste echte Torchance der Partie. Nach einem Fehlpass von Alonso stand Reus frei im Strafraum, sein Schuss wurde abgefälscht, Eckball (52.). Bis der Ball erstmals aufs Tor kam, dauerte es weitere 20 Minuten. Dann fing FCB-Torwart Manuel Neuer lässig einen Kopfball von Aubameyang. Und auf einmal legte auch Dortmund seine Unscheinbarkeit ab.

Jakub Blaszczykowski spielte eines der wenigen hohen Dortmunder Zuspiele zum Mann auf den eingewechselten Henrikh Mkhitaryan. Nach dessen flacher Flanke schoss Aubameyang aus spitzem Winkel aufs Tor, Neuer konnte den Ball erst hinter der Torlinie abwehren, der Ausgleich (75.).

Dortmund drückte nun, die Gäste spielten nun endlich tatsächlich ein bisschen, als ob sie auf Krawall gebürstet seien. Schneller, direkter, präziser führten sie ihre Angriffe aus. Nach einem Distanzschuss von Mkhitaryan wehrte Neuer noch mit Glück zur Ecke ab (80.), zwei Minuten später reagierte der Torwart gedankenschnell gegen Marco Reus und lenkte einen platzierten Schuss noch um den Pfosten. Es war die letzte nennenswerte Gelegenheit der regulären Spielzeit - die für den FC Bayern einen bitteren Beigeschmack hatte: Arjen Robben musste 16 Minuten nach einer Einwechslung wieder raus, immer wieder hatte er sich an die Wade gefasst (84.), Muskelfaserriss lautete die erste Diagnose, er wird dem FC Bayern wohl im Halbfinale der Champions League fehlen.

In der Verlängerung übernahm der FC Bayern wieder die Kontrolle, doch die Mannschaft wusste mit dem Ballbesitz nur wenig anzufangen. Die beste Chance hatte der eingewechselte Bastian Schweinsteiger, der nach einem Freistoß von Alonso über das Tor köpfte (102.). Dortmund dagegen zog sich immer weiter zurück, vor allem nach der gelb-roten Karten für Kevin Kampl (108.). Der Gastgeber näherte sich so in den Schlussminuten immer mehr dem Tor des Gegners, erneut scheiterte Schweinsteiger ganz frei mit einem Kopfball (115.).

"Wir hätten das Spiel vorher entscheiden müssen", stellte Lahm später fest.

Stattdessen vergrub Guardiola seine Hände in den Hosentaschen. Und Lahm und Alonso rutschten aus.

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SZ vom 29.04.2015/jbe
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